Dokfilm-Festival Visions du Réel geht dem Geschehen auf den Grund
Das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon sieht sich als Kompass in einer Welt, in der «die Realität immer mehr in den Hintergrund tritt». Im nationalen Wettbewerb sind dieses Jahr auffällig viele Filme aus der Deutschschweiz dabei.

Eröffnen wird das Festival am Freitagabend mit «Cover-Up» von Laura Poitras und Mark Obenhaus. Der Dokfilm zeichnet ein Porträt des US-Journalisten Seymour Hersh, der zu Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg, zu Watergate oder Foltermethoden im Gefängnis Abu Ghraib im Irak recherchiert hat. Der Film lief bereits ausser Konkurrenz an den letztjährigen Filmfestspielen in Venedig.
Poitras habe «zwanzig Jahre gebraucht, um Hersh zur Teilnahme zu bewegen», sagte Emilie Bujès, künstlerische Leiterin des Festivals, im März bei der Programmankündigung der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Oscar- und Pulitzerpreisträgerin ist vor allem für ihren Film «Citizenfour» (2014) bekannt, der die Anfänge der Affäre um Whistleblower Edward Snowden nachzeichnet. Sie wird als Spezialgast in Nyon die den Branchenmitgliedern vorbehaltene Sektion «VdR–Industry» eröffnen.
Für den diesjährigen internationalen Langfilmwettbewerb sind dreizehn Filme programmiert, davon drei mit schweizerischer Handschrift: die französisch-schweizerische Koproduktion «Dentro» von Elsa Amiel, die schweizerisch-französische Koproduktion «Saudades Eternas» von Emma Boccanfuso und «Heat» von Jacqueline Zünd.
Die Regisseurin Zünd ist aus Zürich und befasst sich nicht nur in diesem Werk mit der Hitze auf unserem Planeten. So war sie im vergangenen Jahr am Locarno Film Festival mit ihrem Spielfilmdebüt «Don't Let the Sun», der Fragen zum Einfluss der Hitze auf menschliche Beziehungen stellt.
Im nationalen Wettbewerb sind im Vergleich zu den Vorjahren Deutschschweizer Produktionen mit sieben von 13 Filmen stark vertreten. Davon kommen gleich zwei Produktionen aus der Zürcher Hochshule der Künste. Einer davon ist «Allmend» des Filmemachers Jonathan Jäggi. Die intime Doku zeigt Begegnungen, die die um ihren Vater trauernde Lilo auf der Zürcher Allmend macht. Dort sucht sie nach dem, was ihr Vater zwischen Autobahn und Natur beobachtet haben könnte.
Neu am diesjährigen Visions du Réel ist die Sektion «Borderlight». Sie ist für Spielfilme vorgesehen, die eng an die Realität angelehnt sind. Aus der Deutschschweiz ist hier der Film «Tristan Forever» von Tobias Nölle und Loran Bonnardot zu sehen, der seine Weltpremiere im Februar an der Berlinale hatte.
Der Film fragt danach, ob es für jeden Menschen einen für ihn bestimmten Ort gibt. Er handelt von einem Arzt, der auf die abgelegene Vulkaninsel Tristan da Cunha im Südpazifik übersiedeln will, die für ihn seit Jahren Zufluchtsort ist.
Zum gesamten Programm mit seinen 164 Filmen aus 75 Ländern, davon überdurchschnittlich viele aus dem Iran, sagte die künstlerische Leiterin des Festivals im März, dass die Filme mit einer gewissen Verzögerung auch das internationale Zeitgeschehen spiegelten – in diesem Jahr «mit Bezug zur Ukraine, zu Israel und zum Iran». Das 57. Visions du Réel dauert bis zum 26. April.










