Darum wollen Eltern von Crans-Montana-Opfern Brand-Bilder sehen
Angehörige der Crans-Montana-Opfer sollen Einsicht in Aufnahmen der Brandnacht erhalten. Ist das sinnvoll oder kontraproduktiv für die Trauerverarbeitung?

Das Wichtigste in Kürze
- Vier Monate nach dem Brand können Angehörige der Opfer erstmals Aufnahmen einsehen.
- Die Einsicht – so Experten – helfe, das Geschehen zu verstehen und Trauer zu verarbeiten.
- Dennoch können die Aufnahmen erneut belasten – zu fachlicher Begleitung wird geraten.
Gut vier Monate sind vergangen seit der tragischen Brandnacht in Crans-Montana VS in der Bar «Le Constellation».
Das Unglück forderte 41 Menschenleben – und hinterliess tiefe Trauer bei zahlreichen Angehörigen. Sie können nun erstmals die Überwachungsaufnahmen des Silversterbrandes einsehen.
Sie dokumentieren, wie sich das Feuer innerhalb weniger Minuten ausbreitet und Gäste verzweifelt zu entkommen versuchen. Unter dem Material befinden sich zudem Polizeiaufnahmen, die die Körper der eben erst Verstorbenen zeigen.

Warum wollen Angehörige sich die letzten Momente ihrer Liebsten anschauen – und wie sinnvoll ist eine Einsicht überhaupt?
Urs Braun ist Notfallpsychologe und für die psychologische Betreuung von Opfern und Angehörigen zuständig. Gegenüber Nau.ch sagt der Zuger: «Leute möchten verstehen, was passiert ist.»
«Ob wir einen Kreis sehen, der nicht vollständig geschlossen ist, oder einen Film schauen mit Cliffhanger: Wir Menschen haben das ständige Bedürfnis nach abgeschlossenen Geschichten», so der Psychologe.
«Wichtiger Teil der Trauerverarbeitung»
Diese These untermauert auch Bestatter Berto Biaggi vom Schweizerischen Verband der Bestattungsdienste.
Gegenüber Nau.ch argumentiert er: «Für viele Angehörige kann es ein wichtiger Teil der Trauerverarbeitung sein.» Es gehe darum, «Gewissheit über die letzten Momente zu erhalten».
Die Einsicht könne für hinterbliebene Familien und Freunde eine Stütze darstellen. Etwa, um «offene Fragen zu klären und Spekulationen zu vermeiden», glaubt Biaggi.
Braun vermutet jedoch auch ein juristisches Motiv: Angehörige würden herausfinden wollen, «ob und welche Fehler bei der Brandnacht passiert sind».
Doch jede Medaille hat zwei Seiten. So birgt es auch Risiken, wenn sich Angehörige die Überwachungsaufnahmen anschauen.
Aufnahmen könnten Angehörige psychisch belasten
Etwa könnten die Aufnahmen erneut aufwühlen, gar die Trauerverarbeitung erschweren. «Die Aufnahmen können sehr traumatisierend und belastend sein», gibt Biaggi zu bedenken
Es sei nicht auszuschliessen, dass sich die Einsicht «eventuell sogar negativ auf die Psyche auswirkt».
Angehörige erhoffen sich – so Biaggi – von der Einsicht vor allem eines: «Besser mit dem Verlust umgehen zu können.»
Der Bestatter findet, man sollte «selbstbestimmt entscheiden können», ob man die Überwachungsaufnahmen sehen möchte. «Idealerweise begleitet durch eine Fachperson.»
Angehörige müssen sich «gut darauf vorbereiten»
Genau da kommt die Arbeit von Braun zum Zug. Als Erstes gehe es darum, «die Motive herauszuarbeiten, warum der Wunsch auf Einsicht besteht».
«Würden sich Angehörige, die die Aufnahmen einsehen wollen, an mich richten, würde ich sie schrittweise gut darauf vorbereiten.»
Dies senke das Risiko einer sekundären Traumatisierung – also einer Reaktion verursacht durch die Konfrontation mit traumatischen Ereignissen anderer Menschen.

















