Crans-Montana: Darum schiesst Meloni scharf gegen die Schweiz
Druckmittel und harte Vorwürfe: In der Aufarbeitung der Brand-Katastrophe von Crans-Montana lässt Italien kein gutes Haar an der Schweiz. Was steckt dahinter?

Das Wichtigste in Kürze
- Meloni zieht den Botschafter in der Schweiz ab und knüpft dessen Rückkehr an Bedingungen.
- Sie kritisiert die Schweizer Justiz im «Massaker von Crans-Montana» wiederholt scharf.
- Was hat es mit dieser Vehemenz auf sich? Experten ordnen ein.
Schon am frühen Neujahrsmorgen war klar, dass unter den Opfern der Brand-Katastrophe von Crans-Montana wohl viele ausländische Staatsangehörige sein werden.
Später bestätigte sich, dass unter den 40 Todesopfern «nur» 22 Schweizer waren. Sechs Opfer stammen aus Italien, neun aus Frankreich.
Frankreich kündigte bereits früh an, wegen der Opfer aus dem eigenen Land ein internationales Strafverfahren zu eröffnen.
Auch Italien hielt sich von Beginn weg nicht zurück. Im Gegenteil. Man preschte vor.
Noch vor Beginn der zweiten Medienkonferenz am Nachmittag des 1. Januar liess der italienische Aussenminister Antonio Tajani durchsickern, es seien wohl 47 Menschen beim Brand ums Leben gekommen.
Kurze Zeit später stellten die Schweizer Behörden vor den Medien klar, dass die Anzahl der Todesopfer bei 40 liege.
«Eine Schande»
Der Brand in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana hat zwischen der Schweiz und Italien in der Folge einen diplomatischen Streit ausgelöst.
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat das Vorgehen der Schweizer Justiz mehrfach scharf kritisiert und am Samstag sogar ihren Botschafter in der Schweiz abgezogen und nach Rom beordert.
Melonis Forderung: Der Botschafter soll erst wieder zurückkehren, wenn ein Ermittlungsteam bestehend aus Beamten beider Länder gebildet wird.
Auch der Umstand, dass Bar-Besitzer Jacques Moretti auf Kaution freigelassen wurde, ist von Italien mit Empörung quittiert worden. Dies sei «eine Schande» und «eine schwere Beleidigung und ein weiterer Schmerz für die Familien der Opfer», so Meloni und Tajani.
Weshalb mischt sich Italien von höchster Stufe derart in die Schweizer Geschicke ein? Simon Zemp vom Think Tank «foraus», einem Forum für Schweizer Aussenpolitik, erklärt dies mit innenpolitischer Motivation.
Denn die Schweiz und die Walliser Ermittlungsbehörden würden bei der Berichterstattung über Crans-Montana nicht gut wegkommen.

«Meloni kann diese Stimmung nun gezielt aufnehmen, versuchen Sympathiepunkte zu sammeln und sich als Verfechterin einer strengen Strafverfolgung profilieren», so der Polit-Experte.
Insbesondere hinsichtlich ihrer Pläne für eine umfassende Justizreform im eigenen Land dürfte Meloni gemäss Zemp mit der Causa Crans-Montana versuchen, «einen für sie dienlichen Rückenwind zu erhalten».
Denn auch in Italien hätten direktdemokratische Instrumente eine lange Tradition. Im März 2026 stimmt das Volk über die Reformpläne Melonis ab.
«Medienwirksames Manöver»
Der Abzug eines Botschafters ist gemäss Zemp ein «medienwirksames Manöver», das gerne als Zeichen des Protests benutzt wird.
«Damit kann Meloni insbesondere auf die innenpolitische Stimmung in Italien reagieren und ihre Handlungsbereitschaft unter Beweis stellen.»

Auch international könne damit der Unzufriedenheit Italiens Ausdruck verliehen werden.
Die Schlagzeilen seien garantiert, substanzielle realpolitische Auswirkungen dürfte man sich davon jedoch selbst in Rom kaum versprechen, so der Experte von «foraus».
Denn sowohl in der Schweiz als auch in Italien gilt die Gewaltenteilung. Die Politik kann der Strafjustiz nicht vorschreiben, ob etwas zu tun oder zu unterlassen ist. Meloni wie auch der italienische Aussenminister seien sich dessen sehr bewusst, betont Simon Zemp.
Experte: «Auch Italien hat Strafanspruch»
Aus rechtlicher Sicht darf Italien in der Causa Crans-Montana ermitteln. Strafrechtsprofessor Andreas Eicker erklärt: «Nach dem Territorialitätsprinzip ermittelt diejenige Strafjustiz, auf deren Territorium das Delikt begangen wurde, also die Schweiz.»
Auf Grundlage des aktiven und passiven Personalitätsprinzips können gemäss Eicker aber auch jene Staaten ermitteln, deren Nationalität die Täterschaft trägt oder deren Nationalität die Opfer haben, also Italien und Frankreich sowie weitere.

Eine strenge Hierarchie dieser Anknüpfungsprinzipien gebe es nicht. «Folglich haben auch Italien und Frankreich einen Strafanspruch. Im Falle einer mehrfachen Verfolgung und Verurteilung stellt sich die Frage der Strafanrechnung», so der Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Luzern.
Eicker geht davon aus, «dass die italienische Regierung innenpolitisch unter Druck steht, für ihre Opferfamilien maximale Aufklärung zu verlangen und deshalb in dieser Form reagiert.»
Schweiz soll «kühlen Kopf bewahren»
In der Schweiz sind Politiker von links bis rechts empört über das Verhalten der Italiener.
Die Äusserungen würden einen Eingriff in die schweizerische Souveränität darstellen, kritisieren SP-Ständerat Carlo Sommaruga und der Tessiner FDP-Nationalrat Alex Farinelli gegenüber RTS.
«Es steht einem Aussenminister nicht zu, einem souveränen Staat vorzuschreiben, wie er die Justiz organisiert», so Sommaruga, der die aussenpolitische Kommission des Ständerats präsidiert.

Simon Zemp vom Aussenpolitik-Forum «foraus» rät der Schweiz, Ruhe und vor allem einen kühlen Kopf zu bewahren: «In keinem Fall darf die Unabhängigkeit der Justiz untergraben werden.» Schon gar nicht unter politischem Druck aus Rom.
Wie am Mittwoch bekannt wurde, sollen sich die Walliser und die römische Staatsanwaltschaft Mitte Februar treffen. Es sei der erstmögliche Termin für die Staatsanwaltschaft in Rom.



















