Bestatter

    Crans-Montana: Bestatter raten Eltern davon ab, in Särge zu sehen

    Rowena Goebel
    Rowena Goebel

    Crans-Montana,

    Bei besonders schweren Verbrennungen raten Bestatter Angehörigen meist davon ab, Verstorbene noch zu sehen. Wie Abschiednehmen trotzdem möglich ist.

    crans-montana
    Eines der jungen Todesopfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana wird am Montag, 5. Januar, nach Italien überführt. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Brandkatastrophe von Crans-Montana fordert 40 Menschenleben.
    • Die Hälfte der Opfer war minderjährig, die meisten anderen ebenfalls sehr jung.
    • Bei schweren Verbrennungen wird Angehörigen meist abgeraten, Verstorbene noch zu sehen.
    • Ein Bestatter erklärt, wie er in solchen Fällen einen Abschied trotzdem möglich macht.

    Seit wenigen Tagen herrscht für die Angehörigen von 40 Menschen Gewissheit: Ihre Kinder, Geschwister, Freunde oder Liebsten kommen nicht mehr nach Hause.

    Die Hälfte der Todesopfer war noch minderjährig, die meisten anderen unter 25 Jahren. Viele Eltern haben in der Silvesternacht ihre Kinder verloren.

    Die Verletzungen der Verstorbenen sind teilweise so schwer, dass sie nicht mehr visuell identifiziert werden konnten. Die Ermittler griffen unter anderem auf DNA-Analysen zurück.

    Das macht auch die Trauerarbeit für die Angehörigen nicht einfacher. Dem Kind ein letztes Mal über das Gesicht streichen, seine Hand zu berühren – Dieser Abschied fällt für viele weg.

    «Offen kommunizieren» ist wichtig

    Bestatter Berto Biaggi vom Schweizerischen Verband der Bestattungsdienste sagt gegenüber Nau.ch: «Bei sehr starken Verbrennungen raten Bestatter den Angehörigen meist davon ab, die verstorbene Person zu sehen. Ist eine Identifikation nur noch via DNA-Analyse möglich, kann man sich kaum vorstellen, dass das noch jemand sehen möchte.»

    Es sei aber jeder Fall individuell, und auch die Bedürfnisse der Familien unterschiedlich. «Zudem können wir immer nur eine Empfehlung abgeben.»

    Selbst bei sehr schweren Verletzungen sind teilweise noch Rekonstruktionen möglich. «Oft lassen sich durch eine fachgerechte Versorgung gute Ergebnisse erzielen, die es den Angehörigen ermöglichen, Abschied zu nehmen.»

    Dann ermuntert Biaggi die Angehörigen zu Verarbeitungszwecken auch dazu, den Körper anzusehen.

    Hast du Erfahrung mit Trauerarbeit?

    «Es gibt aber auch Situationen, die keine Rekonstruktion mehr zulassen», erklärt der Bestatter. Das gilt unter anderem für Verstorbene, die über 1000 Grad Hitze ausgesetzt waren.

    In solchen Fällen sei es wichtig, den Angehörigen «offen zu kommunizieren, wie das Bild der verstorbenen Person aussieht».

    Nähe zu Sarg kann helfen

    Wichtig ist es, Abschied nehmen zu können. Auch in Fällen, in denen nicht mehr empfohlen wird, die verstorbene Person zu sehen.

    «Häufig hilft es, sich vom Körper verabschieden zu können, der in einer Hülle und einem Tuch eingehüllt ist. Man kann die Person zwar nicht sehen, doch das Wissen, dass das Familienmitglied vor einem ist, hilft», sagt Biaggi.

    Auch ein Abschied am geschlossenen Sarg könne helfen. «Sind nur Teile des Körpers von schweren Verletzungen betroffen, kann man beispielsweise auch eine Hand freilegen.»

    Nicht alle Todesopfer von Crans-Montana äusserlich schwer verletzt

    Betroffen sind nicht alle Familien der Todesopfer von Crans-Montana.

    Die Eltern des italienischen Golftalents Emanuele Galeppini berichten, der 16-Jährige habe keine äusseren Verbrennungen aufgewiesen. Wie die italienische Zeitung «La Repubblica» schreibt, seien auch seine persönlichen Gegenstände nicht verbrannt gewesen.

    Galeppini
    Emanuele Galeppini soll keine äusseren Brandverletzungen aufgewiesen haben. - Instagram

    Noch ist unklar, ob er sich zum Zeitpunkt des Brands inner- oder ausserhalb der Bar befunden habe.

    Möglicherweise verstarb der Jugendliche an einer Rauchgasvergiftung. Die Todesursache ist jedoch nicht bestätigt, eine Autopsie erfolgte den Eltern zufolge nicht.

    Seine Leiche wurde gemeinsam mit den fünf weiteren italienischen Opfern am Montag nach Italien gebracht.

    crans-montana verbot wunderkerze
    Laut Zeugen war sie es, die mit Wunderkerzen die Decke in Brand setzte. Auch die 24-jährige Kellnerin überlebte die Nacht nicht. - Facebook

    Insgesamt starben noch 34 weitere vor allem junge Menschen aus anderen Ländern, die meisten aus der Schweiz. 116 Personen sind verletzt, viele davon schwer. Ein Teil von ihnen schwebt in Lebensgefahr.

    Die Ermittler gehen davon aus, dass Wunderkerzen auf Champagnerflaschen die Decke entzündeten. Gegen die Betreiber läuft eine Strafuntersuchung, die Gemeinde hat Zivilklage eingereicht.

    ***

    Brauchst du Hilfe?

    Betroffene der Crans-Montana-Tragödie können sich bei Bedarf an den Verein www.familientrauerbegleitung.ch wenden. Dort erhalten sie Unterstützung durch ausgebildete Fachpersonen in ihrer Region.

    In Trauergruppen haben Betroffene zudem die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen auszutauschen.

    Bist du selbst depressiv oder hast du Suizidgedanken? Dann kontaktiere bitte umgehend die Dargebotene Hand (www.143.ch).

    Unter der kostenlosen Hotline 143 erhältst du anonym und rund um die Uhr Hilfe. Die Berater können Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen. Auch eine Kontaktaufnahme über einen Einzelchat oder anonyme Beratung via E-Mail ist möglich.

    Für Kinder oder Jugendliche steht die Notrufnummer 147 zur Verfügung.

    Hilfe für Suizidbetroffene: www.trauernetz.ch

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