Féraud soll sich bei Italienern entschuldigen

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Crans-Montana,

Crans-Montanas Gemeindepräsident Nicolas Féraud verweigerte an der Medienkonferenz Italienisch. Italien wolle Respekt für seine Opfer, sagt ein Journalist.

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«Entschuldigen Sie, aber heute spreche ich nur Französisch», antwortete Nicolas Féraud – in einwandfreiem Italienisch. - SRF

Das Wichtigste in Kürze

  • Nicolas Féraud spricht gut Italienisch, hielt die Medienkonferenz aber auf Französisch ab.
  • Dies sei keine Haltung der Nähe, kritisiert ein italienischer Journalist.
  • Ein Kommunikationsexperte weiss, wie der Gemeindepräsident den Fehler ausbügeln kann.

Im Sarg kehren sechs Teenager nach Italien zurück. Sie sind bei der Brandkatastrophe in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana VS gestorben. 14 Italienerinnen und Italiener wurden verletzt.

Elf von ihnen liegen mit schweren Brandverletzungen im Mailänder Spital Niguarda. Ihr Zustand ist kritisch.

Trauer und Wut sind in Italien gross. Die Italienerinnen und Italiener fordern Antworten auf die vielen offenen Fragen. Darauf, wie es in der vorbildlichen Schweiz zu einer derartigen Katastrophe kommen konnte.

«Spreche nur Französisch»

Zahlreiche Fragen kommen an der Medienkonferenz vom Dienstag deshalb von italienischen Medienvertretern. Ob er ihm eine Frage auf Italienisch stellen könne: Dies fragt ein Journalist des TV-Senders «La7» Crans-Montanas Gemeindepräsidenten Nicolas Féraud. «Ich weiss, dass Sie gut Italienisch sprechen», erklärt er.

Féraud erteilt ihm jedoch eine Absage. «Entschuldigen Sie, aber heute spreche ich nur Französisch», antwortet er – in einwandfreiem Italienisch.

War Nicolas Férauds Auftritt an der Medienkonferenz gut?

Dies schüchtert die italienischen Journalistinnen und Journalisten ein. Einige entschuldigen sich für «mein Französisch», bevor sie die Frage auf Französisch stellen. Andere erklären sich beim Gemeindepräsidenten höflich. Sie machten ihm klar, dass sie die Frage nur auf Italienisch stellten, er aber auf Französisch antworten könne.

Italienisch fällt ihm leicht

Die Gelegenheit, sein Italienisch offiziell auszupacken, nimmt Nicolas Féraud auch gegen Ende der Konferenz nicht wahr.

Der italienische Botschafter habe gesagt, dass es sich um eine unausweichliche Katastrophe gehandelt habe, sagt ein italienischer Journalist. «Wollen Sie sich heute vielleicht bei den betroffenen Familien entschuldigen?», fragt er unter anderem.

Kühl antwortet Féraud: «Der Botschafter kann sagen, was er sagen möchte.»

Derweil beweist er nochmals, dass ihm die italienische Sprache eigentlich leicht fällt.

«Qual era la sua prima domanda?», fragt Féraud. Zu Deutsch: «Wie lautete Ihre erste Frage?»

Reporter ist verärgert

Gianmarco Sansolino besuchte die Konferenz für den TV-Sender «Mediaset».

Seiner Meinung nach habe der Bürgermeister gegenüber den italienischen Medien eine verschlossene Haltung gezeigt, sagt er zu Nau.ch. «Italien will nur Klarheit und Respekt für seine Opfer.»

Die Verschlossenheit von Nicolas Féraud erachtet Sansolino als unnötig. «Es ist sicherlich keine Haltung der Nähe, die so oft proklamiert wird.»

«Grösseren kommunikativen Einsatz erwartet»

Der Italienisch-Bann ist auch in der Talksendung «Storie italiane» vom Mittwoch Thema.

Es sei ärgerlich gewesen, dass an der Medienkonferenz nur Französisch gesprochen worden sei. Dies sagt «Rai»-Reporter Alessandro Politi. Viele Kolleginnen und Kollegen beherrschten kein Französisch, sondern Englisch und Deutsch. «So konnten wir auf die Antworten gar nicht reagieren.»

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«Entschuldigen Sie, aber heute spreche ich nur Französisch», antwortete Nicolas Féraud – in einwandfreiem Italienisch. - SRF

In der Talksendung übt auch ein Anwalt Kritik. «Umso schlimmer ist, dass Italienisch eine offizielle Schweizer Landessprache ist», sagt er. «Wie erlaubst du dir, nicht Italienisch zu sprechen?», sagt er kopfschüttelnd.

Alessandro Politi sagt gegenüber Nau.ch, dass es sich bei der Brandkatastrophe um eine Tragödie mit internationalem Ausmass handle. Die Präsenz ausländischer Medien, vor allem italienischer, sei massiv. «Man hätte einen grösseren kommunikativen Einsatz erwarten können.»

Dies hätte laut dem Reporter geholfen, Missverständnisse und ungenaue Aussagen zu verhindern.

«Dachte, ich höre nicht recht»

Kommunikationsexperte Stefan Häseli hat die Medienkonferenz aufmerksam verfolgt.

«Ich dachte, ich höre nicht recht», sagt er. Er hätte erwartet, dass der Gemeindepräsident auch Italienisch spreche oder zumindest eine italienische Übersetzung geboten werde.

«Der Bundesrat richtet sich an jeder Pipifax-Medienkonferenz auch in italienischer Sprache an die Medienvertreter», sagt Häseli.

Doch Nicolas Féraud habe nur Französisch sprechen wollen. «Mindestens ein sauberes Statement auf Italienisch, was die Betroffenheit angeht, hätte er bringen können.»

«Das wäre ein schönes Signal»

Laut Häseli kommt es bei solch tragischen Ereignissen auf die feinen Nuancen an. «Sich der Sprache der Geschädigten zu verweigern, macht wütend und ist arrogant.» Um einen Verdacht komme er nicht herum: «Dass es dem Gemeindepräsidenten an Empathie mangelte.»

Der Kommunikationsexperte sieht aber eine Chance, dies wiedergutzumachen. Er schlägt vor, dass Nicolas Féraud an der nächsten Medienkonferenz sein Verhalten bedauert und sich entschuldigt. «Wenn er dies in den ersten fünf Minuten der Medienkonferenz täte, könnte er viel Goodwill schaffen.»

Auch Gianmarco Sansolino sagt: «Das wäre ein schönes Signal.»

Warum der Gemeindepräsident nicht bereit war, Italienisch zu sprechen, bleibt unklar. Der Fall liege nun in den Händen der Staatsanwaltschaft, teilt die Gemeinde auf Anfrage mit. «Bis auf Weiteres wird die Gemeinde keine weiteren Kommentare zu diesem Thema abgeben.»

Ihre Gedanken seien bei den Opfern, den Familien und ihren Angehörigen.

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