Brandopfer-Mutter wird gekündigt – weil sie Sohn im Spital beisteht
Ihr Sohn liegt nach der Tragödie im Spital und kämpft ums Überleben, während die Mutter eines Crans-Montana-Opfers ihren Job verliert – per Telefon.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein Arbeitgeber kündigt der Mutter eines Crans-Montana-Opfers.
- Die Familie lebte monatelang in Deutschland, weil der Sohn dort behandelt wurde.
- Der Vater fordert schnelle Gerechtigkeit, damit die Opfer endlich neu anfangen können.
Eine Mutter aus Lutry VS erlebt Monate, die kaum auszuhalten sind: Ihr 18-jähriger Sohn überlebt den verheerenden Brand in Crans-Montana – mit Verbrennungen an 60 Prozent seines Körpers.
Während das Leben ihres Kindes zwischen Intensivstation und Operationen pendelt, verliert sie ihren Job. Per Telefon.
Die Frau möchte anonym bleiben. Sie will ihren Arbeitgeber nicht an den Pranger stellen. Ihr geht es um etwas anderes: Fehlende Menschlichkeit in einer Extremsituation, sagt sie gegenüber «24 heures».
«Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass so etwas passieren kann. Ich möchte, dass andere Arbeitgeber dafür sensibilisiert werden, was Familien durchleben, die von diesem Ereignis betroffen sind.»
Ihre Hoffnung: «Vielleicht hält sie das davon ab, Eltern von Opfern zu entlassen. Ich möchte auch, dass man es nicht vergisst. Der Brand ist sechs Monate her, aber es sind immer noch Jugendliche im Spital.»
Kündigung per Telefon
Es ist April und ihr Sohn ist kurz davor, zurück in die Schweiz verlegt zu werden. Die Mutter rechnet mit allem – nur nicht damit.
«Mein Arbeitgeber fragte mich nach seinem Befinden und teilte mir dann mit, dass mein Vertrag zum 30. Juni auslaufen würde. So könnte ich mich ohne Druck um meinen Sohn kümmern. Ich war geschockt, fassungslos. Als ich aufgelegt hatte, brach ich zusammen.»

Ganz anders beim Arbeitgeber des Vaters: Kolleginnen und Kollegen sammeln Geld, das Unternehmen verdoppelt den Betrag. Als er später wieder arbeiten will, wird er sogar gebremst: Er solle sich Zeit lassen.
Horrorstart am 1. Januar
Alles beginnt mit einem Anruf am Neujahrsmorgen. Ihr Sohn feiert erstmals Silvester ohne Familie. Kurz darauf führt eine Ortungs-App die Eltern ins Spital Bern.
«Das Erste, was der Arzt uns sagte, war, dass sie nicht wüssten, ob er es überstehen würde. Ich habe ihn nicht wiedererkannt. Mein einziger Anhaltspunkt war sein Fuss, der unversehrt war.»
Da in der Schweiz kein Platz in einem spezialisierten Verbrennungszentrum frei ist, wird der Jugendliche nach Halle in Deutschland verlegt. Die Eltern reisen am 4. Januar nach, berichtet «24 heures» weiter.
Einen Monat lang liegt er im künstlichen Koma.
Die Mutter bleibt in Deutschland. Ganze vier Monate verbringt sie dort.
Später folgt die Verlegung ins Chuv in Lausanne. Rückschläge, Infektionen, weitere Operationen. Doch langsam geht es aufwärts. Bald soll er ins Rehabilitationszentrum der Suva in Sion.
Vater hofft auf Gerechtigkeit – und zwar schnell
Die Schuldfrage ist bis heute ungeklärt. Im Fokus der Ermittlungen stehen die Bar-Besitzer Jessica und Jacques Moretti sowie Verantwortliche der Gemeinde Crans-Montana.
Der Vater blickt trotz allem nach vorn, aber mit klarer Forderung: «Ich empfinde weder Hass noch Wut. Allerdings muss Gerechtigkeit walten, die Verantwortlichen müssen benannt werden und dafür büssen.»




















