«Begann zu schreien»: Tierarzt packt über aggressive Halter aus
In der Tierpraxis fliegen immer öfter die Fetzen – und das nicht nur im OP-Saal. Ein Tierarzt erzählt, was er schon alles an dreistem Verhalten erlebt hat.

Das Wichtigste in Kürze
- Beleidigungen und Drohungen gegen Tierärzte nehmen deutlich zu.
- Ein Tierarzt aus St. Gallen erzählt, was er in der Praxis schon alles erleben musste.
- Neben Drohungen und Beschimpfungen gibt es auch Halter, die einfach nicht zahlen.
Von Beleidigungen bis hin zu groben Drohungen: Bei Schweizer Tierärzten gehören Begegnungen mit schwierigen Tierhaltern längst zur Tagesordnung.
Die Tendenz der Vorfälle steigt seit einigen Jahren deutlich an. Ein Tierarzt gewährt bei Nau.ch einen Einblick hinter die Praxistüren.
Vermehrt zugespitzte Situationen
Peter Polajnar ist Geschäftsführer der Tierarztpraxis VetCenter St. Gallen und steht täglich im Kontakt mit Tierbesitzern.
Das verläuft nicht immer reibungslos, im Gegenteil: Begegnungen mit «schwierigen» Tierhaltern gibt es in der Praxis mehrmals im Monat, wie Er berichtet.
Polajnar sagt: «Besonders während unserer Notfall- und Pikettdiensten am Abend oder am Wochenende kommt es zu angespannten Situationen, wenn die Emotionen hochkochen.»
Die Zahl solcher Fälle habe in den letzten Jahren spürbar zugenommen, so der Tierarzt.
Polajnar berichtet von einem Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Als er sich frühmorgens in einer Notfalloperation befindet, ruft ihn plötzlich eine Halterin an.
«Es handelte sich nicht um einen medizinischen Notfall, sondern um eine Frage, die auch hätte warten können.» Trotzdem hilft er weiter.
Während der Operation spricht Polajnar über die Freisprechanlage mit der Anruferin. Da er währenddessen einen Mundschutz trägt, klagt sie, ihn kaum verstehen zu können.
Schliesslich droht sie dem Tierarzt, eine negative Google-Bewertung zu hinterlassen. «Sie setzte diese Drohung später tatsächlich um, obwohl ich mich in einer lebensrettenden Notoperation befand.»
«Sie begann, laut zu schreien»
In einem anderen Fall läuft eine helfende Geste ins Leere: Die Praxis will einer ukrainischen Flüchtlingsfamilie in ihrer Notlage entgegenkommen und bietet ihre Leistung daher kostenlos an.
Wenig später kehrt die Halterin zurück – und bittet um Geld für Kosmetikartikel. «Als ich dies natürlich ablehnte, begann sie, vor unserer Tierpflegeassistentin laut zu schreien», schildert Polajnar.
Der Tierarzt reicht schliesslich Anzeige ein.
«Familie weigerte sich, Rechnung zu zahlen»
Doch nicht nur mit Beleidigungen und Drohungen musste sich der Tierarzt schon herumschlagen.
«In einem extremen Fall weigerte sich eine Familie nach einem Notfalleinsatz, die Rechnung zu bezahlen. Sie hinterliess falsche Namen und Adressen und verschwand», erzählt Polajnar.
Was der Tierarzt auch feststellt: Die Ansprüche mancher Tierhalter seien im VetCenter St. Gallen in die Höhe geschossen.
Wird ein bereits schwer leidendes Tier in die Praxis gebracht, bedeutet das für das Team einen massiven Druck, sagt Polajnar. Bei Aussichtslosigkeit müssten Behandelnde dann – trotz grösster Bemühungen – als Sündenböcke herhalten.
An die Tierhalter appelliert der Tierarzt, mehr Verständnis zu haben. Er betont: «Wir nehmen als Tierkliniken oft Verluste in Kauf, um in Notfällen rund um die Uhr helfen zu können. Die Kosten für Personal im Pikettdienst sind enorm.»
Doch die Belastung sei nicht nur finanzieller Art. «Drohungen und Beleidigungen belasten das Team enorm. Sie erschweren den wunderschönen Beruf des Tierarztes zunehmend.»
Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte schlug im Februar Alarm: Sie stellt fest, dass es zuletzt 25 Prozent mehr Fälle von aggressivem Verhalten von Tierhaltern gab.













