«Willi» Blaser: «Politik sollte immer Austausch von Meinungen sein»

Andrea Bauer
Andrea Bauer

Bern,

Willkommen in Willi’s Welt: Im Murifeld lebt ein Mann, der mit einem Stift und einem Lächeln die Politik entwirrt und dabei nie den Humor verliert.

Willi heisst eigentlich Matthias Blaser
Karikaturist Willi heisst eigentlich Matthias Blaser. - Daniel Zaugg

Wenn man sich an einem sonnigen Nachmittag ins Berner Murifeld begibt, bietet sich einem ein Bild von beschaulicher Ruhe. Hier und da wird in einem Garten gewerkelt, einige Kinder sausen auf den Quartiersträsschen umher.

Ein friedliches, genossenschaftlich organisiertes Wohngebiet im Osten der Stadt. Seine Geschichte allerdings ist nicht nur friedlich, sondern vor allem auch geprägt von Leidenschaft und einem gehörigen Schuss Mut.

1986 schlossen sich hier die Bewohner zusammen, um sich gegen die angekündigte Sanierung ihrer Häuser mit ziemlicher Vehemenz zu wehren. Und das mit Erfolg!

Heute bestimmen sie nicht nur mit, wie das Siedlungsleben läuft, sondern sind auch geschätzte Akteure in Gesprächen mit der Verwaltung. Und: es ist auch Willi’s Welt.

Wie aus Matthias Willi wurde

Willi heisst eigentlich Matthias Blaser und öffnet uns mit einem breiten Lächeln die Tür. «Was wir hier haben, ist ein Vorzeigemodell», sagt er, als er uns in seine Küche bittet, die noch immer so aussieht, wie das die Küche meiner Grosseltern tat.

Willi
Willi lebt einfach. Aber er lebt mit Stil. - Daniel Zaugg

«Ich brauche nicht viel und meine Ansprüche an die Ausstattung sind bescheiden», lacht er fröhlich und schenkt uns frischen Kaffee ein. Der runde Tisch in der Mitte des Raums, eine Mischung aus Ess-, Arbeits- und Diskussionsfläche, ist das wahre Herzstück seiner Wohnung. Willi lebt einfach. Aber er lebt mit Stil.

«Diese Wohnungen sollen günstigen Wohnraum bieten und Sanierungen so durchgeführt werden, dass zwar die Kosten durch die Mieten gedeckt werden können, nicht aber, dass sich jemand zusätzlich noch daran bereichern kann. Das ist für mich faire Wohnbaupolitik.»

Dass er ein an Geschichte und insbesondere Politik interessierter Mensch ist, spürt man sofort. «Geschichte hat mich schon in der Schule fasziniert, die Politik kam später dazu. Geschichte ist ja nichts anderes als vergangene Politik!»

Bleiben wir doch grad noch etwas in der Vergangenheit. Warum eigentlich wurde aus Matthias «Willi»? Er lacht und erklärt: «Ich habe schon immer gezeichnet. Seit ich denken kann. Kein Fetzen Papier war vor mir sicher und hatte es im Restaurant Papiertischtücher, waren auch die am Ende unseres Besuchs von mir gestaltet! Gemäss meinen Vorbildern Asterix & Obelix und Tim & Struppi, zeichnete ich immer so eine kleine Comic-Figur, vom Aussehen her etwas zwischen Mickey-Mouse und Tintin, und diese brauchte einen Namen.»

Weil er die Cartoon-Serie «Willi Tell» aus der Schweizer Illustrierten so cool fand, nannte er seine Figur schlicht «Willi». Während der Schule schon konnten interessierte Mitschüler für 50 Rappen ein monatliches Abo lösen und bekamen damit von ihm gezeichnete Comics. So wurde er allmählich zum Lieferanten von Humor und guter Laune.

Kreativität und Musik

Oder: der Start in eine kreative Karriere. Parallel dazu war Willi mit seinem Bruder Chrigu Blaser in einer Schülerband als Drummer und Sänger aktiv, später waren sie als «Rock’n’Roll Guys» unterwegs, dann unter dem Namen «T-Bone» erfolgreich, versuchten sich als «Vollmond» an berndeutschem Prog-Rock und rocken heute als «Guitar Explosion» unzählige Bühnen, unter anderem auch regelmässig die der Mühle Hunziken.

Magst du Comics?

«Beruflich liebäugelte ich mit der Kunstgewerbeschule, deren Eignungsprüfung ich tatsächlich auch bestanden hatte. Dennoch aber entschied ich mich für ein allgemeines 10. Schuljahr und eine KV-Lehre in der Leinenweberei Worb. Zum Glück, was mir allerdings erst einige Jahre später bewusst werden sollte», erzählt Willi.

Seine Reise führte ihn daraufhin nach Thun, wo er sich auf einen Job als Verkäufer in einem Hanfladen bewarb. «Als ich mich dort vorstellte, meinte mein zukünftiger Chef, dass er in mir eigentlich nicht einen Verkäufer sehe. Womit er total recht hatte!»

Aber er habe auch noch jemanden gesucht, der für sein Firmenblatt, das «Thuner Hanfblatt» als Schreiber, Zeichner und Blattmacher fungieren könnte. «Darin sah ich sofort meine Berufung», sagt Willi und schwelgt in Erinnerungen.

In einem Ordner feinsäuberlich abgelegt, zeigt er uns einige der damaligen Exemplare. Denn was folgte, war eine grossartige Zeit. «Leider nahm diese ein jähes Ende, da der Freizeitkonsum von THC nicht wie erwartet legalisiert wurde, sondern verboten blieb.»

Humor hilft immer

So wurde der Thuner Hanfladen um die Jahrhundertwende von den Behörden geschlossen. «Ich fiel schon etwas in ein Loch», meint Willi nachdenklich. «Und ohne Zeichnen hätte ich es wohl nicht da rausgeschafft. Hier konnte ich mit Humor das Erlebte verarbeiten und schuf mir mit Bundesrat Brändli meinen eigenen fiktiven Schweizer Bundesrat

Willi
«Politik sollte immer ein Austausch von Meinungen sein», sagt Willi mit Überzeugung. - Daniel Zaugg

Also quasi einen «Papa Moll» der Politik. «Dieser geniesst das Privileg, solange im Amt bleiben zu können, wie es ihm gefällt.» Und obwohl dieser Charakter frei erfunden ist, so weist er doch etliche Bezüge zur realen Schweiz und deren «Classe Politique» auf.

«Ja, er ähnelt ein bisschen Dölf Ogi und Sämi Schmid, ist ein lieber, gmögiger Mensch, der gerne einfache Lösungen hat», umschreibt er «seinen» Bundesrat. Die Grundzeichnung zu dieser Figur mache er immer von Hand, scanne sie ein und modifiziere sie dann mithilfe eines Grafikprogramms.

«Politik sollte immer ein Austausch von Meinungen sein», sagt Willi mit Überzeugung. «Man muss sich auf den Standpunkt des anderen einlassen können. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil wir in einer Welt leben, in der sich jeder als Experte fühlt.» Auch er habe seine Werte und Moralvorstellungen, an welche er sich halte.

«Mir ist wichtig, dass ich nur Dinge mache, hinter denen ich zu 100 Prozent stehen kann. Keine rassistischen Comics, keine Aussagen, die meinen moralischen Werten widersprechen.» Damit er sich das leisten kann, lebt er entsprechend bescheiden. Aber glücklich und mit viel Humor.

Team von Spezialisten

Mit Tutorials und einer guten Portion Eigeninitiative brachte sich Willi das Webdesign bei, was ihn Stück für Stück in die Selbstständigkeit führte; der kaufmännische Hintergrund aus der Lehre war dabei plötzlich sehr praktisch.

Interessierst du dich für Lokal-Politik?

Als er mit seinen Ideen bei Zeitungen anklopfte, meldete sich unter anderem der «Nebelspalter», was für ihn ein wahrer Ritterschlag war.

«Schon mein Vater las diese Zeitschrift und nahm sie jeweils sogar in die Ferien mit. Mich faszinierten die darin enthaltenen Cartoons und Comics», erinnert sich Willi. Die Zusammenarbeit mit dem Nebelspalter war denn auch ein weiterer Höhepunkt in Willis kreativem Leben.

Bis die Zusammenarbeit aufgrund neuer Besitzverhältnisse vor ein paar Jahren endete. Was Willi zwar bedauerte, ihm aber nicht die Freude an seiner Arbeit nehmen konnte.

Bundesrat Brändli im BärnerBär

Und so ist er nach wie vor unterwegs auf seinem abwechslungsreichen Lebensweg als Zeichner, Musiker und vor allem als kreativer Kopf.

Wer sich auf seiner Webseite umsieht, findet ein wahres «Spezialistenteam» von Designern, Schreiberlingen und Grafikern. Ein echter Allrounder, der nicht nur mit seinen Stiften, sondern auch mit seinen Ideen die Welt zu einem humorvolleren Ort macht.

Und der BärnerBär freut sich: Ab sofort wird «Bundesrat Brändli» mit seinen scharfsinnigen, politisch satirischen Comics Teil seines Teams.

Der kreative Geist aus dem Murifeld sorgt also künftig in der BärnerBär-Printausgabe dafür, dass wir bei all der Politik auch mal wieder schmunzeln können.

Willi
Ab sofort wird «Bundesrat Brändli» mit seinen scharfsinnigen, politisch satirischen Comics Teil seines Teams. - BärnerBär

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