Student und Sammler lebt im Berner Keller seinen Trikot-Traum

Ronny Reisch
Ronny Reisch

Bern,

Am Eigerplatz in Bern verbirgt sich ein unscheinbarer Shop voller Retro-Trikots – und ein Student, der aus seiner Sammler-Leidenschaft ein Geschäft gemacht hat.

Nils Dölle
Nils Dölle präsentiert eines der über 2300 Original-Fussballtrikots in seinem Laden am Eigerplatz in Bern. - Daniel Zaugg

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei «To the Jersey» in Bern hängen mehr als 2300 Originaltrikots.
  • Der 24-jährige Nils Dölle hat sich mit dem Laden am Eigerplatz selbstständig gemacht.
  • Zwischen Leibchen von Maradona bis Häberli kämpft der BWL-Student für seinen Trikot-Traum.

Am Eigerplatz in Bern, an der Rückseite des Coop, versteckt sich hinter einer unscheinbaren Türe ein Paradies für Fussball-Liebhaber.

Bei «To the Jersey» hängen Trikots dicht an dicht. Betonboden, wenig Tageslicht – trotzdem wirkt der Keller warm. Wimpel, Schals und Shirts verwandeln den Raum in ein Sammelsurium an Fundstücken der Fussballgeschichte.

«Wir haben hier aktuell über 2300 originale Fussballtrikots», sagt Nils Dölle. Er ist der Mann hinter «To the Jersey». 2024 begann Dölle mit 15 bis 20 Trikots aus dem eigenen Besitz einen Online-Verkauf.

Im Sommer 2025 eröffnete er den Shop am Eigerplatz 5.

Vom Spieler zum Sammler

Dölle ist mit Fussball aufgewachsen. «Ich habe als Zweijähriger schon gegen PET-Flaschen getreten», sagt er. Später spielte er beim FC Bolligen, zwischenzeitlich auch im Nachwuchs des BSC Young Boys.

Die Verbindung zum Club ist geblieben: «Ich bin noch immer YB-Fan – vielleicht der grösste von allen.» Im Laden zeigt sich das deutlich: YB-Trikots gehören zu den gefragtesten Artikeln.

Mittlerweile spielt der 24-Jährige in der ersten Mannschaft seines Jugendclubs FC Bolligen. Auf den Trikots des 3.-Liga-Teams ist der Schriftzug «To the Jersey» abgedruckt. «Ich bin Trikot-Sponsor. Ich weiss nicht, ob es viel bringt – aber ich bin extrem stolz darauf.»

Nils Dölle
Hinter dem Arbeitsplatz von Nils Dölle hängen zwei Trikots des FC Bolligen. «To the Jersey» ist als Sponsor abgebildet. - Daniel Zaugg

In seinem Laden reicht das Sortiment von aktuellen Trikots bis zu Stücken aus den 1980er-Jahren. Einige davon wurden früher tatsächlich von Spielern während einer Partie getragen.

Ein Beispiel: «Wir hatten zwei Trikots von Dynamo Berlin, einem DDR-Club, den es heute so nicht mehr gibt.» Diese Trikots, die 1981 gegen den FC Zürich getragen wurden, sind jetzt in einem Berliner Museum ausgestellt. «Sowas ist schon cool», findet Dölle.

Wenn Sammeln zur Sucht wird

Beschafft werden die Leibchen über Händler, private Sammler oder Kontakte zu Funktionären in der Schweiz und Deutschland. Für Dölle ist dabei nicht nur der Markt entscheidend, sondern oft das Gefühl.

Seine Sammlerleidenschaft brachte ihn anfangs in Schwierigkeiten. «Trikots zu sammeln ist eine Sucht», sagt er. Zu Beginn nahm er viele Stücke selbst mit nach Hause. «Irgendwann musste ich mich bremsen.»

Nils Dölle
Im Laden von «To the Jersey» hängen die Trikots dicht aneinander. Nils Dölle ist es mittlerweile gelungen, privat die Finger davon zu lassen. - Daniel Zaugg

Mittlerweile landet kein Trikot aus dem Shop mehr in der privaten Sammlung. Trotzdem hat Dölle zuhause nochmal 200 bis 300 zusätzliche Trikots. «Es ist nicht mehr so viel, ich habe ausgemistet», sagt er dazu.

Häberli-Shirt als Lieblingsstück

An den Trikots im Laden erfreue er sich, so lange sie da sind. Sein aktuelles Lieblingstrikot stammt nicht von einem Weltstar, sondern vom ehemaligen YB-Stürmer Thomas Häberli.

«Als ich zum ersten Mal im Stadion war, hat YB dieses Trikot getragen. Das war beim 5:0 gegen Sion. Häberli war mein Lieblingsspieler und hat sogar getroffen.» Diese Verbindung macht jenes Trikot zu einem ganz speziellen.

Nils Dölle
Bei der Frage nach seinem Lieblingsshirt greift Nils Dölle zu einem Trikot von Thomas Häberli. - Daniel Zaugg

Dölle vergleicht: «Ich habe hier noch ein Maradona-Trikot bei den Boca Juniors – das wäre deutlich wertvoller. Aber es stammt aus einer Zeit, in der ich noch nicht geboren war. Deshalb würde ich mich persönlich fürs Häberli-Trikot entscheiden.»

Die Trikot-Nachfrage ist stark schwankend – und hängt auch von aktuellen Resultaten ab. «In der derzeit schwierigen Phase werden deutlich weniger YB-Trikots gekauft. Dafür kommen plötzlich viele Anfragen für Thun-Leibchen», sagt Dölle.

Zwischen Studium und Versand in alle Welt

Finanziell ist das Projekt eine Gratwanderung. Dölle arbeitet über 50 Stunden pro Woche für «To the Jersey» und studiert nebenbei BWL. «Ohne das hier wäre ich wahrscheinlich schon lange fertig», sagt er. Aber er werde das Studium auf jeden Fall noch beenden.

Beim Online-Shop hilft ihm seine Freundin. «Sie macht das noch nach der Arbeit – dabei arbeitet sie Vollzeit. Ohne sie wäre ich aufgeschmissen.»

Schals
Neben den Trikots sind im Laden auch unzählige Schals und weitere Fussball-Artikel zu finden. - Daniel Zaugg

Online verkauft Dölle Trikots in die ganze Welt. «Aus Mexiko wurde ein Trikot des ZSKA Moskau bestellt, und auch nach Hongkong habe ich schon verschickt.» Lieferungen in die USA habe er aufgrund der Zoll-Situation zuletzt eingestellt.

«In Europa ist wirklich alles dabei. Deutschland, Österreich und Italien am meisten.» Trotzdem: Im Laden in Bern werden mehr Trikots verkauft als online.

Kampf um mehr Sichtbarkeit

Das Geschäft ist hart, aber Dölle denkt nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: «Es erfüllt mich.» Die Öffnungszeiten hat er auf fünf Tage die Woche ausgeweitet. Von Dienstag bis Samstag ist der Berner jeden Tag vor Ort. In den Ferien war er seit über einem Jahr nicht mehr.

Und der Laden sei unberechenbar, manchmal leer, manchmal überfüllt. «An schlechten Tagen kommt niemand vorbei, an anderen sind 30 bis 40 Leute im Laden. Gerade an Freitagen oder Samstagen ist hier teilweise volles Haus.»

Wusstest du, dass der Laden «To the Jersey» in Bern existiert?

In Zukunft sollen noch mehr Leute den Weg in den Keller finden. «Der Laden – gerade weil er ein bisschen versteckt ist – muss noch bekannter werden. Und es braucht Zeit, damit die Leute Vertrauen aufbauen.»

Wenn es nach Dölle geht, darf auch die Trikot-Anzahl noch weiter wachsen. «Es soll niemand mehr hier reinlaufen und nichts für sich finden.»

Ein «Paradies» ohne Lohn

Für Dölle ist «To the Jersey» mehr als ein Geschäft. Es ist ein Ort für Nostalgie, Emotionen und Geschichten. «Achtjährige laufen hier rein und haben mega Freude, aber auch 70-Jährige kommen vorbei und schwelgen in Erinnerungen.»

Gleichzeitig ist es ein Unternehmen mit hohen Fixkosten und unsicherer Zukunft. Einen Lohn zahlt sich Dölle nicht aus. «Ich habe das Glück, dass ich bei meinen Eltern eine Wohnung haben darf, ohne Miete zu bezahlen.»

Nils Dölle
Im Lagerraum zeigt uns Nils Dölle Nationalmannschaftstrikots aus den 80er-Jahren. - Daniel Zaugg

Trotzdem erhofft er sich weiterhin, irgendwann hauptberuflich davon leben zu können. «Wenn es klappt, ist es perfekt. Wenn nicht, habe ich alles reingesteckt und kann mir nichts vorwerfen.»

Schon jetzt habe er im Keller am Eigerplatz ein Jahr lang seinen Traum leben dürfen. Dölle schwärmt: «Ich komme hier immer noch jeden Morgen rein und bin im Paradies.»

Kommentare

Weiterlesen

«Speedcat»
YB
4 Interaktionen
Gegen FCSG im Einsatz
bfc dynamo
2 Interaktionen
BFC Dynamo

MEHR AUS STADT BERN

Christine Badertscher (Grüne/BE)
1 Interaktionen
10-Millionen-Schweiz
de
214 Interaktionen
Grün-weisse Invasion
Dr. Sarah Schläppi
2 Interaktionen
«Sarah hat Recht»