Apropos: Wo bleibt der Lerneffekt?
Wozu das geschichtliche Erinnern, wenn offenbar nichts gelernt wird? Hier kommt Apropos, die Kolumne vom BärnerBär.

Zurzeit lese ich einen Roman, der während des Zweiten Weltkriegs spielt. Also eigentlich in der Vergangenheit.
Aber ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich das Gefühl habe, in einen Spiegel zu schauen, der nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart zeigt.
Die Namen haben sich zwar geändert, die Uniformen auch, doch das Muster bleibt erschreckend vertraut: Macht, die sich über Menschlichkeit erhebt. Ideologien, die Menschen zu Zahlen machen. Viel zu junge Leben, die als «notwendig» geopfert werden.

Obwohl wir doch all das Grauen so gut dokumentiert haben. Tagebücher, Fotos, Prozesse, Mahnmale, alles ist aus diesen Jahren vorhanden und einsehbar. Und trotzdem steht die Welt wieder an erschreckend ähnlichen Abgründen.
Und ich frage mich: Wozu das Erinnern, wenn offenbar nichts gelernt wird? Wozu das kollektive «Nie wieder», wenn bei der ersten geopolitischen Spannung genau wie damals Waffen statt Worte eingesetzt werden?
Das Einzige, was mich etwas zu trösten vermag: Geschichte wird zum Glück nicht nur von Machthabern geschrieben. Sie wird auch von jenen getragen, die sich weigern, das Unmenschliche zu normalisieren.

Von Menschen, die widersprechen, sich auflehnen, helfen, dokumentieren, trauern und trotzdem weiter an die Würde des Menschen glauben. Sie stehen selten im Rampenlicht, aber ohne sie wäre die Welt längst kälter, dunkler und brutaler.
Vielleicht ist das die unbequeme Wahrheit: Die Menschheit «lernt» nicht ein für alle Mal. Jede Generation muss das Gelernte neu verteidigen.
Erinnerung ist kein Impfstoff, sondern eine immerwährende Aufgabe. Hoffnung entsteht somit nicht aus der Illusion, dass es eines Tages keine Täter mehr geben wird, sondern aus der Gewissheit, dass es immer auch Menschen gibt, die sich auflehnen und sich weigern, zu akzeptieren.
Und möglicherweise ist genau das der leise, aber entscheidende Fortschritt: Dass wir heute schneller hinsehen, lauter widersprechen und weniger bereit sind, Grausamkeit als «Schicksal» zu akzeptieren.








