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Spektakel im Breitenrain: Ein ganzes Gebäude zieht um!

Redaktion
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Bern,

Das Areal der Feuerwehr Viktoria im Berner Breitenrain wird umgemodelt: Der bestehende Saalbau wird im Spätsommer angehoben – und in den Innenhof verschoben.

Feuewehr Viktoria
Der bestehende Saalbau wird im Spätsommer angehoben und in den Innenhof verschoben. - Genossenschaft Feuerwehr Viktoria

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Saalbau der Feuerwehr Viktoria an der Gotthelfstrasse wird angehoben.
  • Er wird in den Innenhof verschoben und gleichzeitig um neunzig Grad gedreht.
  • An seinem bisherigen Standort entsteht ein neues Wohn- und Schulgebäude.

Anfang September wird es im Berner Nordquartier, dem Breitenrain, zu einem seltenen Spektakel kommen.

Der Saalbau der Feuerwehr Viktoria aus den 1950er-Jahren an der Gotthelfstrasse wird angehoben, auf selbstfahrenden Tiefladern von der Strasse in den Innenhof verschoben und gleichzeitig um neunzig Grad gedreht. Solche Haus-Zügleten nennt man im Fachjargon «Translozierung».

Die Feuerwehr Viktoria ist nicht einfach irgendeine Liegenschaft in Bern. Ende 2014 zog die städtische Berufsfeuerwehr in den neu gebauten Stützpunkt Forsthaus West an der Murtenstrasse um.

Seither wird das Areal an der Ecke Viktoria- und Gotthardstrasse von der Genossenschaft «Feuerwehr Viktoria» bewirtschaftet und vermietet.

Dutzende Kleinbetriebe haben sich angesiedelt; das Restaurant «Löscher» wurde zu einem beliebten Treffpunkt weit über das Quartier hinaus.

Kurz: Die Feuerwehr Viktoria ist zu einem Berner Kultort geworden.

Projekt «Victoria & Albert»

Der Gebäude-Umzug im Spätsommer ist nur eine, wenn auch die aufsehenerregendste Etappe der Umnutzung und neuen Positionierung des Areals. Der älteste Teil der Feuerwehrkaserne wurde in den 1930er-Jahren vom bekannten Berner Architekten Hans Weiss entworfen.

Feuerwehr Viktoria
Die Vorbereitungen für die Verschiebung laufen auf Hochtouren. - Genossenschaft Feuerwehr Viktoria

Sie fällt durch ihre funktionalen Kuben mit Flachdächern und dem mehr als 20 Meter hohen Schlauchtrocknungs- und Übungsturm auf, der von einem kubistischen Backstein-Gebilde gekrönt ist.

«Für den Turm bestehen mehr Auflagen als für das Bundeshaus», sagt Eva Diem. Die Architektin Diem ist Ko-Leiterin der Baukommission der Genossenschaft Feuerwehr Viktoria. Der Weiss-Bau samt Turm wird bleiben, wo er ist.

Der Saalbau aus den 1950er-Jahren hingegen muss Platz machen für ein neues Gebäude.

Dieses hat einen Namen: «Albert». Die Bieler Architekturbüros Verve Architekten und :mlzd, die 2022 den Architekturwettbewerb gewannen, nennen ihr Projekt «Victoria & Albert» wie einst die britische Königin und ihr Gemahl.

Platz für Schulräume und Tagesbetreuung

In «Alberts» Unter-, im Erd- und im ersten Obergeschoss wird der Neubau Platz bieten für Schulräume und Tagesbetreuung der benachbarten Spitalackerschule.

Im ersten bis dritten Geschoss entstehen Wohnungen mit zusätzlichen Zwischen- und Separatzimmern und Separat-Zimmern für etwa 40 Bewohnerinnen und Bewohnern. Sie sollen von Familien, WGs und anderen Mieterinnen und Mietern flexibel genutzt werden können.

Auch der Saalbau, einmal verschoben, wird umfunktioniert: In das erste Geschoss, wo sich einst der Theoriesaal der Feuerwehrleute befand, werden acht Wohneinheiten eingebaut, sogenannte Cluster-Wohnungen, die einzeln oder untereinander verbunden genutzt werden können.

Dazu kommen eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftsbad.

Feuerwehr Viktoria
Die Maschinen sind im Einsatz. - Genossenschaft Feuerwehr Viktoria

Mit dem Grossprojekt geht die Zeit der Zwischennutzung der ehemaligen Feuerwehrkaserne zu Ende; es bricht jetzt die Zeit an, in der die Feuerwehr Viktoria dauerhaft zum Wohn-, Arbeits-, Kultur-, und Quartierzentrum wird.

Wieso aber hat man sich zu einer solch aufwändigen Aktion wie dem Verschieben eines ganzen Gebäudes entschieden und nicht einfach den Neubau im Innenhof realisiert?

«Über das gesamte Feuerwehrareal einschliesslich der denkmalgeschützten Bestandesbauten besteht eine Überbauungsordnung der Stadt Bern», sagt Eva Diem.

Und weiter: «Sie legt eine Ausnützungsziffer für Wohn- und Gewerbeanteile fest. Diese muss zwingend eingehalten werden. Die Bestandesbauten hätten an Ort und Stelle nicht mit der geforderten Dichte an Wohn- und Gewerbenutzung gefüllt werden können. Deshalb musste der Saalbau in jedem Fall zurückgebaut oder eben verschoben und neu genutzt werden.»

Translozierung und Ausbau des Saalbaus waren an eine klare Bedingung geknüpft: Ihre Kosten durften nicht höher ausfallen, als es die Erstellung eines vergleichbaren Holzneubaus gewesen wäre. Verschiebung und Ausbau des Saalbaus sind mit rund 1,2 Millionen Franken budgetiert, die Gesamtkosten des ganzen Projekts mit rund 14 Millionen.

Kulturelles Erbe und Nachhaltigkeit

Die Translozierung «ist auf vielen Ebenen nachhaltig. Nicht nur im Sinne der Baustofferhaltung und der Vermeidung energieintensiver Rückbauarbeiten, sondern auch im Sinne einer mentalen, gemeinschaftlichen Nachhaltigkeit», sagt Eva Diem. Das Projekt sei nicht nur wegen der komplizierten Planung und den Auflagen der Stadt und der Denkmalpflege äusserst anspruchsvoll.

«Es braucht immer wieder viel Überzeugungskraft – innerhalb der Genossenschaft und nach aussen, auch gegenüber der Politik –, um zu zeigen, dass ein solches bauliches Vorhaben seinem Bildungsauftrag gerecht wird und ein breites Bewusstsein für nachhaltige Mitwirkung fördern kann», so Eva Diem.

Und warum nimmt eine Genossenschaft einen solchen Aufwand auf sich, inklusive der Finanzierung, die sich als eher zäh erwiesen hat? «Weil man sich dem Ort, dem kulturellen Erbe und der Gemeinnützigkeit im Quartier bewusst ist», sagt Eva Diem: «Wir möchten das Quartier aktiv mittragen.»

Der Fahrplan steht

Nachdem es einige Ungewissheiten bezüglich der Finanzierung und Verzögerungen gegeben hatte, steht der Fahrplan nun fest: Im März wurde der Innenhof geräumt und für die Verschiebung des Gebäudes freigemacht. Die dortige kleine Fahrzeughalle wurde zurückgebaut; sie wird im Kanton Baselland von einem Handwerksbetrieb weiterverwertet. Derzeit wird die Baustelle für die Translozierung vorbereitet.

Ende August/Anfang September wird der Saalbau verschoben und sein Ausbau danach so rasch wie möglich fertiggestellt. «Die Bauarbeiten für den Neubau Albert beginnen unmittelbar nach der Verschiebung des Saalbaus», erklärt Eva Diem. Die Wohnungen im Saalbau sollten laut ihr im Lauf des Jahres 2027 bezugsbereit sein, die Wohnungen im Neubau in der zweiten Jahreshälfte 2028.

Die Verschiebung wird von der Firma Hebetec durchgeführt, einem erfahrenen Spezialisten auf diesem Gebiet. Das Gebäude wird mit Metallstreben verstärkt, vom Fundament getrennt, aufgetrennt, hydraulisch angehoben und mit selbstfahrenden Tiefladern, sogenannte SPMT (Self-Propelling Modular Trailers) bewegt. Diese Tieflader bestehen aus Achsmodulen; je nach Gewicht und Grösse der Last können beliebig viele Module nebeneinander oder hintereinander gekoppelt werden.

KMU aus Hindelbank

Die Verschiebung des Gebäudes in den Hinterhof durch die Firma Hebetec Engineering AG dürfte reibungslos vonstatten gehen. Das KMU aus dem bernischen Hindelbank kann langjährige internationale Erfahrung bei viel grösseren Projekten nachweisen.

So war Hebetec am Bau der Yavuz-Sultan-Selim-Brücke über den Bosporus in Istanbul beteiligt, die 2016 eröffnet wurde. Ihre Fahrbahn wurde aus zahlreichen vorgefertigten Segmenten zusammengesetzt, von denen jedes in grosser Höhe millimetergenau positioniert werden musste.

Zudem trug Hebetec Engineering zur Montage der bis zu 50'000 Tonnen schweren Dächer von Sportstadien bei. Beispielsweise beim Heimstadion von Real Madrid, Santiago Bernabéu, das 2019 bis 2024 umgebaut wurde. Oder beim riesigen Lusail Stadium in Katar, in welchem am 18. Dezember 2022 das Finale der Fussball-Weltmeisterschaft stattfand.

In Chêne-Bourg, Genf, verschob Hebetec das denkmalgeschützte Bahnhofgebäude aus dem Jahr 1887 um 33 Meter. Und die Firma bewegte das denkmalgeschützte ehemalige Direktionsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon um rund 60 Meter, weil es dem Ausbau des Bahnhofs Zürich Oerlikon weichen musste.

Beiden Aktionen folgten zahllose Neugierige. Das wird Anfang September zweifellos auch im «Breitsch» der Fall sein.

Infos

Am Donnerstag, 13. August, 18.00 Uhr, am Donnerstag, 3. September, 18.00 Uhr und am Donnerstag, 17. September, 16.00 Uhr bietet die Genossenschaft öffentliche Rundgänge über die Baustelle an. Treffpunkt jeweils im Innenhof Feuerwehr Viktoria beim Turm. Keine Anmeldung nötig. Auch individuelle Rundgänge sind auf Anfrage möglich.

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