Manuela Angst: «Viele Frauen trauen sich CEO-Rolle oft gar nicht zu»
Manuela Angst, CEO Bern Welcome, spricht mit dem BärnerBär über ihr Lebensmotto, ihre Energie – und warum Aufstehen wichtiger ist als Umfallen.

Als Treffpunkt schlägt Manuela Angst, CEO Bern Welcome, ihren Berner Lieblingsort, die Kirchenfeldbrücke, vor. «Von hier aus sehe ich die Berge, aber auch die wunderschöne Silhouette von Bern. Für mich jedesmal wieder atemberaubend!», erklärt sie ihre Wahl.
Zum Gespräch setzen wir uns in den Salon d’Or des Casinos und wie es zu ihrer lebhaften Art passt, bestellt sie sich einen doppelten Espresso.
BärnerBär: Zum Einstieg, Manuela Angst, skizzieren Sie sich doch bitte kurz selbst!
Manuela Angst: Ich bin eine lebensfrohe, farbige und optimistische Geschäftsfrau, die Herausforderungen als Chancen sieht und neugierig durchs Leben geht. Auch wenn der Dialekt dies nicht vermuten lässt: Bern ist meine Wahlheimat.
BärnerBär: Dem Dialekt nach kommen Sie aus Zürich?
Angst: Genau. Ich kam nach der Lehre als Hotelfachassistentin für die Hotelfachschule nach Thun und blieb danach im Bernbiet hängen. Anfangs der Liebe wegen, die zwar verging, später wegen der Faszination für Bern, die geblieben ist.
Diese wunderschöne Stadt – so nah an der Natur – hat mich einfach nicht mehr losgelassen.
BärnerBär: Also war ein Beruf im Tourismusbereich schon immer ihr Plan?
Angst: Uh nein, gar nicht. Ich wollte Olympiasiegerin im Riesenslalom werden! (lacht) Ja wirklich!
Aber eine Knieverletzung machte mir einen Strich durch meine sportlichen Ambitionen. Deshalb musste eine Alternative her und so entschied ich mich für die Lehre im Hotelfach.
BärnerBär: Wie kamen Sie denn zum Skifahren?
Angst: Ich bin in Mettmenstetten, im Knonauer Amt, auf dem abgelegenen Bauernhof meiner Grosseltern aufgewachsen, also wirklich dort, «wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen».

Mit meinen beiden Geschwistern waren wir permanent draussen, daher kommt wohl meine grosse Liebe zur Natur. Etwas später sind wir ins Dorf gezogen, weil meine Eltern dort ein Haus gebaut hatten.
Sie betrieben ausserdem die Skihütte des Turnvereins Mettmenstetten in Biberegg und so war klar, dass wir im Sommer Wandern und im Winter Skifahren gingen. Ich stand also früh auf diesen beiden Brettern und himmelte die weiblichen Skistars Maria Walliser, Maite Nadig oder auch Michela Figini an.
BärnerBär: Verletzungsbedingt wurde dann aber nichts aus dem Skifahrtraum, wie ging es nach der Lehre weiter?
Angst: Meine erste Stelle hatte ich in der Hotellerie. Danach wechselte ich zur Swisscom, kam dort erstmals vertieft mit Wirtschaft und Management in Kontakt.
Anschliessend zog es mich zum Swiss Economic Forum (SEF), damals noch in Thun und lernte dort das MICE-Geschäft von der Pike auf kennen. Später arbeitete ich für eine grössere Eventagentur in Zürich, doch das Pendeln und die langen Arbeitszeiten liessen sich auf die Dauer nur schwer vereinbaren.
Ich bekam dann die Chance, das politische Parkett als Leiterin Beziehungspflege und Repräsentation der Stadtkanzlei Bern zu betreten und durfte unter anderem Empfänge im Erlacherhof organisieren.
Danach kehrte ich zum SEF zurück und wurde Mitglied der Geschäftsleitung, bevor ich dann per 1. Januar 2020 die Geschäftsführung von Bern Welcome übernahm.
BärnerBär: Ein schwieriger Zeitpunkt: Bern Welcome hatte personell ziemlich turbulente Zeiten hinter sich und dann kam noch Corona dazu.
Angst: Es war tatsächlich kein einfacher Start. Kaum dabei kam der Lockdown. Die Mitarbeitenden, die ich noch wenig kannte, waren im Homeoffice, Veranstaltungen fielen aus und damit auch keine Gäste mehr, die Bern besuchten.
In jener Zeit hatte ich schon einige schlaflose Nächte, in denen ich mich fragte, wie das alles weitergehen soll. Doch die Situation weckte den Biss in mir und mein grundsätzlich optimistisches Wesen half mir, diese Herausforderung als Chance zu sehen. Aber zunächst einmal gab es enorm viel aufzuräumen.
BärnerBär: Haben Sie damals nie daran gedacht, einfach alles hinzuschmeissen?
Angst: (schmunzelt) Ich wurde in dieser Zeit immer wieder gefragt, warum ich mir das alles antue. Doch ich spürte, dass ich hier etwas würde bewegen können.
Die Konflikte waren da, zwar nicht von mir verursacht, aber ich musste sie annehmen und habe mich anfangs auch oft und vielerorts entschuldigt. Irgendwann jedoch fand ich, nun sei es damit genug, ich wollte vorwärtsschauen, es musste schliesslich weitergehen.
Denn mein Ziel war von Anfang an klar: ein starkes und glaubwürdiges Renommee für Bern Welcome aufzubauen.
BärnerBär: Welche Frau hat Sie am meisten geprägt?
Angst: Ganz klar meine Mutter. Sie ist eine äusserst starke und unabhängige Frau, die ein Nähatelier hatte und immer ihr eigenes Geld verdiente.
Auch ging sie ab und an allein in die Ferien und mein Vater kümmerte sich um uns Kinder. Sie war auf eine ganz natürliche Art emanzipiert, es war auch nie ein grosses Thema bei uns.
«Da müssen wir nicht warten, bis Papi da ist, das können wir auch selbst», sagte sie oft und schlug beispielsweise den Nagel einfach selbst ein.
BärnerBär: Die meisten CEOs sind aber auch heute noch männlich. Woran liegt das, Ihrer Meinung nach?
Angst: Viele Frauen trauen sich eine solche Rolle oft gar nicht erst zu. Vielleicht auch, weil sie sich nicht vorstellen können, wie sie Familie und einen solchen anspruchsvollen Job unter einen Hut bringen sollen. Und das ist wirklich nicht einfach.
Nach einem anstrengenden Tag kann ich mich in meine vier Wände zurückziehen oder gönne mir ein Wellness-Weekend und tanke mit ganz viel «me-time» wieder auf. Hätte ich eine Familie daheim, könnte ich das wohl kaum so oft tun.
INFO ZUR SERIE
Erfolgreiche Frauen in Bern
In dieser Serie spricht der BärnerBär mit bekannten Frauen in Bern und will herausfinden, welche Menschen sich hinter den prominenten Namen verbergen, was ihnen wichtig ist, wer sie prägte und wie sie zu dem wurden, was sie heute sind.
BärnerBär: Ist das auch der Grund, weshalb Sie keine Kinder haben?
Angst: Als Kind war ich eine ziemliche Rebellin, ein Wildfang und oft wohl ziemlich anstrengend. Meine Mutter hat deshalb mal zu mir gesagt: Ich wünsche dir alles Liebe und Glück im Leben und so eine Tochter, wie du eine warst!
Da dachte ich nur: Oh Himmel, lieber nicht! (lacht) Nein, es war kein bewusster Entscheid keine Kinder zu haben. Es hat sich einfach nicht ergeben und ehrlich gesagt, stimmt das perfekt für mich. Mein toller Göttibub ist für mich fast wie ein Sohn.
BärnerBär: Was würden Sie denn jungen Frauen raten?
Angst: Traut euch alles zu, was ihr gerne machen möchtet! Das sage ich auch immer meinen Mitarbeiterinnen. Ausserdem: Ein Lebensweg ist nie gerade – nehmt auch Umwege in Kauf, damit ihr euch selbst treu bleiben könnt.
Habt Freude an dem, was ihr tut. Wenn es irgendwann keinen Spass mehr macht, geht weiter –neugierig und positiv gespannt auf alles, was kommt!
BärnerBär: Aktuell ist ja viel von «Overtourism» die Rede, die Tourismus-Branche geniesst in der Bevölkerung nicht nur Zustimmung.
Angst: Es ist wichtig, hier beide Seiten zu sensibilisieren. Auch die Gäste sollten auf unsere Lebensweise und Verhaltensregeln aufmerksam gemacht werden. Gleichzeitig müssen wir der Bevölkerung immer wieder aufzeigen, dass der Tourismus eine Querschnittsbranche ist, von der ganz viele profitieren.
Nicht nur Hotels und Restaurants, sondern auch deren viele Zulieferer-Betriebe. Auch der Kulturbereich, die Museen, die Theater profitieren und schliesslich die Innenstadt von der zusätzlichen Frequenz.
Wir setzen dabei bewusst nicht auf schnellen Billigtourismus, sondern auf den nachhaltigen. Also Menschen, die bleiben, übernachten, konsumieren. Gerade Kongressteilnehmende bringen viel Wertschöpfung – oft kommen ihre Familien nach und verlängern mit ihnen ihren Aufenthalt. Bern als Kongress-Stadt zu etablieren, ist deshalb ein zentrales Ziel von uns.
BärnerBär: Wie reisen Sie selbst?
Angst: Ich mache etwa alle zwei Jahre eine grössere Reise und interessiere mich sehr für die Lebensart im jeweiligen Land. Dabei möchte ich einen echten Austausch mit den Menschen und ihrer Kultur am jeweiligen Ort erleben.
Innerhalb der Schweiz mache ich meist Kurztrips, manchmal reise ich mit einer Freundin, oft auch allein.
BärnerBär: Allein reisen, ist man da nicht etwas einsam?
Angst: Nein, gar nicht. Ich bin gern alleine unterwegs – dadurch erlebe ich Neues oft noch etwas intensiver. Und dank meiner offenen, kommunikativen Art komme ich auch schnell in Kontakt mit anderen Menschen.
BärnerBär: Aber allein in einem Restaurant sitzen?
Angst: Das ist für mich überhaupt kein Problem. Ich war einmal an einem Valentinstag in Locarno allein essen. Nicht bewusst, ich war einfach gerade an einem 14. Februar dort.
Das Personal hat sich dann so rührend um mich gekümmert und mir einen besonders schönen Tisch gegeben – allein essen hat also durchaus auch Vorteile!
BärnerBär: Sie sind ein sehr kommunikativer Mensch. Ist Kommunikation auch in Ihrer Führung wichtig?
Angst: Absolut. Meine Tür steht immer offen und ich pflege einen sehr kommunikativen Führungsstil. Es ist wichtig, Probleme frühzeitig und ehrlich anzusprechen.
Ich vergleiche sie jeweils mit Karies: je früher man sie erkennt, desto weniger Schaden richten sie an und desto einfacher kann man sie entfernen. Ich arbeite gern mit unterschiedlichen Menschen zusammen.

Ich fordere zwar viel – das hab ich wohl von meinem Vater, der immer sagte: «Wenn du etwas machst, dann mach es richtig.» Gleichzeitig fördere und unterstütze ich meine Mitarbeitenden bei ihrer beruflichen Entwicklung.
Wichtig ist mir dabei der gegenseitige Respekt, das Vertrauen und die Freude an dem, was man tut. Darum sollen auch die Erfolge von den verantwortlichen Teams präsentiert werden. Ich stehe dann hin, wenn’s nicht so läuft, wie gewünscht.
BärnerBär: Haben Sie ein spezielles Ritual vor oder nach der Arbeit?
Angst: Ich bin ein sehr strukturierter Mensch und habe am Abend gerne aufgeräumt. Was natürlich nicht immer gelingt. Die Verantwortung für Mitarbeitende und Finanzen lastet manchmal schwer auf meinen Schultern.
Doch wenn ich dann über die Kirchenfeldbrücke heimwärts gehe und in die Berge blicke, gelingt es mir, die Last symbolisch auf der Brücke zu lassen. Am Morgen, wenn ich mit frischem Blick auf Bundeshaus, Bellevue und Münster wieder zur Arbeit komme, nehme ich sie wieder auf und auch die Herausforderung des neuen Tages an.
Diesen Gang über die Brücke könnte man also als mein tägliches Ritual bezeichnen.
BärnerBär: Wie beeinflusst Sie das aktuelle Weltgeschehen?
Angst: Es ist derzeit eine turbulente Zeit – mit Kriegen, einer generell eher unsicheren Weltlage und einem starken Franken. Wie wird sich dadurch das Reisen in der Zukunft verändern?
Für unser Unternehmen bedeutet das, es muss so agil aufgestellt sein, dass die Strategie auch für die Herausforderungen der Zukunft aufgeht. Wir setzen deshalb auf den Heim- und Nahmarkt.
Zugleich verändert natürlich das Weltgeschehen auch die Planung von Grossanlässe. Die Sicherheit hat seit all den Anschlägen mit beispielsweise Autos, die in Menschenmengen fahren, einen viel höheren Stellenwert als früher.
BärnerBär: Nomen est omen, sagt der Volksmund – aber Angst kann ich irgendwie nicht mit Ihnen in Verbindung bringen?
Angst: (lacht) Ich habe mir früher manchmal überlegt, ob ich meinen Namen ablegen würde, sollte ich einmal heiraten. Aber ich würde ihn behalten! Er ist sehr oft ein hervorragender Gesprächseinstieg und er sorgt immer wieder für amüsante Momente.
«Ah, vor Ihnen muss ich ja keine Angst haben!» höre ich häufig und schon ist das Eis gebrochen. In der Schule nannten sie mich anfangs «Angsthase» – da ich aber nun wirklich keiner war, fanden sie das bald nicht mehr lustig. Denn es stimmt: Angst ist definitiv keine Eigenschaft von mir!
BärnerBär: Welche Superkraft hätten Sie gerne?
Angst: Hui, möchte ich eine solche überhaupt? Ich wüsste ja gar nicht, was ich mit dieser anfangen sollte! Oder, vielleicht könnte ich damit doch noch Olympiasiegerin im Riesenslalom werden, das wär natürlich grossartig! (lacht)
BärnerBär: Dann frage ich anders: Welches ist Ihr Motto?
Angst: Da halte ich es mit Winston Churchill: Man sollte einfach immer einmal mehr aufstehen als man umgeworfen wird.
Und mein ganz persönliches Motto ist, dankbar zu sein. Ich bin beispielsweise wahnsinnig dankbar, dass ich in der Schweiz geboren wurde, hier leben und diese schöne Stadt nach aussen vertreten darf.












