Stadt Bern

    In dieser Berner Werkstatt kannst du deinen eigenen Sarg bauen!

    Michèle Graf
    Michèle Graf

    Bern,

    Wer seinen Sarg baut, schätzt das Leben umso mehr. Eine Berner Werkstatt verbindet Handwerk, Tiefsinn und Selbsthilfe.

    Pascale Wetzlinger in der Freizeitwerkstatt in Bern West im Gespräch mit Hannes Hergarten.
    Pascale Wetzlinger in der Freizeitwerkstatt in Bern West im Gespräch mit Hannes Hergarten. - Daniel Zaugg

    Könnte ich das auch? Den eigenen Sarg bauen? Oder den für meine Mutter? Diese Fragen stellen sich jedem Besuchenden unweigerlich, der die Freizeitwerkstatt im Berner Tscharnergut an einem Montag betritt. Hier wird gehämmert, gesägt und gefeilt, Späne fliegen.

    Der Geruch von verbranntem Holz dringt in den kleinen Raum der Heitere Sargwerkstatt. Denn direkt vor der Tür kniet Pascale Wetzlinger vor zwei Herzen, die sie ausgesägt hat. Behutsam lässt sie die Flamme des Gasbrenners über die geschliffenen Stücke gleiten, schaut, setzt neu an.

    Ein Lächeln liegt auf ihrem Gesicht: «Mir gefällt diese dunkle Optik, der Glanz der Oberfläche. Meinen Sarg habe ich auch mit dieser alten japanischen Technik veredelt. Die Herzen kommen später auf den Deckel.»

    Nach mehreren Wochen Bau konnte Wetzlinger ihren Sarg vor Kurzem stolz nach Hause transportieren, ins Wohnzimmer. «Dort steht er jetzt als Schrank mit Tablaren. Der Bestatter meines Vertrauens weiss Bescheid, was er nach meinem Tod damit anstellen muss.»

    Gesprächsöffner: Eine Tischbombe des Ateliers zu Tod und Abschied bringt Fragen auf den Tisch.
    Gesprächsöffner: Eine Tischbombe des Ateliers zu Tod und Abschied bringt Fragen auf den Tisch. - Daniel Zaugg

    Alles ist geplant und doch ist Wetzlinger eine Frau, die noch lange nicht sterben will. Vielmehr helfen ihr die Stunden in der Sargwerkstatt, Perspektiven zu gewinnen und bewusster zu unterscheiden, was wirklich wichtig ist und was nicht. «Hier fängt die Woche gut an», sagt sie und holt sich einen Kaffee.

    Seit 2024 kann man in der Werkstatt, unterstützt durch das Team, eigene Särge bauen oder auch einen Sarg für eine nahestehende Person.

    Hannes Hergarten leitet und initiierte das Projekt, zusammen mit seiner Kollegin Andrea Suter. Die Idee zur eigenwilligen Sargwerkstatt entstand am Kulturort Heitere Fahne. Dort kann man neben Hochzeiten, Geburtstagen und anderen Festen auch Abdankungen feiern. «Eine Abdankung bietet so wie Feste eine Chance zur Begegnung. Man hat Raum, um den Sinn des Lebens zu sehen », sagt Hergarten.

    Als es vor einigen Jahren Zeit war weiterzuziehen, reizte die Initiatoren dieser Gedanke. Dank der Unterstützung der Heitere Fahne, der Burgergemeinde, von Stiftungen und des Erprobungsfonds «Kirche in Bewegung» der reformierten Kirche kam die Werkstatt zustande.

    Daneben gibt es im Rahmen des Projekts Heitere Tod noch die Sarggespräche, die einen offenen Austausch über Tod fördern, Abschiedsfeiern und Kulturaktionen. Bei Letzteren kann man beispielsweise im Sarg Probe liegen, in Blättern, Spänen oder gar Popcorn.

    Pascale Wetzlinger.
    Hannes Hergarten. - Daniel Zaugg

    Der Tod ist für Wetzlinger der grosse Gleichmacher: «Es spielt keine Rolle, wie arm, reich, gebildet jemand ist, der Tod betrifft uns alle. Und verbindet uns. Das ist grundlegend gut für die Gesellschaft.»

    Da es in der Schweiz eine gesetzliche Holzsargpflicht gibt, müssen letztlich alle in einen Sarg. «Jede chunnt id Chischte», drückt es Wetzlinger auf Berndeutsch deftiger aus. Herzliches Gelächter folgt.

    Denn schwer und traurig geht es in der Werkstatt selten zu, berichtet Hergarten. Gemeinsam im inklusiven Team geht man nach dem Werken Mittagessen, Beziehungen entstehen. «Hier herrscht eine lebensbejahende Leichtigkeit», beschreibt es Hergarten. «Wir sind charmant chaotisch.»

    Im freundschaftlich verbundenen Team arbeiten auch Menschen mit psychischen Herausforderungen wie auch Personen mit einer Behinderung. Wetzlinger kam über eine persönliche Sinnsuche und der Beschäftigung mit Endlichkeit zum Projekt. «Ich möchte den Rest meines Arbeitslebens mit etwas Sinnhaftem verbringen», sagt sie.

    Würdest du deinen eigenen Sarg bauen?

    Gerade orientiert sie sich beruflich neu, sucht eine Stelle in der Palliative Care, bei Alters- und Pflegeinstitutionen oder im Sozial-, Gesundheits- und Bestattungsbereich. Sie möchte ihre langjährige Erfahrung in Administration und Organisation mit der Arbeit für und mit Menschen verbinden.

    Beim Sargbau müssen Hände und der Kopf arbeiten. «Das hilft mir bei der Auseinandersetzung mit dem Tod sehr. Was zählt im Leben wirklich und was eigentlich nicht so sehr, wie wir denken?»

    Den Sarg zu bauen, gehe weit über das Schreinern eines beliebigen Möbelstücks hinaus. «Ich gebe meine Essenz in ihn», drückt es Wetzlinger aus. In den nächsten Tagen wird sie Gedichte auf den Sarg schreiben. Er soll ihre Geschichte erzählen, selbstbestimmt bis zum Krematorium.

    Hannes Hergarten.
    Pascale Wetzlinger - Daniel Zaugg

    Wetzlingers Umfeld reagierte auf die Sargbauidee erstmal mit Skepsis, dann aber mit Offenheit und Interesse. «Für viele von uns ist der Tod weit weg, aber tief in uns wissen wir, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen. Wer sich der eigenen Endlichkeit stellt, kann wahrhaftiger durchs Leben gehen», ist sie überzeugt.

    Sie erinnert sich mit Trauer an ihren Vater zurück, der vor dem Sterben panische Angst hatte, viel bereute und keine Antworten fand.

    «Es war grauenhaft. Da stand für mich fest, wenn es so weit ist, will ich parat und im Reinen sein. Ich versuche so durch den Tag zu gehen, dass ich am Abend in den Spiegel schauen und sagen kann: Ja, es war ein guter Tag. Du hast keine üblen offenen Rechnungen, hast gesagt, was gesagt werden musste, und dort Liebe gegeben, wo sie hingehört. Wenn ich irgendwann sterbe, möchte ich möglichst wenig Ungesagtes und Ungelebtes zurücklassen. Das klappt natürlich nicht immer, aber ich arbeite täglich daran.»

    Seit Beginn des Projekts haben sich 20 Menschen in den Särgen kremieren lassen. Die kleine Manufaktur arbeitet mit mehreren Bestattungsinstituten zusammen und verkauft Särge und Urnen auch direkt.

    Der Markt sei hart, gibt Hergarten zu. Viele Särge kommen als Massenware auch aus dem Ausland. Die Werkstatt will da einen Kontrapunkt setzen und stellt zwei verschiedene Sargmodelle her: Den Heitere Komet aus regionalem Holz und den Phönix aus Restholz. Dafür reisst ein junger Mann draussen gerade lange Einwegpaletten auseinander.

    PERSÖNLICH

    Pascale Wetzlinger, 53, ist Büro- Allrounderin und absolviert derzeit einen Palliative-Care-Lehrgang. Im Rahmen ihrer beruflichen Neuorientierung sucht sie eine sinnstiftende Aufgabe mit Schwerpunkt Palliative Care und freut sich über Hinweise per LinkedIn. In der Heitere Sargwerkstatt engagiert sie sich freiwillig.

    Hannes Hergarten, 46, ist Sozialarbeiter und hat den Verein Kollektiv Frei_Raum mitgegründet. Er leitet die Sargwerkstatt mit seiner Kollegin Andrea Suter. Jeden Montag steht die Werkstatt Interessierten ab 10 Uhr offen. Das Projekt bietet auch Unterstützung bei der Durchführung von Abschiedsfeiern und Erinnerungsfesten an und veranstaltet einmal jährlich das Plötzlich Tod! Festival in und mit der Heitere Fahne.

    Es ächzt, kracht und knarzt, Holz berstet. Die Schreinerleute begradigen danach die Latten, schleifen und schrauben sie zusammen.

    Hergarten ist sichtlich stolz auf die alternativen Särge. Der Phönix ähnelt einer Munitionsbox, nachhaltig und einfach: «Er ist eine ehrliche Kiste. Hardcore upcycling.»

    Und bis die Kiste zum Einsatz kommt, darf sie anderen Zwecken dienen. Hergarten erinnert sich an eine 80-jährige Person, die ihren Sarg aus gefundenen Holzresten konstruierte und ihn nun als Sitzbank beim Schuhe anziehen nutzt.

    Ans Herz gewachsen ist ihm auch ein schwer erkrankter Mann, der zur Sargwerkstatt stets weit anreist. Er geniesst es mal fernab vom Spital seine Lebensgeschichte zu erzählen. Hier muss niemand ein starkes Image nach aussen kehren, darf Zweifel und Sorgen ansprechen, in die Tiefe gehen. In der Sargwerkstatt teilt man mehr als Know-how und Gerätschaften.

    Hergarten lächelt: «Meine Vision wäre, dass alle Pensionierten, die Lust haben, kommen und hier montags eine gute Zeit haben. Särge bauen, reden, sich gegenseitig helfen. Raus aus der Einsamkeit, hinein ins Sinnhafte und gemeinsam werkeln.»

    Kommentare

    Weiterlesen

    Duggingen BL
    Duggingen BL
    1 Interaktionen
    Männedorf
    andrea bauer
    1 Interaktionen
    Apropos

    MEHR AUS STADT BERN

    «Die Gegenwart ist ein Geschenk»
    Fabian Ruch
    joch
    Kanton Bern
    Wahlurne Hand Brief Karton
    1 Interaktionen
    Kanton Bern