Geschenk

    «Weniger Dinge aufschieben - die Gegenwart ist ein Geschenk»

    Fabian Ruch
    Fabian Ruch

    Bern,

    «Als Mitt-Vierziger geht das Leben erst richtig los», schreibt Fabian Ruch. Entscheidend sei, sich nicht von Vergangenheit und Zukunft bestimmen zu lassen.

    Fabian Ruch
    Neuer Nau.ch-Kolumnist: Der Berner Journalist Fabian Ruch. - Daniel Zaugg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Journalist Fabian Ruch schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
    • Ruch schreibt über die Lebensmitte als Neuanfang statt als Krise.
    • Mit zunehmendem Alter wird das richtige Mindset wichtiger, um sich nicht von Vergangenheit und Zukunft bestimmen zu lassen.

    In meiner letzten Kolumne schrieb ich darüber, wie herausfordernd der Umgang mit KI sein kann. Das Thema ist überall präsent, und wir alle wissen zum Glück nicht, wie schnell die Entwicklung weiterdreht.

    In den letzten Wochen habe ich bei der Arbeit wieder realisiert, wie faszinierend – und gleichzeitig erschreckend – die künstliche Intelligenz sein kann.

    Bei einem Buchprojekt entdeckte KI bis ins kleinste Detail unfassbar viele Ungenauigkeiten und Fehler, lieferte eine enorme Menge an Inputs, korrigierte mit bemerkenswerter Perfektion. Bis hin zu einer unpräzisen Wiedergabe eines Ereignisses auf Seite 137 im Vergleich zu einer Passage auf Seite 11 – die niemandem aufgefallen wäre.

    Es ist nur ein kleines Beispiel, das allerdings aufzeigt, wie wertvoll KI sein kann.

    Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass es eine ganze Reihe von Berufen in ein paar Jahren vermutlich nicht mehr geben wird. Und unter uns: Auch dieser Text könnte bald schon von KI geschrieben werden.

    Die wichtigste Erkenntnis jedoch ist: Man darf sich dadurch nicht verrückt machen lassen. Zukunftsängste gab es schon immer, das ist normal. Der Umgang damit ist entscheidend. Und damit sind wir beim Thema Haltung.

    Weiterbildung
    In den nächsten Jahren wird die KI die Berufe revolutionieren. (Symbolbild) - Depositphotos

    Der perfekte Sinnspruch

    Es ist zentral, ein angemessenes Mindset zu entwickeln. Das gilt, wenn man auf die 50 zusteuert. Es gilt aber auch mit 70, 80 und erst recht mit 20, 30. Wenn man älter wird, realisiert man, wie viele Menschen ihre Träume ständig aufschieben und sich sagen, dass man ja noch genug Zeit hat.

    Hat man eben nicht. Menschen sollten viel bewusster leben. Klingt simpel, ist aber natürlich schwierig umsetzbar. Man sollte nicht Dingen nachtrauern und schon gar nicht Dinge verschieben.

    Denn es ist ja so: Die Vergangenheit ist Geschichte, die Zukunft ist ein Mysterium, die Gegenwart ist ein Geschenk. Das hört sich auf Englisch deutlich besser an und ist ein weltberühmtes Quote: «The past is history, the future is a mystery, and the present is a gift – that is why it is called the present.»

    Es ist auf mehreren Ebenen zweideutig, unter anderem weil das Wort «Geschenk» zwei Verwendungen hat. Der Satz wird im Animationsfilm «Kung Fu Panda» von der weisen Schildkröte Meister Oogway gesprochen, die damit den frustrierten Pandabären Po aufmuntert.

    So viel Häme, Neid und Hass

    Was aber bedeutet die wunderbare Aussage, wenn man sie konsequent auslegt? Schliesslich kann man ja nicht jede Woche nach Las Vegas oder ans Meer reisen, sich eine schöne Uhr kaufen, von der man schon lange träumt, oder einfach nur noch das tun, was einem Spass macht.

    Es geht darum, jeden Tag mit einer positiven Einstellung anzugehen. Denn es kann schnell gehen, und alles ist anders. In meinem Umfeld gab es in diesem Jahr leider einige Todesfälle und Herzinfarkte.

    Ich habe oft das Gefühl, in der Schweiz nicht richtig aufgehoben zu sein. Wir leben im Paradies, das habe ich bereits einmal in einer Kolumne geschrieben, aber so viele Menschen gehen griesgrämig, negativ und unzufrieden durch ihr Leben. So viel Häme, Neid, Hass.

    Die sozialen Medien sind arg asozial geworden, und wer das nicht glaubt, der werfe nur einen Blick in die Kommentarspalten. Es wird gespottet, gestritten, kritisiert. Dabei gibt es kaum ein Land mit einer höheren Lebensqualität als die Schweiz. Wir sollten das mehr schätzen.

    Lebst du in der Gegenwart?

    Der Vorsatz für 2027

    Die Unzufriedenheit und die Unsicherheit ist leider überall spürbar. Der frustrierte Pandabär Bo ist nicht allein.

    Besonders schlimm: dieses unsägliche Vergleichsdenken! Kein Wunder, boomt die Ratgeber-Literatur – und läuft das Geschäft für Mentalcoaches wie geschmiert. Das Mindset justieren kann man allerdings jeden Tag.

    Eine Lehre ist: Fühlst du dich depressiv, lebst du in der Vergangenheit. Bist du ängstlich, lebst du in der Zukunft. Bist du in Frieden, lebst du in der Gegenwart.

    Und eine andere: Wenn wir begreifen, dass jeder Tag nicht ein Tag mehr ist, sondern einer weniger, werden wir anfangen, den Dingen, die wirklich wichtig sind, mehr Wert zu verleihen.

    Es sind lebenskluge Phrasen, natürlich, die man belächeln kann. Man kann aber auch versuchen, sie zu verstehen.

    Und damit zum Abschluss eine Idee, die mir in einem Text über den Weg gelaufen ist, in dem es darum ging, seine Träume stärker zu leben: Man nimmt sich also fürs Jahr 2027 fünf Dinge vor, die man unbedingt schon lange machen möchte. Eine Reise (vielleicht zum ersten Mal nach New York oder Paris), mehr Zeit für die Familie, eine Ausbildung, eine Auszeit, ein neues Hobby. Und das Ziel ist es, mindestens eine Sache davon umzusetzen.

    Wer fünf schafft, hat sich selbst ein riesiges Geschenk gemacht. Und wird Ende 2027 nicht das Gefühl haben, wieder ein Jahr verpasst zu haben.

    Raus aus dem Hamsterrad, rein in die persönliche Wohlfühlzone. Meister Oogway weiss Bescheid.

    Fabian Ruch
    Fabian Ruch schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch. - zvg

    Zum Autor

    Fabian Ruch (48) ist selbständig im Bereich Kommunikation, er arbeitet unter anderem als Journalist, hat das Frauen-Sportmagazin «Sportlerin» gegründet und einen Fussball-Podcast (Anderi Liga 2.0). Er schreibt auf Nau.ch über Tücken, Herausforderungen und Chancen im Midlife-Leben. Und darüber, wie man die Balance zwischen Arbeit und Alltag, Familie und Freizeit behält und auch mal verliert – als Sportjunkie und Selbständiger, Spielernatur und Suchtreisender. 

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