«Draussen essen»
Ein Geburtstagsessen endet trotz passendem Wetter im heissen Innenraum – die Flexibilität fehlt.

An meinem Geburtstag Ende Juni hat es in meinen Kindheitserinnerungen meistens geregnet. Vermutlich, weil das Wetter schon damals fand: Geburtstage sind überbewertet. Dieses Jahr hingegen war es tagsüber sonnig und heiss, gegen Abend wurde es richtig angenehm.
Gewitter waren zwar angesagt, gemäss Radar aber nicht für den Gurten, jedenfalls nicht vor 22 Uhr. Und weil wir vor unserem Theaterbesuch noch essen wollten, freute ich mich sehr, dass ich im Restaurant auf dem Berner Hausberg einen Tisch auf der Terrasse unter den alten Bäumen reservieren konnte.
Sechs Personen, lauer Sommerabend, luftige Höhe. Kurz: alles angerichtet für einen dieser Abende, an denen man denkt, das Leben meine es einfach nur gut mit einem.
Zur Sicherheit rief ich am Vormittag nochmals an, um mich zu vergewissern, dass die Reservation auch wirklich draussen auf der Terrasse eingetragen sei. Wurde bestätigt. Wunderbar.

Als wir kurz vor 18 Uhr ankamen, sassen zwar ein paar Leute bei einem Apéro im Garten, alle anderen Tische draussen waren aber merkwürdig leer. Nun gut, es war ja auch noch früh. Ich also freudestrahlend zum sehr netten Kellner: Wir haben für sechs Personen draussen reserviert.
Ah, nein. Man habe nun äbe drinnen gedeckt, weil am Nachmittag für den Abend noch Regen gemeldet gewesen sei. Nun ja, entgegnete ich, nun sei es aber trocken.
Mehr noch: Es sei herrlich angenehm, während es hier drinnen bereits die Temperatur eines schlecht belüfteten Terrariums habe.
Wir würden deshalb sehr gerne draussen essen. Platz hätte es ja genügend. Sehr genügend sogar. Leider nein. Der sehr nette Kellner blieb sehr nett. Und sehr nein. Auch der Chef de Service kam dazu, ebenfalls freundlich, charmant und ausgestattet mit der Flexibilität einer einbetonierten Parkuhr.
Ich versuchte es mit dem Geburtstagsargument. Ich hätte schliesslich Geburtstag, und man sollte sich doch wenigstens an diesem Tag wünschen dürfen, wo man sitzen möchte. Zumal man sechs Personen zum Essen mitbringe, zwei davon extra aus der Innerschweiz angereist seien und im Hotel hier übernachten würden.
Kommt dazu, dass die Preise im bedienten Restaurant auch nicht gerade nach Pfadilager riechen. Leider, leider gehe das trotz allem nicht. Man entscheide jeweils am Nachmittag, ob drinnen oder draussen serviert werde. Und nun sei eben entschieden worden. Ausserdem sei drinnen bereits aufgedeckt.
Man muss dazu sagen: Wir sprechen hier nicht von gestärkten weissen Tischtüchern, kunstvoll gefalteten Stoffservietten und Silberbesteck, das erst nach einem Diplomkurs korrekt platziert werden kann. Wir sprechen von Sets und Papierservietten.

Also von einem logistischen Aufwand, der ungefähr zwischen «Znüni auspacken» und «Kugelschreiber umdrehen» liegt. Wir boten sogar an, das Gedeck selbst nach draussen zu tragen. Es half alles nichts. Denn, so erklärte man uns liebevoll, falls es doch noch regnen sollte, hätte es drinnen dann vielleicht keinen Platz mehr.
Aber, versuchte ich es ein letztes Mal, man könne uns ja einfach den Tisch drinnen reserviert lassen, damit wir im Fall der Fälle wechseln könnten. Eine geradezu revolutionäre Idee: draussen sitzen, solange es trocken ist, und reingehen, falls es regnet.
Man könnte es «Wetteranpassung» nennen. Flexibilität. Gesunden Menschenverstand. Oder, ganz extrem formuliert: einen Kundenwunsch erfüllen. Leider nein. Auch das gehe nicht. Keine Chance. Alle sagten das wahnsinnig nett, fast liebevoll. Aber unerbittlich.

So freundlich kann nur jemand Nein sagen, der weiss, dass er keinerlei Absicht hat, seine Meinung zu ändern. Und der in der angenehmen Gewissheit lebt, dass die Gäste, da sich keine Alternative in unmittelbarer Nähe befindet, sich sowieso fügen müssen, wenn sie nicht mit knurrendem Magen an die Theatervorstellung gehen wollen.
Und so blieben die Tische draussen leer, während wir und auch alle anderen Gäste im heissen Innenraum sassen, vor uns hin garten – was immerhin zur niedergegarten Rinderrippe passte – und uns das frische Lüftchen vorstellten, das währenddessen draussen ungenutzt durch die Bäume strich.
Eine Terrasse voller freier Plätze, ein Restaurant voller schwitzender Menschen und irgendwo dazwischen die grosse Schweizer Kunst, eine Entscheidung durchzuziehen, nur weil sie ein paar Stunden zuvor getroffen wurde. Am nächsten Tag erhielt ich eine Mail: «Vielen Dank für Ihren Restaurantbesuch... Wir möchten unser Angebot sowie unsere Dienstleistungen stetig verbessern und sind daher auf Ihr Feedback angewiesen.»
Ah was, jetzt plötzlich? Und warum passiert das dann nicht direkt im Moment, wenn man eine konkrete Möglichkeit hätte, seine Dienstleistung zu verbessern? Aber gut. An einem lauen Sommerabend draussen auf der Terrasse essen zu wollen, ist natürlich schon eine äusserst extravagante, unerhörte Forderung von zahlenden Gästen, zu deren Erfüllung man wirklich keinen Gastgeber zwingen kann.
PS vom PS: Auf mein beantwortetes Feedback-Mail erhielt ich immerhin umgehend eine automatische Empfangsbestätigung. Seither: nichts. Vielleicht ist meine Nachricht ja noch unterwegs, wohl auf der Suche nach einem freien Platz auf der Terrasse.
Und wer weiss: Vielleicht wird dort eines Tages nicht nur Feedback gesammelt, sondern sogar interessiert gelesen. Die Hoffnung sitzt bis dahin wohl aber schwitzend drinnen.






