Das Geheimnis der Literatur
Charles Linsmayer stellt für den BärnerBär wöchentlich Lesenswertes vor. Heute: «Wanderorte» von Cyrill Stieger.

1918 taucht auf dem See vor Villeneuve ein auf einem Balken rudernder nackter Mann auf. Es ist, wie wir aus Stefan Zweigs Novelle «Episode am Genfer See» erfahren, ein schutzsuchender russischer Deserteur.
Im Roman «Melnitz» lässt Charles Lewinsky Salomon Meijer in einem Doppeltürhaus im Judendorf Lengnau leben.
Ruth und Wander in Otto F. Walters «Staunen der Schlafwandler am Ende der Nacht» geniessen ihr Liebesglück in einem verlorenen Hotel zuhinterst im Maderanertal.
Diese und 15 weitere Orte führt uns Cyrill Stieger anhand eines literarischen Texts, aber auch mittels einer schön bebilderten aktuellen Bestandesaufnahme vor Augen.
«Wanderorte» heisst der Band, animiert er uns doch, der Sache auch selbst nachzugehen. Und bestätigt zu sehen, was den Reiz des Ganzen ausmacht.

Dass wir nämlich in der Wirklichkeit nie das finden, was der Dichter uns mit seinem Schauplatz sagen wollte.
Wie Urs Faes im Nachwort festhält, steckt in der Verwandlung des Wahrgenommenen zu einer fiktiven Realität ja gerade das Geheimnis der Literatur, seine eigentliche Grösse.
So genügt es, um ein viertes Beispiel anzuführen, nicht, mit neugierigen Augen durch das Val de Réchy zu wandern, wenn wir nachempfinden wollen, was Corinna Bille in «Forêts obscures» ihre Figur Blanca da an Imaginär-Traumhaftem empfinden lässt.
Dazu müssen wir schon den Roman lesen.








