«Mit etwas handwerklichem Geschick...»
Wohnungsinserate sind oft kreativ formuliert – doch hinter Begriffen wie «Objekt mit Potenzial» oder «naturnah» steckt nicht immer das, was sie versprechen.

Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Wohnungs- und insbesondere Hausinserate sind eine literarische Gattung für sich, nicht frei von märchenhaften Zügen. Gelogen wird darin selbstverständlich nie. Es wird höchstens mit grosser Hingabe charmant umschrieben.
Aus der totalen Bruchbude wird ein «Objekt mit Potenzial». Feuchtigkeit an der Wand? «Historisches Raumklima.» Die Küche aus der Zeit, als man noch glaubte, Asbest sei ein Lifestyleprodukt? «Authentischer Retro-Charme.»
Mein persönlicher Favorit: «Mit etwas handwerklichem Geschick lässt sich daraus ein Bijou machen.» Übersetzt heisst das: Wenn Sie Maurer, Elektriker, Sanitärinstallateur, Bodenleger, Fensterbauer und nebenbei noch unverbesserlicher Optimist sind, können Sie eventuell verhindern, dass Ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Eventuell.
Achtung auch vor «Liebhaberobjekt». Das heisst: Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, hat sich bisher erbarmt. «Zentrale Lage» bedeutet: Der Bus fährt durchs Schlafzimmer. «Lebendiges Quartier»: Sie schlafen über einer Bar, neben einem Dönerladen und gegenüber einer Ampel, wo Lastwagen ab vier Uhr morgens ihren Bremsweg testen.
«Gemütlich» ist klein. «Kompakt» ist sehr, sehr klein. Und «cleverer Grundriss» ist die nette Formulierung dafür, dass man den Kühlschrank nur öffnen kann, wenn man vorher den Tisch hochklappt.
Vorsicht ist auch bei «naturnah» geboten: nicht zwingend heisst das nämlich Wald und Vogelgezwitscher. Es können auch Ameisen in der Küche und ein Gartensitzplatz in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Misthaufen gemeint sein.
Die grosse Frage ist: Warum machen Immobilienmakler das? Ich sehe es doch, wenn ich vor Ort bin. Eine Wohnung ist ja keine Aktionspackung

Guetzli in der Migros, bei der man denkt: Jetzt bin ich schon mal hier, dann nehme ich sie halt. Niemand steht in einem halb zerfallenen, muffigen Haus mit Teppichen aus den 70er-Jahren, horrendem Preis und sagt: «Na gut, der Weg war weit, ich unterschreibe.»
Aber vielleicht sind Immobilienmakler einfach die letzten grossen Romantiker unserer Zeit. Menschen, die in jedem Schimmelpilz ein Farbkonzept erkennen, in jeder Dachschräge eine Chance zur Persönlichkeitsentwicklung und in jeder Einzimmerwohnung mit Durchgangsküche ein «urbanes Raumwunder».
Und vielleicht ist das ja gar nicht so verkehrt. Denn wenn schon Preise und Mieten immer mehr nach Fantasy-Roman klingen, ist es möglicherweise keine schlechte Idee, wenn man die eigene Zahlungsfähigkeit schlicht als «Objekt mit Potenzial» betrachtet.






