Zugkollision in Spanien: Nun sprechen Überlebende und Ersthelfer
Die Zug-Tragödie in Spanien erschüttert das Land: Überlebende erzählen vom Chaos, Helfer vom Grauen. Die Suche nach Opfern ging auch in der Nacht weiter.

Das Wichtigste in Kürze
- Nach dem Zugunglück bei Urda in Spanien schildern Überlebende und Helfer die Szenen.
- Mindestens 68 Menschen starben, über 100 wurden verletzt, die Suche ging nachts weiter.
- Der Verkehrsminister nennt eine «falsche» Leitstellen-Entscheidung als mögliche Ursache.
Die Zug-Tragödie bei Urda erschüttert Spanien. Mindestens 68 Menschen starben, als am Mittwochmorgen nahe der Gemeinde in der Provinz Toledo ein Zug des Betreibers Renfe auf einen stehenden Iryo-Zug auffuhr. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt.
Die ganze Nacht suchten die Einsatzkräfte unter Flutlicht nach weiteren Opfern, während Angehörige um Vermisste bangten. Überlebende und Helfer erzählen nun von den Momenten nach dem Aufprall.
«Alles zerbrach auf einmal»
Der britische Tourist Samy Paul sass im Renfe-Zug. «Plötzlich fiel alles auseinander. Bang! Wir stürzten», sagte er der Nachrichtenagentur AP. «Wir merkten, dass Wagen zwei und Wagen eins weg waren, alles zertrümmert. Überall war Blut.»
Passagier Ignacio Relaño sagte dem staatlichen Sender TVE, der Zug sei zunächst kurz stehen geblieben und dann wieder angefahren. «Wir alle spürten, wie der Zug abrupt langsamer wurde, und dann kam der Aufprall.» Der Wagen habe sich zur Seite geneigt, als würde er gleich umkippen. «Ich schlug mit der Nase auf, alles flog durch die Gegend, Gepäck, Handys», so Relaño.
Pablo Mejia (42) überlebte mit Kopfverletzungen, nachdem er kurz zuvor den Sitzplatz gewechselt hatte. Er sprach von einem «sehr starken Schlag». Danach habe er viele Menschen übereinander am Boden liegen sehen, dazu herausgerissene Sitze und Koffer.
Ein weiterer Überlebender sagte vor Ort, Passagiere hätten Scheiben eingeschlagen, um aus dem Zug zu kommen. Andere hätten sich nicht bewegen können, weil sie zwischen den Sitzen eingeklemmt waren.
Dorfbewohner als erste Helfer
Als Erste vor Ort waren Menschen aus der Umgebung. Der 78-jährige Apotheker Antonio Garcia aus Urda sprang in sein Auto, nachdem ihm seine Tochter vom Unglück erzählt hatte.
Reuters sagte er, an der Unfallstelle habe er einen Waggon gesehen, der in einem anderen steckte. «Stellen Sie sich vor, was da drin war», sagte Garcia. Er nahm Verbandsmaterial, Schmerz- und Beruhigungsmittel sowie Decken aus seiner Apotheke mit.
Ein Passagier, der einen Arm verloren hatte, habe ruhig nach einer Ambulanz gefragt. Ein anderer habe sich von seiner Familie verabschiedet. Seine letzten Worte seien gewesen: «Gott ist gut». «Für uns Gläubige sind das sehr schöne Worte», sagte Garcia.
Auch der Bauarbeiter David Gómez eilte nach dem Knall herbei, wie er der Zeitung «El País» erzählte. «Die Leute versuchten, durch die Fenster hinauszukommen … Wir schnitten Zäune auf, um ins Gelände zu kommen, und versorgten die Leute mit den mitgebrachten Verbandskästen, bis die Rettungskräfte eintrafen.»
Manuel Ortiz (49) aus Urda fuhr den ganzen Vormittag Überlebende in seinem Auto. Der Agentur AFP schilderte er eine «grauenhafte» Szene, die «nach Unfall, nach Metall» gerochen habe.
Bangen um Angehörige
In Urda wurde die Sporthalle zum Zentrum für Überlebende. Angehörige der Opfer kamen in die Primarschule. Dort half die freiwillige Psychologin Carmen aus Madrid. «Einer Mutter zu sagen, dass ihr Kind bei einem Zugunglück gestorben ist, ist verheerend», sagte sie.
Einige Angehörige reisten zwei Stunden aus Madrid an. Eine Frau, die sich Ana nannte, kam nach Urda, nachdem die Umweltpolizei angerufen hatte. Die Beamten hatten ihren Hund Trece gefunden, der mit ihrem Mann Pepe im Zug sass. Sie suchte ihn an der Unfallstelle, in der Sporthalle und in der Schule. Sein Name stand auf keiner Liste.
Suche ging nachts weiter
Die Einsatzkräfte arbeiteten in der Nacht mit Flutlicht weiter, wie ein Reporter des Senders RTVE berichtete. Drei Kräne sollten zwei besonders schwer beschädigte Waggons anheben. Weitere Opfer in den Wracks konnten die Einsatzkräfte nicht ausschliessen.
Viele Menschen suchten noch nach vermissten Angehörigen. DNA-Proben wurden in Madrid, Toledo, Córdoba und Sevilla genommen. «Wir werden hier die ganze Nacht lang bleiben», sagte Mercedes Martín, Sprecherin der Guardia Civil in Madrid.
In den Spitälern wurden laut der Regionalregierung noch 53 Verletzte behandelt, mehrere in kritischem Zustand. In den beiden Zügen waren mehr als 540 Passagiere von Madrid nach Andalusien unterwegs.
Verkehrsminister spricht von «falscher» Entscheidung
Ministerpräsident Pedro Sánchez rief eine dreitägige Staatstrauer bis Samstag aus und versprach eine umfassende Aufklärung. Verkehrsminister Óscar Puente deutete auf mögliches menschliches Versagen hin. Die Bahnleitstelle habe dem Renfe-Zug grünes Licht gegeben, obwohl das automatische Zugsicherungssystem nach einem Computerausfall nicht wieder funktionierte.
Puente sprach von einer «unerklärlichen» und «falschen» Entscheidung. Ob es tatsächlich menschliches Fehlverhalten war, müsse die Untersuchung klären. Die Unfallermittler hielten es für «viel zu früh», Ursachen zu nennen.

Am Abend gedachten die Menschen in ganz Spanien um 20 Uhr mit einer Schweigeminute vor den Rathäusern der Opfer. In Madrid kam es vor dem Transportministerium bei einer Kundgebung rechtsextremer Gruppen zu Ausschreitungen. Die Lokführergewerkschaft Semaf hält an ihrem Streik am Donnerstag fest. Er war schon vor dem Unglück angekündigt worden.
Es ist das zweite schwere Zugunglück innerhalb von neun Monaten. Im Januar waren bei Adamuz in Andalusien 46 Menschen gestorben. Das neue Unglück gilt laut ABC als das schwerste in Europa seit 2013.
























