Die Lage im Osten der Ukraine spitzt sich weiter zu. Die Grossstadt Sjewjerodonezk meldet seit Kriegsbeginn rund 1500 Tote. Auch in Mariupol wurden weitere Leichen gefunden.
Sjewjerodonezk Ukraine Krieg
Schutz im Keller: Die ostukrainische Stadt Sjewjerodonezk ist besonders umkämpft. - Leo Correa/AP/dpa

Die prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine haben nach eigenen Angaben die Stadt Lyman im Gebiet Donezk eingenommen.

Bislang hätten die Separatisten im Gebiet Donezk «mit Feuerunterstützung der russischen Streitkräfte 220 Ortschaften, darunter auch Krasny Liman, befreit und die vollständige Kontrolle über sie erlangt», teilte der Stab der separatistischen Streitkräfte am Freitag laut der Nachrichtenagentur Interfax mit. Krasny Liman ist der noch aus sowjetischer Zeit stammende Name für die Stadt Lyman. Das ukrainische Militär hat den Fall Lymans noch nicht bestätigt.

Allerdings hatte bereits am Vorabend der ukrainische Präsidentenberater Olexyj Arestowytsch im Fernsehen die strategisch wichtige Ortschaft als verloren bezeichnet. Lyman liegt westlich des noch von ukrainischen Truppen kontrollierten Ballungsraums um die Grossstädte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk. Die russischen Streitkräfte versuchen seit Wochen, dieses Gebiet zu erstürmen. Mit dem Fall von Lyman wird die Versorgung des ukrainischen Militärs in dem Raum schwieriger. Zugleich steigt die Gefahr einer Einkesselung.

Mehr als 1500 Tote in Sjewjerodonezk

In der besonders schwer umkämpften ostukrainischen Stadt Sjewjerodonezk sind offiziellen Angaben zufolge seit Kriegsbeginn rund 1500 Menschen getötet worden. Darunter seien sowohl Soldaten als auch Zivilisten, sagte der Chef der lokalen Militärverwaltung, Olexandr Strjuk, am Freitag. Viele Menschen seien zudem geflüchtet. Von den einst 130.000 Einwohnern sei mittlerweile nur noch rund ein Zehntel da. Der Gouverneur des Luhansker Gebiets, Serhij Hajdaj, berichtete zudem von vier Toten durch russischen Beschuss auf Sjewjerodonezker Wohnviertel am Vortag.

Mehr als drei Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs zählt die Grossstadt Sjewjerodonezk zu den letzten Teilen von Luhansk, die noch von der ukrainischen Armee kontrolliert werden. Unweit der Stadtgrenze wird aber bereits heftig gekämpft. Beobachter befürchten, dass ukrainische Brigaden in Sjewjerodonezk von russischen und prorussischen Militärs eingekesselt werden könnten.

Auch in der mittlerweile von russischen Truppen eingenommenen ukrainischen Hafenstadt Mariupol wurden Angaben eines Lokalpolitikers zufolge Dutzende weitere Leichen von Bewohnern gefunden. Rettungskräfte hätten insgesamt rund 70 leblose Körper auf einem ehemaligen Fabrikgelände entdeckt, schrieb der Mariupoler Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko am Freitag im Nachrichtendienst Telegram. Die Menschen seien unter den Trümmern begraben worden, als russische Besatzer das Gebäude beschossen, schrieb er. Überprüfen liessen sich diese Angaben zunächst nicht.

Ukraine im Osten unter Druck

Die ukrainische Armee steht im äussersten Osten ihrer Front stark unter Druck. Sjewjerodonezk wurde am Donnerstag mit Artillerie und aus der Luft beschossen, wie Gouverneur Serhij Hajdaj mitteilte. Der ukrainische Generalstab teilte mit, der Angriff auf die Stadt und ihren Vorort Boriwske sei aber nicht erfolgreich. Die Militärangaben waren nicht unabhängig überprüfbar. In einem anderen Dorf in der Nähe, in Ustyniwka, habe die russische Seite einen Teilerfolg errungen, hiess es.

Russlands Militär bestätigte Angriffe auf die ostukrainischen Gebiete Charkiw und Donezk. Auf eine ukrainische Brigade in der heftig umkämpften Stadt Bachmut in Donezk etwa seien Raketen abgefeuert worden, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Freitag. Im Charkiwer Gebiet seien Militärobjekte ebenfalls mit Raketen beschossen worden.

Selenskyj: Russland verfolgt «Politik des Völkermords»

«Die laufende Offensive der Besatzer im Donbass könnte die Region menschenleer machen», sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache in Kiew. Die Städte würden zerstört, die Menschen getötet oder verschleppt. Dies sei «eine offensichtliche Politik des Völkermords».

Ex-General: «Zeit spielt für Ukraine, wenn sie durchhält»

Der frühere Bundeswehr- und Nato-General Hans-Lothar Domröse geht davon aus, dass die Ukraine dem russischen Vormarsch im Donbass in den kommenden Wochen nicht vollständig standhalten kann.

«Jetzt kommt der grosse Schwung der Weltmacht Russland zum Tragen. (...) Sie sind reichweiten- und zahlenmässig überlegen», sagte Domröse am Freitag dem Nachrichtenradio MDR Aktuell. Die ukrainischen Kräfte könnten den Vormarsch maximal hier und da verzögern.

Ab Herbst könnten die Ukrainer aber wieder mehr Widerstand leisten, so Domröse. In etwa einem halben Jahr werde das Land viel mehr westliche Waffensysteme haben und die Soldaten viel besser an diesen ausgebildet sein. «Bis dahin werden sie aber noch schwere Schläge hinnehmen müssen», sagte Domröse. Die Zeit spiele etwas für die Ukraine, «wenn sie durchhält».

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