Timmy ist tot: So hätte man die 1,5 Mio. besser ausgegeben
Timmy ist tot. Experten hatten es vorausgesagt – trotzdem wurden Unsummen in die «Rettung» gesteckt. Anders ausgegeben hätte das Geld wirklich etwas bewirkt.

Das Wichtigste in Kürze
- Wal Timmy ist kurz nach seinem Transport von Deutschland nach Dänemark gestorben.
- Schon früh hatten Experten vorausgesagt, dass das Tier wohl bald sterben wird.
- Die Summe, die für die «Rettung» ausgegeben wurde, hätte besser genutzt werden können.
- Inzwischen zeichnet sich zudem ab: Anders als die Retter behaupteten, war Timmy weiblich.
Seit dem Wochenende herrscht Gewissheit: Buckelwal Timmy, der vor Wochen erstmals in der Ostsee strandete, ist tot. Trotz einer Rettungsaktion, die sich Private über 1,5 Millionen Euro (1,4 Millionen Franken) kosten liessen.
Unerwartet kam sein Tod nicht. Dass der Wal sterben wird, schätzten viele Expertinnen und Experten schon früh als sehr wahrscheinlich ein. Sie warnten darum vor der Rettungsaktion, dass das Tier zu geschwächt sei. Es hatte sich schon Anfang März in Fischernetzen verletzt.
Auch an der Rettung selbst gab es Kritik: Diese habe den ohnehin bereits kranken und geschwächten Wal zusätzlich gestresst.
Gegenüber Nau.ch erklärte Meeresbiologe Thilo Maack von der Umweltorganisation Greenpeace: «Wir hatten damals als Teil des Expertenkreises empfohlen, den Wal in Ruhe und der Natur ihren Lauf nehmen zu lassen.»
Gescheiterte Aktion kostete 1,5 bis 2 Millionen Euro
Doch es kam bekanntlich anders. Ein Team um den ehemaligen Walfänger Jeff Foster brachte das Tier in einer aufwendigen Aktion in die Nordsee. Bezahlt wurde das Ganze von zwei Millionären.
Karin Walter-Mommert, eine der beiden Geldgeberinnen der Aktion, spricht am Wochenende von Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Nicht eingerechnet sind dabei die gemieteten Schiffe und deren Crews.
Heisst: Am Schluss muss wohl eher von 2 Millionen Euro (umgerechnet 1,8 Millionen Franken) ausgegangen werden.

Geld, das vergeblich ausgegeben wurde. Ob es bei der Rettung wirklich um das Tierwohl ging, darüber scheiden sich die Geister.
Klar ist für Tierschützer jedenfalls: Das Geld hätte besser investiert werden können, um Tierleid zu verhindern.
Wale verheddern sich immer wieder in Netzen
Freya Duncker von WWF Deutschland sagt zu Nau.ch: «1,5 Millionen Euro sind eine grosse Summe.» Damit könnte man vielen Tieren helfen, betont sie.
Denn: Timmy ist bei weitem nicht der einzige Meeressäuger, der mutmasslich aufgrund von menschengemachten Gefahren verendet ist.
«Auch frühere Besuche von Buckelwalen oder anderen Grosswalen in der Ostsee endeten ähnlich.» Ein Beispiel: 2018 verhedderte sich Buckelwal Lotta in der Ostsee dreimal in Fischernetzen. Das Tier wurde zwar befreit, starb schliesslich trotzdem vor der deutschen Ostseeküste.
Besonders gefährdet sind die dort heimischen Schweinswale, erklärt Duncker. «Sie laufen täglich Gefahr, sich in Stellnetzen zu verfangen, mit Schiffen zu kollidieren und werden von starkem Lärmeintrag beeinträchtigt.»
Die sogenannten Stellnetze, senkrecht im Wasser stehende Fischernetze, sind für Schweinswale unsichtbar. Verfangen sie sich darin und können sich nicht mehr befreien, ertrinken sie.
Stellnetze sind bis zu 15 Meter hoch und bis zu 15 Kilometer lang. Laut Greenpeace werden sie in der Region hauptsächlich von dänischen Fischern eingesetzt.
Geld hätte Schweinswale, Robben und Vögel retten können
Meeresbiologin und Geschäftsleiterin von Greenpeace Schweiz, Iris Menn, sagt zu Nau.ch: «Mit 1,5 Mio Euro hätten zum Beispiel fünf Stellnetz-Fischereibetriebe aufgekauft und dann stillgelegt werden können.»
Das hätte dazu geführt, dass sie keine Beifänge von Schweinswalen, Kegelrobben und tauchenden Seevögeln mehr verursachen würden.
Die 1,5 Millionen Euro hätten «weit mehr als einem Tier geholfen», betont auch Duncker. Und gibt zu bedenken, dass es eigentlich viele Lösungen gegen das Stellnetz-Problem gäbe.

Beispielsweise «Acrylperlen, die in die Netze eingewebt werden». Diese Perlen sollen die Netze für Schweinswale hörbar – sie orientieren sich mit Sonar – und damit sichtbar machen. «Es braucht jedoch Geld, damit sie in der Fischerei flächendeckend angewendet werden können», sagt Duncker.
Mit den 1,5 Millionen hätte man laut Menn auch grossflächig Seegras in der Region anpflanzen können. «So wären diese Gebiete fit gegen die Folgen des Klimawandels.»
Was Spenden für mögliche Geldgeber aber unsexy machen dürfte: Dass man ein konkretes Tier unter grosser medialer Aufmerksamkeit retten kann, bleibt selten. «Projekte laufen oft über Jahre, um tiefgreifende Veränderungen zu erreichen und nicht nur kurzfristige Erfolge zu feiern», sagt Duncker.
Ein jahrelang dauerndes Seegras- oder Stellnetz-Projekt kommt natürlich an die Dramatik vom Fall Timmy nicht heran. Und damit bleibt auch die öffentliche Aufmerksamkeit und das öffentliche Interesse geringer.
Das Drama um Wal Timmy
Wal Timmy wurde erstmals am 3. März in der Nähe von Wismar im Nordosten Deutschlands gesichtet. Am 23. März strandete er vor dem Ort Timmendorfer Strand – so kam er auch zu seinem Namen.
Das Tier wurde aufwendig freigegraben, bis es selbst losschwimmen konnte. Es strandete aber wenig später erneut.
Am 1. April wurde bekanntgegeben, dass keine weiteren Rettungsversuche geplant sind. Man wolle der Natur ihren Lauf lassen.
Am 10. April lebte Timmy immer noch. Jetzt präsentierte ein rechter Influencer einen Plan, Timmy auf eine sogenannte Ponton-Konstruktion zu heben und in tiefere Gewässer zu bringen.
Zwei deutsche Millionäre versprachen, die Kosten zu übernehmen: Pferdesport-Unternehmerin Karin Walter-Mommert und Mediamarkt-Gründer Walter Gunz.
Bis zum 28. April wird Timmys Haut mit Tüchern vor UV-Strahlung und Austrocknung geschützt. Dann ist das Gefährt, das ihn retten soll, bereit: Der Wal wird in die mit Wasser gefüllte Barge gezogen.
Ein Schiff zieht das Gefährt in Richtung Nordsee. Drei Tage nach der Abfahrt sollte Timmy schliesslich freigelassen werden. Doch es kam zu Verzögerungen – erst am 2. Mai war der Wal zurück im tiefen Wasser.
Dann fehlte eine Weile jede Spur von ihm. Ein paar Tage später tauchte ein Walkadaver vor der dänischen Insel Anholt auf. Am vergangenen Samstag wurde bestätigt: Es handelt sich um den Körper von Timmy.
Timmy war ein Weibchen
Der Wal soll nun vom Strand entfernt und obduziert werden.
Übrigens: Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Wal-«Retter» Timmy fälschlich als Wal-Bullen bezeichnet hatten.
Auf Bildern des Wal-Kadavers sieht Wal-Experte Fabian Ritter deutliche Hinweise, dass Timmy weiblich war. Gegenüber «Bild» erklärt er, dass die Milchdrüsenspalten des Tiers klar zu erkennen sind.




















