Maschinengewehre auf zivilem russischem Tanker entdeckt
Ein russischer Gas-Tanker wurde in der Ostsee mit zwei Maschinengewehren an Bord entdeckt. Bewaffnete zivile Schiffe sind eine rechtliche Grauzone.

Das Wichtigste in Kürze
- In der Ostsee wurde ein russischer Flüssiggas-Tanker mit zwei installierten Maschinengewehren entdeckt.
- Das Tankschiff von Gazprom beliefert die russische Enklave Kaliningrad.
- Osteuropa-Experte Ulrich Schmid ordnet für Nau.ch ein.
Estnische Grenzschützer haben bei einem Überwachungsflug über der Ostsee Anfang Mai etwas Ungewöhnliches entdeckt: Auf dem russischen Flüssiggastanker «Marshal Vasilevskiy» sind zwei schwere Maschinengewehre installiert.
Die Fotos gelangten zuerst an das baltische Internetportal «Delfi». Dieses teilte die Bilder. Laut Positionsdaten und Flugdatenbanken entstanden die Aufnahmen mutmasslich nahe der Einfahrt zur finnischen Bucht.
Offiziere der deutschen Marine bestätigen gegenüber «NDR» und «WDR»: Sie hätten eine derartige Bewaffnung russischer Zivilschiffe in der Ostsee bisher nicht wahrgenommen.
«Marshal Vasilevskiy» versorgt russische Exklave Kaliningrad
Bei der «Marshal Vasilevskiy» handelt es sich um kein gewöhnliches Tankschiff. Das 2018 gebaute Schiff gehört dem russischen Energiekonzern Gazprom. Es kann LNG (Flüssigerdgas) transportieren und gleichzeitig auch in normales Gas umwandeln. Damit kann es als schwimmendes Gasterminal eingesetzt werden.
In den vergangenen Jahren versorgte das Schiff hauptsächlich Kaliningrad mit Energie. Kaliningrad ist eine russische Exklave, also ein Gebiet, das vom restlichen Russland getrennt ist. Es liegt zwischen Litauen und Lettland an der Ostsee.
Analysten zufolge dient das Schiff als strategische Reserve für die Energieversorgung Kaliningrads. Gazprom äusserte sich auf eine Anfrage des «ARD» nicht zur Bewaffnung des Schiffes.
Ulrich Schmid, Professor für Osteuropastudien an der Universität St. Gallen, ordnet die Sachlage auf Anfrage von Nau.ch ein: «Die Gasversorgung von Kaliningrad findet hauptsächlich über eine Pipeline statt, die über litauisches Gebiet führt.»
Russland wolle sich mit den LNG-Lieferungen gegen eine Blockierung der Gasversorgung über den Landweg absichern.
Internationales Seerecht ist gesetzliche Grauzone
Rechtlich bewegt sich die Bewaffnung eines zivilen Schiffes in einem sogenannten Graubereich. Das bedeutet: Es ist nicht eindeutig geregelt, ob das erlaubt ist oder nicht.
Der Osteuropaexperte sagt: «Man muss sich an das internationale Seerecht halten, das die Bewaffnung ziviler Schiffe nicht ausdrücklich verbietet.»
Der Tanker meide die Hoheitsgewässer der Ostseeanrainerstaaten. Das sind Staaten, die eine Küste an der Ostsee haben. Deshalb könne das Schiff nicht «ohne weiteres kontrolliert werden», fügt Schmid hinzu.
Drohnenangriffe der Ukraine treiben Russland zur Aufrüstung
Moritz Brake, Experte für maritime Sicherheit, ordnet die Bilder gegenüber «ARD» klar ein. Er sieht darin einen Beleg dafür, dass Russland zunehmend unter Druck steht. «Diese Waffen zeigen, dass Russland durch die ukrainische Bedrohung mit Drohnenangriffen sogar in der Ostsee alarmiert ist», so Brake.
Auch in der Ostsee griffen ukrainische Drohnen in den vergangenen Monaten an. Betroffen waren unter anderem die russischen Häfen Primorsk und Ust-Luga, wo Ölterminals und Energieanlagen getroffen wurden.
Anfang Juni soll die Ukraine eine russische Korvette, ein kleines Kriegsschiff, im Marinestützpunkt bei St. Petersburg mit Drohnen angegriffen haben.
Rhetorischer Schlagabtausch zwischen Putin und Litauen
Schmid verweist auf einen ähnlichen Vorfall: «Kürzlich kam es zu einem rhetorischen Schlagabtausch zwischen dem litauischen Aussenminister und Putin über Kaliningrad.»

Der litauische Aussenminister meinte, man müsse den Russen zeigen, dass man in ihre «kleine Festung» in Kaliningrad einbrechen könne. Putin antwortete darauf, dass er einen Staat, der Kaliningrad angreife, «dem Erdboden gleichmachen» würde.
Dies zeigt, dass das Thema Kaliningrad für reichlich diplomatische Brisanz sorgt.

















