Die grossen Industrieländer sind für drei Viertel der globalen Emissionen verantwortlich. Auf dem G20-Gipfel in Rom könnte es aber wieder nur vage Versprechen in der Klimakrise geben.
G20
Carabinieri patrouillieren vor dem Schauplatz des Gipfels, dem Kongresszentrum La Nuvola (die Wolke) in Rom. Foto: Gregorio Borgia/AP/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Die grossen Industrienationen (G20) wollen auf ihrem Gipfel in Rom neue Versprechen für mehr Klimaschutz abgeben, sind aber noch uneins über konkrete Ziele.

In einem Entwurf des Abschlusskommuniqués, der der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag vorlag, wird zu «sofortigem Handeln» aufgerufen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Strittig ist, ob sich die G20-Staaten am Wochenende auch zu einem gemeinsamen Ziel für Netto-Null-Emissionen von Treibhausgasen oder Kohlendioxid-Neutralität «bis 2050» bekennen werden. Klimaschützer zeigten sich enttäuscht von dem Textentwurf: Er bleibe zu vage.

In dem Dokument steht das Zieljahr 2050 noch in Klammern. So hat sich China als der mit Abstand grösste Produzent von Kohlendioxid bisher nur dazu bekannt, erst 2060 kohlendioxidneutral werden zu wollen. Indien will sich wohl gar kein solches Ziel setzen. Netto-Null bedeutet, dass alle Treibhausgas-Emissionen durch Massnahmen zur Reduktion wieder aus der Atmosphäre entfernt werden müssen. Die G20-Staaten sind für mehr als 75 Prozent aller Emissionen verantwortlich.

Die Staats- und Regierungschefs wollen in Rom unter anderem das Weltklimatreffen (COP26) vorbereiten, das am Sonntag im schottischen Glasgow beginnt. Dort soll beraten werden, wie das 2015 im Pariser Klimaabkommen formulierte Ziel erreicht werden kann, die gefährliche Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rief in Brüssel zu mehr Engagement im Kampf gegen die Erderwärmung auf. «Es geht nicht um die Frage, wer fortschrittlicher sein wird als andere. Es geht um das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten.»

Industrieländer sollen Hilfen aufstocken

Bei der COP26 sollen die Industrieländer demnach aufgefordert werden, ihre Finanzhilfen für den Klimaschutz in ärmeren Staaten aufzustocken, damit das vereinbarte Ziel von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr erreicht wird. Sie gehe davon aus, dass auch die Zusagen aus der EU noch einmal erhöht würden. Mit einem Beitrag von mehr als 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr seien die EU und ihre Mitgliedstaaten bereits heute der grösste Geber bei der Klimafinanzierung.

Die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) als ihr möglicher Nachfolger im Kanzleramt wollen beim G20-Gipfel in Rom nach Angaben deutscher Regierungskreise ein Zeichen der Kontinuität setzen. Inhaltlich solle ein starkes Signal im Kampf gegen den Klimawandel gesetzt werden, hiess es weiter.

Zugleich würden die Folgen der Corona-Pandemie sowie die Gerechtigkeitsfrage bei der Verteilung und Produktion von Impfstoffen eine grosse Rolle spielen. Die Kanzlerin will in der italienischen Hauptstadt am Rande des G20-Gipfels unter anderem mit US-Präsident Joe Biden zu bilateralen Beratungen zusammenkommen.

Merkel hatte am Dienstag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihre Entlassungsurkunde bekommen, führt die Regierungsgeschäfte aber weiter, bis ein neuer Kanzler gewählt wird.

Ohne eine schnelle Verringerung der Treibhausgase drohten Deutschland und anderen G20-Staaten weitere Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Überschwemmungen, warnte das Euro-Mittelmeer-Forschungszentrum für Klimawandel (CMCC) in einer Studie für die europäische Klimastiftung. Die G20-Staaten dürften 2050 im Schnitt mindestens vier Prozent ihrer Wirtschaftsleistung pro Jahr einbüssen - bis 2100 sogar acht Prozent.

Könnten die Emissionen so gesenkt werden, dass die Erwärmung auf zwei Prozent begrenzt werde, müsste Deutschland 2050 immer noch ein Minus von 1,35 Prozent oder 45 Milliarden Euro hinnehmen. Im ungünstigen Fall müsste Deutschland 2050 auf 1,85 Prozent Wirtschaftsleistung jährlich verzichten - bis 2100 dann auf 2,95 Prozent. Landwirtschaft, Tourismus und Küstenregionen seien besonders bedroht.

«Wir brauchen ein starkes Signal der G20, damit die Klimakonferenz auf das richtige Gleis kommt und nicht gleich in einer Sackgasse endet», sagte Jörn Kalinski von Oxfam. Friederike Meister von Global Citizen sagte, «der G20-Gipfel stellt die Weichen für Erfolg oder Misserfolg der Klimakonferenz». Als «weltweit grösste Umweltverschmutzer» trügen die G20-Staaten besondere Verantwortung.

Strittig ist in dem Entwurf auch noch, ob sich die G20 dazu verpflichten will, schon «in den 2020er Jahren» weitere Massnahmen zu ergreifen, nationale Aktionspläne zu formulieren, umzusetzen und regelmässig zu überprüfen. Klimaschützer halten das für notwendig.

«Der Textentwurf drückt leider nicht die notwendige Entschlossenheit aus», reagierte der Klimaexperte Jan Kowalzig von Oxfam. «Die G20-Staaten sollten alle Alarmglocken läuten, dass ihre eigene Zögerlichkeit den Planeten zu verbrennen droht.» Zwar werde die Lücke zwischen dem 1,5-Grad-Ziel und den Aktionsplänen anerkannt, «aber der Aufruf zu mehr Klimaschutz ist zu unverbindlich und zu unkonkret». So reichen die Anstrengungen nach einem UN-Bericht bei Weitem nicht aus. Mit den jüngsten Klima-Versprechen würden die Treibhausgase bis 2030 nur um 7,5 Prozent verringert. Für das 1,5-Grad-Ziel würden aber 55 Prozent benötigt - für 2 Grad noch immer 30 Prozent.

In dem Entwurf bekräftigt die G20-Gruppe ihr Ziel eines «weitgehend» kohlendioxidfreien Stromsektors in den 2030er Jahren. Ursprünglich war nach dpa-Informationen allerdings von einer «überwältigenden» Mehrheit des Stromsektors die Rede, der kohlendioxidfrei sein sollte. Die Staaten wollen demnach «ihr Äusserstes tun», um den Bau neuer Kohlekraftwerke zu vermeiden, wobei aber ein Schlupfloch zugelassen wird, indem «nationale Umstände berücksichtigt werden».

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