Der Ravensburger Verlag kassiert wegen der Rücknahme eines «Winnetou»-Kinderbuchs einen Shitstorm. Ein Sprachwissenschaftler findet den Rückzug gut.
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Szene aus dem Film «Der junge Häuptling Winnetou» mit Mika Ullritz. - Marc Reimann/Leonine Studios/dpa
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Das Wichtigste in Kürze

  • Die Debatte um kulturelle Aneignung breitete sich auf «Winnetou» aus.
  • Der Ravensburger Verlag zog ein Jugendbuch über die Kultfigur nach einem Aufschrei zurück.
  • Ein deutscher Sprachwissenschaftler hält die Kritik an den Werken für gerechtfertigt.

Die Debatte um kulturelle Aneignung beschäftigt die Kultur-Welt weiterhin. Losgetreten wurde sie nach der Konzertabsage in der Berner Brasserie Lorraine wegen weissen Musikern mit Dreadlocks.

Nun ist sie erneut entfacht – wegen einem Jugendbuch über die Kultfigur «Winnetou». Der Ravensburger Verlag hatte dessen Veröffentlichung nach einem Aufschrei weniger linker Aktivisten zurückgezogen. Auch einige Medienhäuser wie die ARD zeigen die Filme aus den 1960er Jahren nicht mehr.

Eines haben die Brasserie Lorraine und «Winnetou» gemeinsam: Die Kritiker bleiben anonym.

Bis jetzt: Anatol Stefanowitsch, deutscher Sprachwissenschaftler und Dozent der Freien Universität Berlin, sagt ganz offen: Er stört sich an den «Winnetou»-Werken.

Darum soll Winnetou rassistisch sein

Stefanowitsch kritisiert: «Bei Karl May werden Native Americans als Stereotype und dem weissen, deutschen Mann unterlegen Menschen charakterisiert. Von einem Menschen, der sie nie kennengelernt hat. Für Menschen, die sie nie kennenlernen werden.» Das sei «rassistisch».

Gegenüber Nau.ch sagt er: «Es handelt sich um schlecht ausgedachte Geschichten von einem weissen deutschen Helden und seinen Abenteuern unter den ‹Indianern›.»

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Das Museum von Karl May kürt das Buch als «Buch des Monats»
karl may Coop
Der französische Schauspieler Pierre Brice als stolzer Apachen-Häuptling Winnetou in einer Szene des Karl-May-Films «Winnetou 3».
marie versini
Old Shatterhand (Lex Barker) und Apachen-Häuptling Winnetou (Pierre Brice) in der Karl-May-Verfilmung «Winntou» von 1963.
Uschi Glas
Uschi Glas als Apanatschi im Trailer zu «Winnetou und das Halbblut Apanatschi» von 1966.

«Wer sich für Kultur der Native Americans interessiert, wird in Winnetou nicht fündig»

Diese seien entweder – wie die Apachen – als edle Wilde dargestellt. Oder – wie die Komantschen – als hinterlistige Feinde.

Anatol Stefanowitsch
Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler und Dozent an der Freien Universität Berlin. - Bernd Wannenmacher/FU Berlin

Die Bücher seien schon früher nicht besonders lehrreich gewesen – und heute erst recht nicht mehr. «Wer sich für die Kultur und Geschichte der Native Americans interessiert, wird dort nicht fündig», so Stefanowitsch.

«Wer einfach nur mit Kämpfen und Intrigen in einer Fantasy-Welt unterhalten werden will, ist mit ‹Herr der Ringe› oder ‹Game of Thrones› besser bedient. Diese Werke tun wenigstens nicht so, als seien sie realistische Darstellung tatsächlicher Völker und Ereignisse.»

Konservative wollen «Kulturkampf herbeifantasieren»

In der aktuellen Diskussion gehe es für ihn aber gar nicht vorrangig um die «Winnetou»-Bücher. Denn diese seien in Vergessenheit geraten.

Stefanowitsch glaubt: «Sie sind nur der neueste Spielball für ein konservatives bis rechtes Narrativ, das auf dem frei erfundenen Vorwurf aufbaut, ‹woke Linke› würden Sprache und Kultur zensieren.»

Verstehen Sie die Kritik an Winnetou?

Deshalb habe die ARD die Senderechte für die Reihe schon 2020 auslaufen lassen. Das Publikumsinteresse habe wohl nicht mehr ausgereicht, um die Kosten zu rechtfertigen. Auch bei Ravensburger dürfte der erwartete Gewinn nicht ausgereicht haben, «um einen potenziellen Image-Schaden in Kauf zu nehmen», glaubt er.

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«Winnetou»-Bücher stehen in einem Regal des Karl-May-Verlags. - Keystone

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