In Zeiten von Corona zieht es mehr Menschen aufs schaukelnde Nass: Bootsbauer verkauften im Pandemie-Jahr 2020 «alles, was aufs Wasser geht». Doch dort ist längst nicht alles erlaubt. Auf dem Bodensee gelten strenge Regeln.
Wasserschutzpolizist Thomas Rupflin kontrolliert auf dem Bodensee eine Stand-up-Paddlerin. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Wasserschutzpolizist Thomas Rupflin kontrolliert auf dem Bodensee eine Stand-up-Paddlerin. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Mit seinem Fernglas sucht Thomas Rupflin die Wasseroberfläche ab.

«Da ist eine, nah beim Naturschutzgebiet», sagt der Polizist und setzt mit dem rund 20 Meter langen Polizeiboot «Hecht» Kurs auf die Reutiner Bucht.

Trotz Windstärke vier und einem entsprechend unruhigen Bodensee ist dort eine Stand-up-Paddlerin unterwegs. «Würden Sie bitte zu einer Kontrolle längsseits kommen?», schallt Rupflins Stimme aus dem Lautsprecher.

Wer auf dem Bodensee Wassersport treiben will, muss eine Menge Regeln beachten. Damit Baden-Württemberg, Bayern, Österreich und die Schweiz auf dem Wasser keine unterschiedlichen Massstäbe anlegen, gilt ein internationales Regelwerk. «Motorboote müssen zum Beispiel spezielle Abgasnormen erfüllen und für Stand-up-Paddler gilt 300 Meter vom Ufer entfernt eine Schwimmwesten-Pflicht», sagt der Leiter der Lindauer Wasserschutzpolizei, Klaus Achtelstetter.

Viele Neulinge unter Wassersportlern

Erfahrene Wassersportler kennen sich mit den oft gut aus, sagt Thomas Rupflin. In der Pandemie hätten aber auch viele Neueinsteiger Wassersport für sich entdeckt. «In der zweiten Sommerhälfte 2020 war deutlich mehr los», berichtet der Wasserschutzpolizist. «Da haben die Discounter aufblasbare Boards zum Stand-up-Paddeln auf den Markt geworfen.»

Die Überlinger Stationsleiterin der Surfschule Bodensee, Lysette Proschinger, hat mit solchen Neulingen auch schon ihre Erfahrungen gemacht: «Die stehen teilweise falschrum auf dem eigenen Board.» Aber auch bei der Surfschule sei die Nachfrage nach Kursen und Vermietung von Stand-up-Boards im vergangenen Jahr gestiegen. In beiden Fällen weise man die Urlauber aber auf die Bodensee-Regeln hin, so Proschinger. «Man muss auch immer mit Schwimmwesten rausfahren.»

Unerwartete Wetterumschwünge

Viele Wassersportler unterschätzten aber, wie schnell sich das Wetter ändern könne, betont Klaus Achtelstetter. Schafft es ein Stand-up-Paddler nicht mehr ans Land, wird am Bodensee schnell ein internationaler Seenot-Alarm ausgelöst. Dann sind meist Wasserwacht, Feuerwehr und Polizei aus Österreich, der Schweiz, Bayern und Baden-Württemberg im Einsatz. «Wir wissen ja oft nicht, in welchem Bereich des Sees die vermisste Person sein könnte», sagt Achtelstetter.

Ein grosser Aufwand, der sich in der Vergangenheit auch schon als falscher Alarm herausstellte. «Wir hatten zum Beispiel einen Stand-up-Paddler, der nicht mehr gegen den Nordost-Wind angekommen ist und dann am Rheindamm an der österreichisch-schweizerischen Grenze rausgekommen ist», erzählt Achtelstetter. «Ein Passant hat seine Sachen in Lindau gefunden und dann ging die grosse Suchaktion los, obwohl der Mann da schon wieder an Land war.»

Stand-up-Paddler, Kajak- und Kanufahrer müssen deshalb seit einigen Jahren ihre Sportgeräte am Bodensee wasserfest mit Namen und Anschrift versehen. Auch eine Kontaktnummer sei hilfreich, sagt Achtelstetter. «Dann haben wir schon mal eine Bezugsperson, falls das Brett irgendwo gefunden wird.» Wer gegen die Kennzeichnungspflicht verstösst, muss mit einer Anzeige und einem Bussgeld rechnen.

Naturschutzgebiete und Vorfahrtsregeln

Doch auch mit den anderen Regeln auf dem Bodensee sollten sich Wassersportler beschäftigen, betont Wasserschutzpolizist Rupflin. Naturschutzgebiete, Seebäder, Anleger und Hafen-Einfahrten sind zum Beispiel tabu. Ausserdem gelten auch auf dem Wasser Vorfahrtsregeln: Polizeiboote und Seenschifffahrt haben immer Vorrang, sonst gilt als Faustregel «Windkraft vor Muskelkraft vor Motorkraft». Ausweichen sollte man dabei immer nach Steuerbord, also rechts.

Motorboote ohne Führerscheinpflicht gefragt

Daran erinnern Achtelstetter und Rupflin in der Lindauer Hafeneinfahrt auch einen Motorbootfahrer, der die «Hecht» vor dem Bug kreuzt. Da der Mann Zulassung und Bodensee-Schifferpatent nicht dabei hat, gibt es eine Verwarnung samt Bussgeld.

Bei Motoren mit weniger als sechs PS sei zwar kein Bootsführerschein nötig, wohl aber eine Zulassung, sagt Achtelstetter. «Urlauber vergessen das oft und sagen dann, am Gardasee darf ich doch auch so fahren. Aber ich muss mich eben erkundigen, was ich auf welchem Gewässer darf.» Fehlen für den Bodensee nötige Genehmigungen und Ausrüstung, drohen Bootsführern Bussgelder von mehreren Hundert Euro.

Gerade kleine Motorboote ohne Führerscheinpflicht waren aber laut dem Geschäftsführer des Deutschen Boots- und Schiffbau-Verbands, Claus-Ehlert Meyer, im Corona-Jahr 2020 sehr gefragt. Das Landratsamt Bodenseekreis rechnet zudem damit, dass dort 2021 mehr neue Schifferpatente für den Bodensee ausgestellt werden als in den Vorjahren. 2019 lag die Zahl der Theorieprüfungen demnach bei 4337, im Jahr 2020 wegen Corona-Beschränkungen bei nur etwas mehr als 3000. Die Polizei stellt sich im Sommer deshalb auf weitere Neulinge ein und rät, vor der ersten Fahrt einen Trainingskurs zu buchen.

Die Stand-up-Paddlerin nahe der Reutiner Bucht erweist sich als erfahrene Wassersportlerin. Name und Anschrift sind mit einer Metallmarke am Board befestigt, den Höchstabstand zum Ufer ohne Schwimmweste von 300 Metern hält die Frau ein. «Dann wünschen wir ihnen noch gute Weiterfahrt», sagt Thomas Rupflin und lässt die Paddlerin in Richtung Österreich ziehen.

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