Nach Jahrzehnten der Ein-Kind-Politik altert China rapide. Unerwartet wenige Babys werden geboren. Wohnraum, Ausbildung, Arztbesuche sind jungen Leuten zu teuer. Wie stark wirkt sich dann noch Corona aus?
Die Geburtenrate in China ist auf den niedrigsten Stand seit mehr als vier Jahrzehnten gefallen. Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa
Die Geburtenrate in China ist auf den niedrigsten Stand seit mehr als vier Jahrzehnten gefallen. Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Geburtenrate in China ist auf den niedrigsten Stand seit dem Ende der 1970er Jahre gefallen.

Den Rückgang der Geburten um 18 Prozent auf zwölf Millionen im vergangenen Jahr erklärte das Statistikamt am Dienstag in Peking auch vage mit der Corona-Pandemie.

Doch sehen Experten die hohen Kosten für Wohnraum, Bildung und Gesundheit in China und die schwindende Bereitschaft zur Heirat als eigentliche Gründe für die beunruhigende Entwicklung.

Die Geburtenrate im bevölkerungsreichsten Land rutschte mit 8,52 Neugeborenen auf 1000 Menschen erstmals wieder in den einstelligen Bereich - so niedrig wie seit 1978 nicht mehr, wie die Statistiker in ihrem neuen Jahrbuch berichteten. Wegen der rückläufigen Geburtenrate und der stabil bleibenden Zahl der Todesfälle bewegt sich das Milliardenvolk damit auf ein Nullwachstum zu.

Späte Folgen der Ein-Kind-Politik

«Wenn der Trend andauert, werden wir in ein paar Jahren einen Bevölkerungsrückgang haben», sagte Professorin Song Jian von der Volksuniversität in Peking der Zeitung «Sixth Tone». «Während die junge Bevölkerung noch schneller schrumpfen dürfte, wird sich das Problem der Überalterung verschärfen, was der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung schaden wird.»

Das Statistikamt gab das Bevölkerungswachstum für die zehn Jahre bis 2020 mit 0,53 Prozent an - nach noch 0,57 Prozent in den Jahren von 2000 bis 2010. Die Fruchtbarkeitsrate der Frauen im gebärfähigen Alter sei auf 1,3 gefallen. Das ist deutlich niedriger als die 2,1, die Experten für eine stabile Bevölkerungszahl für notwendig halten.

Das Ende der seit 1979 geltenden umstrittenen Ein-Kind-Politik vor sechs Jahren hat nur kurz zu einem leichten Aufschwung geführt, bis die Zahl der Geburten 2018 wieder unter den Stand von 2015 fiel. So gibt es heute 36 Prozent weniger Geburten als 2016 mit 18,83 Millionen, wie aus neueren Angaben in dem Jahrbuch hervorgeht.

Die Heiratsbereitschaft sinkt

Als Reaktion auf den Geburtenrückgang und die rapide Überalterung wurden im Mai dieses Jahres auch drei Kinder erlaubt. Ausserdem bemüht sich die Regierung, es jungen Paaren leichter zu machen, Kinder zu haben. Die Kosten für Bildung wurden gesenkt. Finanzhilfen wurden gewährt und Mutterschafts- oder Elternurlaub erleichtert.

Doch sinkt schon die Heiratsbereitschaft. Die Zahl der Eheschliessungen sank 2020 das siebte Jahr in Folge, wie aus dem Jahrbuch hervorgeht. Nur 8,1 Millionen Paare haben 2020 geheiratet - ein Rückgang von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

In einer jüngsten Umfrage der Jugendliga gab knapp die Hälfte der Frauen an, nicht heiraten zu wollen oder unsicher zu sein, ob sie den Bund der Ehe schliessen werden. Bei den Männern war es jeder Vierte. Es wurden 2905 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 26 in Städten befragt. Mehr als die Hälfte meinte, dass Geburten und das Aufziehen von Kindern zu teuer seien. Auch verweisen Frauen häufig darauf, dass sich eine Mutterschaft negativ auf ihre berufliche Karriere auswirkt.

Somit müssen zunehmend weniger Werktätige in der zweitgrössten Volkswirtschaft immer mehr alte Leute versorgen. Wie die Volkszählung im Mai zeigte, schreitet die Überalterung der 1,4 Milliarden zählenden Bevölkerung unaufhaltsam voran: Die Zahl der Chinesen über 60 Jahre ist seit 2010 um 5,44 Prozent auf 264 Millionen gestiegen. Knapp jeder fünfte Chinese (18,7 Prozent) ist heute schon älter als 60 Jahre. Zugleich geht die Bevölkerungsgruppe im arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 59 Jahre weiter zurück.

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