Bisher schien Haiti die Corona-Krise realtiv gut zu überstehen. Nun überfordert aber eine Corona-Welle das Gesundheitssystem und ein Bandenkrieg spitzt sich zu.
Bisher schien Haiti die Corona-Krise realtiv gut zu überstehen. Foto: Joseph Odelyn/AP/dpa
Bisher schien Haiti die Corona-Krise realtiv gut zu überstehen. Foto: Joseph Odelyn/AP/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Inmitten einer schweren Corona-Welle ist in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince die Bandengewalt eskaliert und hat Tausende Menschen in die Flucht getrieben.

Es habe insbesondere seit dem 1. Juni zahlreiche Tote und Verletzte gegeben, teilte die UN-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha) mit. Der Bürgermeister des Vorortes Carrefour, Jude Édouard Pierre, warnte am Mittwoch im Sender Radio Métropole, dass seine Gemeinde die vielen dorthin geflüchteten Menschen nicht mehr ernähren könne.

Hunderte Wohnhäuser und kleine Geschäfte seien in Brand geraten, hiess es von Ocha. Hintergrund sind demnach Kämpfe zwischen Banden um Kontrolle über Stadtgebiete. Die Polizei sei nicht in der Lage, für Sicherheit und Schutz zu sorgen. Es ist in dem Karibikstaat ein offenes Geheimnis, dass Politiker sich mit gewalttätigen Gangs verbünden, die Teile des Landes kontrollieren.

Nach ersten Schätzungen gibt es nach den UN-Angaben 5600 Vertriebene. Viele Menschen, darunter Kinder, seien in weniger gefährliche Stadtteile geflüchtet und schliefen nun im Freien auf der Erde oder hätten in behelfsmässigen Unterkünften - etwa in Kirchen und in einer Sporthalle - Zuflucht gesucht. Sie bräuchten dringend humanitäre Hilfe, darunter Essen und Trinkwasser. In den betroffenen Gegenden selbst behinderten Gewalt und Strassenblockaden den Menschen- und Warenverkehr - und auch Hilfslieferungen.

Haiti gilt als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre. Vor kurzem warnte das UN-Kinderhilfswerk Unicef, dass dort ohne dringende Hilfe in diesem Jahr voraussichtlich 86 000 Kinder im Alter von weniger als fünf Jahren an schwerer akuter Unterernährung leiden würden.

Auch stiegen zuletzt die Corona-Fälle. Das ohnehin überstrapazierte Gesundheitssystem stösst damit schnell an seine Grenzen. In der Klinik der St.-Luke-Stiftung in Port-au-Prince, dessen Grossraum Schätzungen zufolge mehr als 2,5 Millionen Einwohner hat, gibt es 115 Betten für Patienten mit Covid-19 - und damit einen Grossteil der Gesamtzahl in der Stadt. Vergangene Woche teilte die Stiftung mit, das Krankenhaus sei voll. «Viele Menschen sterben bei der Ankunft in Krankenwagen».

Wegen gestiegener Sauerstoffpreise müsse zudem möglicherweise die Kapazität der Klinik reduziert werden, hiess es. Und: «Wir haben viele Nonnen als Patienten bekommen. Ein sicheres Zeichen, dass Covid in den ärmsten Gegenden ist.»

Die offiziellen Corona-Zahlen waren in Haiti bisher vergleichsweise gering - obwohl viele Menschen dort dicht gedrängt und unter schlechten hygienischen Bedingungen leben. Bisher sind es rund 16 000 Infektionen und 342 Todesfälle. Die Pro-Kopf-Sterberate wäre eine der niedrigsten der Welt. Es wird allerdings äusserst wenig getestet.

Viele nahmen die Pandemie daher aber lange nicht ernst. Die Regierung lehnte im April sogar eine Lieferung des Astrazeneca-Impfstoffs mit der Begründung ab, die Bevölkerung würde diesen wegen der in Europa festgestellten Thrombosefälle vielleicht nicht annehmen. Haiti gehört zu den wenigen Ländern, die bisher überhaupt keine Vakzine haben. Nun wurde ein für den 27. Juni geplantes Verfassungsreferendum wegen der Corona-Lage auf unbestimmte Zeit verschoben. Das könnte eine bestehende Regierungskrise verschlimmern und zu mehr Gewalt führen.

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