«Free Maduro»: Darum jubeln Palästina-Linke Venezuela-Diktator zu
Pro-palästinensische Aktivisten demonstrieren jetzt auch für Venezuelas Machthaber Maduro – trotz Menschenrechtsverletzungen. Wie passt das zusammen?
00:00 / 00:00
Das Wichtigste in Kürze
- Nach dem US-Angriff auf Venezuela kam es weltweit zu Protesten.
- Während einige den Völkerrechts-Bruch beklagen, stellen sich andere auf Maduros Seite.
- Auffällig: Einige der Protestierenden demonstrieren zuvor für «Free Palestine».
- Bei Nau.ch klären Experten über die Widersprüche auf.
Der Gaza-Krieg elektrisierte die linke Szene weltweit. In zahlreichen Ländern gingen Menschen auf die Strasse, besetzten Hochschulen – auch in der Schweiz.
Im vergangenen Herbst unternahmen über hundert Aktivistinnen und Aktivisten sogar den Versuch, die Blockade des Gazastreifens mit Booten zu durchbrechen.
Ihr Protest richtete sich vor allem gegen Israel und die im Gaza-Krieg begangenen Kriegsverbrechen. Im Zentrum der Kritik stand der Vorwurf des Völkermords an der palästinensischen Zivilbevölkerung.
Palästina-Flaggen mischen sich unter Venezuela-Protestierende
Doch seit Mitte Oktober herrscht eine brüchige Waffenruhe zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation. Zunächst gab es noch eine wüste Demo in Bern, doch seither verlieren die «Free Palestine»-Proteste allmählich an Dynamik.
Doch die Weltpolitik liefert neuen Zündstoff: Am vergangenen Wochenende griffen die USA Venezuela an und nahmen dabei den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro fest.
Daraufhin entfachten Proteste gegen die völkerrechtswidrige Intervention der USA unter der Trump-Regierung. Vereinzelt stellten sich einige Demonstrierende aber auch hinter Maduro und skandierten Parolen wie «Free Maduro».
Auffällig: Unter den venezolanischen Flaggen tauchten auch Palästina-Flaggen auf, viele trugen zudem die bekannte Palästinensertuch-Kufiya, wie die «New York Times» berichtete.

Pro-Palästina-Aktivisten demonstrieren jetzt für Maduro
Die rechtsgerichtete britische Tageszeitung «Daily Mail» kommentierte trocken: «Woke Demonstranten wechseln nahtlos von Forderungen nach ‹Free Palestine› zu ‹Free Maduro› nach Trumps gewagtem Angriff auf Venezuela.»
Auch in der Schweiz riefen pro-palästinensische Organisationen vereinzelt zu Protesten auf. Dabei wurde auf einigen Venezuela-Demonstrationen die palästinensische Flagge gehisst.

Warum sympathisiert das pro-palästinensische linke Milieu plötzlich mit Venezuela und dessen entführtem Präsidenten?
Felix Anderl, Professor für Konfliktforschung an der Universität Marburg, bewertet dies vorsichtig: «Es gibt ja auch viele Menschen, die Kufiya jeden Tag tragen, also auch auf Demos», sagt er zu Nau.ch.
Die Beobachtung, dass pro-palästinensische Aktivistinnen und Aktivisten jetzt wegen Venezuela demonstrieren, hält er für «sehr spekulativ».
Anderl ergänzt aber: «Allerdings wissen wir aus bisherigen Demo-Forschungen, dass es durchaus Überschneidungen zwischen Demonstrationen gibt. Ist ja auch logisch, da sich nur ein Teil der Gesamtbevölkerung die Zeit nimmt, sich öffentlich für Gerechtigkeit und insbesondere für internationale Belange einzusetzen.»
In beiden Fällen «Bruch des Völkerrechts»
Seine Studie zu Gaza-Demonstrationen zeigt, dass viele Menschen überhaupt zum ersten Mal auf die Strasse gegangen sind. «Es kann also gut sein, dass Menschen zu Demos bezüglich beider Themen gegangen sind, um gegen den Bruch des Völkerrechts zu demonstrieren.»
Zudem gebe es Gemeinsamkeiten: «Sowohl die USA als auch Israel setzen das ‹Recht des Stärkeren› gewaltsam durch», erklärt Anderl. «Das gibt durchaus Anlass zur transnationalen Mobilisierung.»
Gleichzeitig betont er die Unterschiede: «Bei Gaza handelt es sich um einen Krieg mit vermutlich genozidaler Tragweite, bei Venezuela um die Entführung zweier Personen.»
Entsprechend werde die Protestbewegung gegen die Entführung Maduros vermutlich nicht dieselbe Strahlkraft oder Grössenordnung erreichen.
Warum aber schlagen sich einige Protestierende auf die Seite Maduros?
Soziologe Marko Kovic erklärt auf Anfrage von Nau.ch: «Maduro geniesst in weit linken Kreisen Sympathien wegen ideologischer Nähe. Jetzt, wo er durch die USA illegal gestürzt wurde, wird Maduro als Opfer des westlichen Imperialismus verstanden.»

Zudem profitiere Maduro von seiner pro-palästinensischen Haltung: «Maduros Haltung zu Palästina verhilft ihm sicher, in den Augen einiger Menschen, die auch Pro-Palästina sind, einer der ‹Guten› zu sein.»
Venezuela-Diktator werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen
Tatsächlich tritt Maduro immer wieder palästinafreundlich auf und trägt bei öffentlichen Auftritten auch Kufiya. Die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado gilt dahingegen als Israel-freundlich.
Sympathien für Maduro wirken angesichts der Vorwürfe gegen ihn befremdlich: Systematische Repression, Folter und aussergerichtliche Tötungen politischer Gegner werden als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft.
Vor dem Internationalen Strafgerichtshof läuft ein Verfahren wegen mutmasslicher Gewalt gegen Demonstrierende und Oppositionelle. In den USA bestehen Anklagen wegen «Narco-Terrorismus» und Kokainhandels.
Zudem gibt es den Vorwurf massiver Wahlunregelmässigkeiten bei der letzten Wahl 2024. Viele westliche Staaten erkannten Maduro nicht als rechtmässigen Präsidenten an.
Kovic erklärt das paradoxe Bild: «Menschen neigen dazu, die Dinge so zu sehen, wie sie sie sehen wollen. Man denkt in schwarz oder weiss und blendet unbequeme Grautöne aus.»
Wichtig ist aber: Nicht alle Protestierenden stellen sich hinter Maduro.
Für Europa ist Grönland-Sorge grösser als Venezuela-Frage
Kovic betont: «Grundsätzlich ist man nicht pro Maduro, wenn man den illegalen Angriff und Umsturz der USA kritisiert.»
Für Europa sieht er die Venezuela-Proteste derzeit noch nicht als besonders bedeutend: «Vor allem, weil die humanitäre Lage noch einigermassen unter Kontrolle ist. Es gab bisher keine grosse Invasion.»
Hinzu komme, dass die Aufmerksamkeit aktuell gespalten sei: «In Europa macht man sich mehr Sorgen wegen Grönland als wegen Venezuela.»



















