Curvy-Model Stella: «Eine Woche Göttin, die andere bloss Kartoffel!»
«Unser Wohlbefinden kann nicht jeden Tag gleich sein», sagt Curvy-Model Stella. Das sollten wir akzeptieren und hätte einen positiven Effekt.

Das Wichtigste in Kürze
- Stella Kizildag (30) ist ein Curvy-Model. Sie schreibt Kolumnen über «Body Positivity».
- Heute schreibt die Zürcherin über den Zyklus - und die Auswirkungen.
Vor einigen Wochen telefonierte ich mit meiner Modelagentur. Es ging um einen einen potenziellen Job. Während wir miteinander sprachen, merkte ich plötzlich, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Und ehe ich überhaupt verstand, was gerade mit mir passierte, kündigte ich bei meiner Modelagentur.
Hormone haben Frühlingsgefühle
Das ist für mich ungewöhnlich. Ich bin nicht die Person, die vor anderen Menschen einfach los weint – oder unüberlegt spontan Entscheidungen trifft. Schon gar nicht in beruflichen Gesprächen.
Trotzdem wurde mir klar, dass ich bereits wochenlang über ein Ende nachgedacht habe. Aber mich nur nie richtig getraut habe, den Schritt zu machen. Warum also jetzt? Warum fand ich ausgerechnet jetzt den Mut dazu?

Stromsparmodus aktiviert
Eine Woche später sass ich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei meinem Freund, der mir meine langen Haare abschneidet. Als ich anschliessend nach Hause lief, fühlte ich mich unglaublich wohl in meiner Haut.
Ich betrachtete mein Spiegelbild. Und dachte nicht darüber nach, ob mein Bauch zu rund, meine Oberschenkel zu kräftig oder mein Gesicht zu weich war. Stattdessen fühlte ich mich einfach endlich wie ich selbst.
«Body Positivity» trifft PMS
Wieder einige Tage später hatte ich das Gefühl, als hätte jemand meinen Akku über Nacht entfernt. Ich musste mich ins «Gym» schleppen, obwohl ich mich immer auf Bewegung freue. Ich fühlte mich gar nicht mehr in meiner Haut.
Bei der Arbeit kam ich nicht wirklich vorwärts. Ich war sehr reizbar gegenüber meinen Mitmenschen und sagte Pläne ab, weil ich mich in keinem Outfit wohlfühlte.
Auf dem Heimweg stellte ich mir eine Frage, über die wir meiner Meinung nach viel zu selten sprechen: «Wieso fühle ich mich, als wäre ich vier verschiedene Frauen?»

«Unterschiedliche Phasen meines Zyklus»
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir klar, dass diese Momente nicht zufällig passiert waren. Sie fielen exakt in unterschiedliche Phasen meines Zyklus.
Als ich eine grosse Entscheidung traf, befand ich mich in der «Follikelphase». Durch den gestiegenen Östrogenspiegel fühlt man sich klarer, mutiger und aufgeschlossener.
Bei meiner Typveränderung war der Eisprung nicht weit. Ich empfand mich attraktiver und viel selbstsicherer. Und meine Trägheit sowie Selbstzweifel entstanden vor der Menstruation: Die «Lutealphase» kündigte sich mit Müdigkeit, Wassereinlagerungen und mehr Sensibilität an.
Die Hauptrolle gehört dir alleine
Was mich dabei am meisten beschäftigt hat, war jedoch nicht der Zyklus selbst, sondern die Erkenntnis, wie streng wir Frauen oft mit uns umgehen. Wir bewerten uns täglich neu. Dabei ist sie oft nur eine Momentaufnahme!
Wir reden ständig darüber, wie Frauen aussehen. Aber kaum darüber, wie Frauen funktionieren!
Vielleicht würde sich unser Verhältnis zum eigenen Körper verändern, wenn wir endlich akzeptieren, dass unser Wohlbefinden nicht jeden Tag gleich sein kann.
Die grösste Lüge über Selbstliebe
«Body Positivity» bedeutet nicht, sich jeden Tag lieben zu müssen. Das ist eine ziemlich unrealistische Erwartung.
Viel wichtiger erscheint mir die Fähigkeit, meinen Körper auch an den Tagen zu respektieren, an denen ich ihn gerade nicht besonders feiere. Aber auch die schlechten Tage gehen vorbei. Und die guten Zeiten sind dann schon in Sichtweite!









