«Schönes Gesicht»: Scheinheilige Komplimente, nein danke!
«Es gibt Komplimente, die mehr Schaden anrichten, als viele wahrhaben wollen», schreibt Plus-Size-Model Stella in ihrer Kolumne.
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Das Wichtigste in Kürze
- Stella Kizildag (30) ist ein Curvy-Model. Sie schreibt Kolumnen über Body Positivity.
- Heute schreibt Stella über ungefragte Kommentare über den Körper.
- Sie zeigt auf, wie solche Bemerkungen die mentale Gesundheit negativ beeinflussen können.
«Du hast ein schönes Gesicht. Aber wenn du abnehmen würdest, wärst du noch viel schöner!». Ungefragt und so nebenbei höre ich diesen Satz, seitdem ich ein Teenager bin. Und zwar auch von fremden Menschen.
«Soll das jetzt ein Kompliment sein, oder wie?!», denke ich mir.

Notenverteilung wie in der Schule
Warum denken die Leute, dass sie einfach so meinen Körper kommentieren dürfen? Und weshalb fühlt es sich offenbar für sie normal an, meinen Wert vom Gewicht abhängig zu machen? Als wäre mein Äusseres das Einzige, was zählt. Und mein Körper wird zum Fehler mit Verbesserungspotenzial.
Solche Kommentare kommen oft scheinbar harmlos daher. Aber in Wahrheit macht man damit meinen Körper zu einem öffentlichen Thema.
Und plötzlich fühlt sich jeder berechtigt, mir ungefragt eine Note zu verteilen.
Was dabei komplett ausgeblendet wird, sind mein Wohlbefinden, meine mentale Gesundheit – und mein Leben!

Abnehmen gilt stets als grosser Erfolg
Umgekehrt sehe ich das aber auch bei meinen schlanken Freundinnen. Dann, wenn jemand begeistert ruft: «Wow, du hast ja mega abgenommen! Gratulation!» Dabei kämpft sie darum, an Gewicht zuzunehmen. Und sie wünscht sich mehr Kurven, damit sie sich weiblicher fühlt.
Hinzu kommt, dass meine Freundin monatelang Stress und schlaflose Nächte hatte. Sie hat also «ungewollt» abgenommen. Und fühlt sich gerade gar nicht gut. Und trotzdem gibt's Applaus.
Denn: Abnehmen gilt grundsätzlich immer als Erfolg. Egal, aus welchen Gründen.

«Mikroaggressionen tun makro weh»
Diese mikroaggressiven Bemerkungen wirken einzeln zwar klein und gehen scheinbar unbemerkt an einem vorbei. Aber: Im Unterbewusstsein sammeln sich diese heuchlerischen Komplimente an. Sie sind zermürbend.
Wer solche Bemerkungen ausspricht, erzeugt ein Klima von permanenter Anspannung. Sie machen unsicher und müde. Was viele nicht wissen: Später kann das sogar zu depressiven Phasen und sozialer Isolation führen.
Wer solche Sprüche verharmlost, normalisiert eine Art von Diskriminierung. Und nein, das ist kein «Sensibelchen-Problem», sondern schlicht ein Mangel an Empathie.
«Pretty Privilege» kommt wieder zum Zug
Weshalb fallen uns solche Sätze so leicht? Ganz einfach: Weil wir es so gelernt haben!
Aus Werbungen, in Filmen und auf Social Media. Denn: Schlank sein gilt immer noch als Erfolg, Disziplin und Glück.
Kurz zusammengefasst: «Pretty Privilege» ist schuld.

Die gute Nachricht: Umdenken!
Aber keine Sorge, es ist nie zu spät, Neues zu lernen. Die wichtigste Regel ist nämlich simpel: Der Körper anderer Menschen gehört nicht dir!
Du musst fremde Körper also nicht bewerten, ungefragt kommentieren und auch nicht verbessern wollen.
Respekt beginnt nämlich oft damit, sich zuerst in die andere Person einzufühlen. Und dann erst die richtigen Fragen zu stellen.

So gehen Komplimente, die wirklich zählen
Meistens sind diese Komplimente lieb gemeint – und ich will niemanden verurteilen. Wenn ihr aber richtiges Interesse gegenüber Mitmenschen zeigen wollt, dann probiert es doch mit Sätzen wie «Du hast eine unglaubliche Ausstrahlung, wenn du lachst», «Ich finde deine Energie heute richtig stark» oder «Was tut dir gerade gut?».
Dann gäbe es auch noch «Ich bewundere, wie klar du deine Grenzen setzt» oder «Du wirkst gerade sehr bei dir. Wie geht es dir wirklich?».
Solche Bemerkungen und Sätze gehen viel tiefer – und bleiben definitiv länger haften.
Es zeigt echtes Interesse und ist viel wirkungsvoller, als einen offensichtlichen Fakt gedankenlos laut auszusprechen.
So hast du auch die Möglichkeit, dein Gegenüber tiefer kennenzulernen. Und sogar behilflich zu sein. Genau das brauchen wir!









