Wo bleiben die Schlagzeilen über dicke Männerbäuche?

Stella Kizildag
Stella Kizildag

Zürich,

Verspüren Männer den gleichen Druck wie Frauen, was den perfekten Körper angeht? Ist «Body Positivity» überhaupt ein Thema? Eine Kolumne von Curvy-Model Stella.

Stella
Plus-Size-Model und Nau.ch-Kolumnistin Stella. - Stella

Das Wichtigste in Kürze

  • Stella Kizildag (30) ist ein Curvy-Model. Sie schreibt Kolumnen über «Body Positivity».
  • Heute schreibt Stella über Schönheitsdruck in der Männerwelt.

Ich sitze am Flughafen Zürich. Ich bin auf dem Weg zu einem Bademodeshooting nach Wien. Vor jedem Flug habe ich ein Ritual: Ich kaufe mir mein Lieblingsfrauenmagazin, um mir die Zeit über den Wolken zu vertreiben.

Doch diesmal bleibt mein Blick beim Kiosk etwas länger hängen. Ich frage mich: Was lesen Männer eigentlich?

Ich greife spontan zu einem Männermagazin. Ich will ja schliesslich wissen, wie Männer ticken und «funktionieren». Wie sie über ihren Körper denken. Und ob sie denselben Druck verspüren wie wir Frauen. Spoiler: Ich war sehr überrascht!

Stella
Curvy-Model Stella. - zvg/klimkin.visuals

Mein erster Eindruck vom Cover des Magazins ist erschreckend vertraut. Ich lese Headlines wie «Endlich schlank!», «Longevity – wie Sie länger leben» oder «Die 30 wichtigsten Fitnessübungen». Das klingt doch etwa so wie bei den Frauenmagazinen.

Wo sind die Schlagzeilen über Männerbäuche?

Ich blättere weiter und erwartete die männliche Version von toxischem Fitnesswahn. Und ja, es gibt Artikel über Ernährung, Vorher-Nachher-Bilder, von Abnehm-Erfahrungen, Sport – und sogar über Hautpflege wird geschrieben! Nur etwas fühlt sich für mich komplett anders an: Die Tonalität!

Es ist nicht dieses aggressive «Verändere dich, damit du endlich liebenswert bist», sondern eher: «Sei lieb zu dir, kümmere dich um dich selbst.» Ein Artikel etwa über dicke Männerbäuche? Fehlanzeige.

stella kolumne
Bierbäuche sind selten ein Thema. - depositphotos

Alle Artikel sind sachlich, ruhig und wissenschaftlich fundiert geschrieben. LED-Masken werden bei Bart-Rasur-Problemen empfohlen und es gibt viele Kochrezepte. Aber nicht für eine «Low-Carb-Diät», sondern für «Diese zehn Pasta-Gerichte musst Du beherrschen».

Plötzlich stellt sich bei mir eine Frage, die mich nicht mehr loslässt: Werden Männer auch so hart bewertet wie wir Frauen?

Klar gibt es auch Schönheitsideale bei Männern. Etwa breite Kieferknochen, ein knackiges Sixpack und Körpergrössen von 1,90 Metern.

Was denkst du? Leiden Männer wirklich weniger unter Schönheitsdruck?

Nur: Viele Frauen schwärmen doch gar nicht primär für Muskelberge. Sie schmelzen emotional häufig bei Männern mit Verletzlichkeit, Charisma und Tiefe wie Harry Styles. Und auch ein Bäuchlein, graue Haare und Falten im Gesicht stören die meisten Frauen überhaupt nicht bei Männern.

Ich lese jedenfalls selten Schlagzeilen wie: «ER hat Muskeln verloren!» oder «Keine Definition mehr vorhanden!». Bei Frauen? Das passiert gefühlt täglich.

Was Frauen von Männer-Magazinen lernen können

Dieses Magazin will Männer nicht kleinmachen. Es vermittelte das Gefühl von «Du kannst wachsen.» Das ist ein grosser Unterschied.

Viele Frauenmagazine und auch die Medien funktionieren leider immer noch nach dem Prinzip: Zuerst Problem erzeugen, dann Unsicherheit verstärken, damit man das Produkt verkaufen kann.

Bei den Männern habe ich das Gefühl, dass Gesundheit wichtiger ist als Perfektion. Und zwar mental und körperlich. Möglicherweise ist genau das der Punkt, wo Frauenmedien dringend aufholen müssen?

Männer kämpfen auch, nur anders

Ich glaube mittlerweile, dass Frauen und Männer den Schönheitsdruck unterschiedlich erleben. Deshalb kann man nicht einfach alles eins zu eins vergleichen.

Frauen werden gesellschaftlich immer noch viel stärker über ihr Äusseres bewertet. Das spüren wir überall: In den Medien, der Werbung, auf Social Media – und im echten Leben.

Männer kämpfen eben auch, nur anders. Nämlich mit den Erwartungen, wie ein Mann zu sein hat.

Ich las Artikel über eine Liebesgeschichte, wie Männer veraltete Rollenbilder als Alleinverdiener überwinden können. Und ich las die Gedanken des italienischen Moderators Riccardo Simonetti, wie er Männlichkeit definiert. Nicht über Muskeln. Männer sollen laut Simonetti mehr Emotionen und Gefühle zeigen dürfen, ohne als «weich» bezeichnet zu werden.

Riccardo Simonetti vater
Riccardo Simonetti. - keystone

Zwischen Gate A52 und überteuertem Cappuccino

Dieses Magazin hat mir viele Fragen beantwortet, die ich über Männer hatte. Und irgendwie habe ich mich danach sogar wieder ein kleines Stück mehr in die Männerwelt verliebt. Weil dort plötzlich Platz war für Emotionen, Unsicherheiten und neue Rollenbilder.

Braucht es also «Body Positivity» bei Männern? Vielleicht ja, aber nicht als Kampf gegen jede Bauchfalte, sondern als Erlaubnis, einfach Mensch sein zu dürfen.

Und vielleicht würden auch Frauen weniger unter unrealistischen Idealen leiden, wenn die Medien endlich anfangen würden, Gesundheit, Persönlichkeit und mentale Stärke wichtiger zu machen als perfekte Körper.

Ich bin gespannt auf Eure Kommentare!

Stella
Stella ist Plus-Size-Model und «Body-Positivity»-Kolumnistin. - zvg/klimkin.visuals

Zur Person

Stella Kizildag (30) ist Plus-Size-Model und «Body-Positivity»-Kolumnistin aus der Schweiz. Auf Instagram als @stellakizildag teilt sie ihren Alltag zwischen Fashion, Selbstakzeptanz und klaren Grenzen – immer mit Witz, Haltung und einer guten Portion Mut.

Kommentare

User #2269 (nicht angemeldet)

Man muss,doch sehen ... was intressiert und,was nicht??? Frauen wollen doch Aufmerksamkeit, Maenner halt eben nicht!! Was sollen solche Diskussionen???¿

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