Arbeit: Arbeit: Chef weg, Napf leer?
Angestellt sein heisst auch: Anspruch auf Ferien. Doch was macht das mit unserem Haustier? Und was denkt es, wenn wir plötzlich verschwinden?

Das Wichtigste in Kürze
- Hunde und Katzen zeigen unterschiedliches Verhalten, wenn wir weg sind.
- Haben Tiere ein Zeitgefühl? Wir wissen es nicht genau.
- Umfragen bestätigen es: Auch wir Tierhalterinnen und Tierhalter leiden.
Der Koffer ist gepackt. Der Reisepass liegt bereit. In wenigen Stunden startet Melanie (42), Ingenieurin aus der Nordwestschweiz, in die Sommerferien. Die Vorfreude ist gross. Wäre da nicht dieser Moment vor dem Abschliessen der Haustür.
Noch einmal streichelt sie ihr Kätzchen über den Kopf. Die Bälle und Lieblingsspielzeuge liegen in der Wohnung, die Brekkis sind bereit, und die Nachbarin, die die Katze seit Jahren kennt, übernimmt die Fütterung. «Jedes Mal frage ich mich, ob sie denkt, ich hätte sie verlassen», sagt Melanie. «Natürlich weiss ich, dass sie gut aufgehoben ist. Aber ganz ohne schlechtes Gewissen fahre ich nie los.»
Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. Millionen Haustierhalter kennen die Frage: Vermissen Hunde, Katzen oder Meerschweinchen ihre Menschen? Und was passiert eigentlich in den Tagen, in denen Frauchen und Herrchen nicht da sind?
Die Wissenschaft hat darauf inzwischen erstaunlich differenzierte Antworten.
Hunde vermissen uns
Bei Hunden ist die Forschung heute weit fortgeschritten. Sie bauen zu ihren Bezugspersonen eine enge emotionale Bindung auf. Verhaltensforscher sprechen von einer «sicheren Basis»: Der Mensch vermittelt Sicherheit und Orientierung, ähnlich wie Eltern für kleine Kinder.
Fehlt diese Bezugsperson plötzlich, reagieren viele Hunde zunächst mit Unsicherheit. Manche suchen die Wohnung ab, andere warten an der Tür oder zeigen Unruhe. Bei einigen lässt sich sogar ein erhöhter Cortisolspiegel, also ein Anstieg des Stresshormons, messen.
Die gute Nachricht: Die meisten Hunde gewöhnen sich nach kurzer Zeit an eine zuverlässige Betreuung. Besonders gut gelingt das, wenn sie die Betreuungsperson bereits kennen und ihre gewohnten Abläufe möglichst beibehalten werden.
Ein getragenes T-Shirt, die vertraute Decke oder das Lieblingsspielzeug können dabei helfen. Hunde orientieren sich stark über ihren Geruchssinn. Vertraute Düfte vermitteln Sicherheit.
Katzen reagieren oft leiser
Katzen zeigen ihre Gefühle meist weniger offensichtlich.
Lange glaubte man, Katzen seien vor allem an ihr Zuhause gebunden und weniger an ihre Menschen. Heute weiss man, dass viele Katzen ebenfalls enge Bindungen entwickeln.

Nur zeigen sie Stress anders. Statt laut zu protestieren, ziehen sich viele Katzen zurück, fressen weniger oder verändern ihr Putzverhalten. Gerade ein Wechsel in eine ungewohnte Umgebung kann sie stärker belasten als die Abwesenheit ihrer Besitzer und Besitzerinnen.
Deshalb empfehlen viele Tierärzte, Katzen während der Ferien möglichst in ihrer vertrauten Umgebung zu betreuen. Für sie ist das eigene Revier oft der wichtigste Sicherheitsanker.
Und Meerschweinchen?
Meerschweinchen ticken nochmals anders.
Während Hunde den Menschen als wichtigste Bezugsperson erleben können, ist für Meerschweinchen ihre Gruppe das Zentrum ihres Lebens. Sie sind ausgeprägte Herdentiere und fühlen sich nur gemeinsam mit Artgenossen sicher.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ihnen ihre Halter gleichgültig sind. Viele erkennen vertraute Stimmen, unterscheiden Menschen voneinander und verbinden bestimmte Personen mit Futter oder angenehmen Erlebnissen.

Die stärkste Bindung besteht aber zu ihren Artgenossen.
Für Ferien bedeutet das: Meerschweinchen verkraften die Abwesenheit ihrer Besitzer meist gut, solange sie mit ihrem gewohnten Partnertier oder ihrer Gruppe zusammenbleiben. Viel belastender wäre es, alleine zu sein oder gleichzeitig in eine völlig fremde Umgebung umzuziehen.
Deshalb raten Fachleute, Meerschweinchen während der Ferien möglichst zu Hause oder zumindest gemeinsam mit ihren vertrauten Artgenossen betreuen zu lassen.
Denken sie, dass wir nie mehr zurückkommen?
Die wohl spannendste Frage kann die Wissenschaft bis heute nicht eindeutig beantworten.
Wir wissen nicht, ob Hunde oder Katzen ein Verständnis von Ferien oder Zeit haben. Wahrscheinlich denken sie nicht: «Mein Mensch ist jetzt zwei Wochen in Italien.»
Was sie sehr wohl wahrnehmen, ist etwas anderes. Die wichtigste Bezugsperson ist plötzlich verschwunden.
Sie vermissen vertraute Stimmen, Gerüche und gemeinsame Rituale. Gleichzeitig leben Tiere viel stärker im Moment als wir Menschen. Finden sie in der Betreuung Sicherheit, Futter, Beschäftigung und Zuwendung, sinkt ihr Stress meist innerhalb weniger Tage deutlich.
Auch wir leiden
Interessanterweise beschäftigt die Trennung oft nicht nur die Tiere.
Viele Halter berichten, dass sie ihre Ferien erst richtig geniessen können, wenn das erste Foto oder die erste Nachricht der Betreuung eintrifft: «Alles bestens. Sie hat gefressen.»
Melanie kennt dieses Gefühl gut. «Ich glaube, ich schaue in den ersten Tagen öfter aufs Handy als meine Katze zur Haustür», sagt sie und lacht. «Sobald ich weiss, dass es ihr gut geht, kann ich loslassen.»
Vielleicht steckt genau darin die wichtigste Erkenntnis. Haustiere vermissen uns wahrscheinlich tatsächlich, zumindest für eine gewisse Zeit. Doch sie sind erstaunlich anpassungsfähig. Was ihnen hilft, sind Verlässlichkeit, bekannte Abläufe und Menschen, denen sie vertrauen können.
Und wenn wir nach den Ferien die Haustür öffnen und ein Hund vor Freude kaum stillstehen kann, eine Katze uns nach kurzem Zögern um die Beine streicht oder die Meerschweinchen beim Rascheln der Gemüsetüte erwartungsvoll aus ihrem Häuschen kommen, dann zeigt sich vielleicht das Entscheidende:
Sie haben uns nicht vergessen.
Sie haben einfach darauf vertraut, dass wir wiederkommen.
Arbeit und Haustier – ein Thema das die Gemüter bewegt
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