Deshalb ist «Grasland Schweiz» ein Mythos!
Das Grasland-Argument soll Tierhaltung rechtfertigen. Dabei ist es ausgerechnet das stärkste Argument dagegen, wenn man es konsequent zu Ende denkt.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Schweiz ist ein Grasland, Ackerbau ist nicht überall möglich.
- Das Grasland-Argument soll Fleisch und Milch nachhaltig wirken lassen.
- Doch: Nur jedes zehnte Nutztier frisst überhaupt Gras.
- Die vielbeschworene «Grasland Schweiz» ist eigentlich alles andere als ein Nutztierland.
Die Schweiz ist ein Grasland. So lautet das Lieblingsargument von all jenen, die mir beim Grillieren erklären wollen, warum Fleisch und Milch eigentlich nachhaltig sind. Und ich muss zugeben: Sie haben Recht.
Auf rund zwei Dritteln unserer landwirtschaftlichen Nutzfläche wächst Gras, viele Hänge taugen für nichts anderes. Rinder hingegen können sehr viel damit anfangen – und halten nebenbei die Berglandschaft gepflegt.
Ich selbst verbringe jedes Jahr mehrere Wochen in den Bergen. Ich erfreue mich an den schönen Alpwiesen und an den Kühen, die in aller Seelenruhe Grashalme rupfen.
Zum Abschluss also eine Kolumne ohne Kontroverse? Alles gut?

Fast. Denn wer das Grasland-Argument wirklich zu Ende denkt, stellt fest: Die Landwirtschaft würde ziemlich anders aussehen. Dieses Land wäre nicht die Heimat von Cervelat, Pouletbrüstli und Fondue – ganz im Gegenteil. Es wäre das heimliche Veganerparadies Europas, mit ein paar zufriedenen Kühen auf den Bergwiesen.
Das Grasland-Argument ist nämlich nicht das stärkste Argument gegen weniger Fleisch und Milch. Es ist das stärkste Argument dafür.
Wer frisst eigentlich das ganze Gras?
In der Schweiz leben zu jedem Zeitpunkt fast doppelt so viele Nutztiere wie Menschen, rund 16,6 Millionen. Die überwältigende Mehrheit sind Geflügel und Schweine. Sie machen 87 Prozent des Tierbestands aus. Fressen die etwa das ganze Gras? Spoiler: Nein.
Hühner haben mit Gras ungefähr so viel am Hut wie ich mit einem Grassalat. Sie fressen Getreide, Mais und Soja. Gras und Heu ernähren nur jene Tiere, die gerade mal einen Zehntel des Bestands ausmachen – Rinder, Ziegen, Schafe.
Und selbst für die reicht das Schweizer Grasland nicht. Laut Agrarbericht 2024 des Bundesamtes für Landwirtschaft muss fast die Hälfte ihres Futters extra angebaut werden – auf Äckern, die genauso gut Nahrung für Menschen liefern könnten.

So viel zur Erzählung, die Kuh stehe einfach auf einem unbrauchbaren Hang und verwandle ganz nachhaltig Gras in ein Stück Schweizer Käse.
Unsere Ernährung würde radikal anders aussehen
Nehmen wir die Lobbys also beim Wort und spielen ihr Lieblingsargument konsequent durch: Grasland Schweiz, standortgerechte Landwirtschaft. Dann behalten wir nur jene Tiere, die sich tatsächlich von den vorhandenen Grasflächen ernähren können.
Und plötzlich sähe die Schweizer Landwirtschaft ziemlich anders aus. Massentierhaltung wäre ein Auslaufmodell, kein Megastall mit Tausenden Hühnern weit und breit, keine Schweineboxen, in denen sich Tiere kaum drehen können. Jedes vierte Rind würde verschwinden. Die übrigen Kühe stünden tatsächlich dort, wo sie in der Werbung sowieso immer stehen: Auf der Weide.

Auch auf unseren Tellern würde es deutlich grüner. Mehr regionales Gemüse, Früchte, Hülsenfrüchte und Getreide. Fleisch wäre eine seltene Beilage, Milch käme eher vom Hafer.
Ein netter Nebeneffekt: Die Klimagase aus der Tierhaltung würden drastisch sinken, die Biodiversität wieder Luft kriegen und die Böden aufatmen. Und: Die Schweiz könnte sich stärker selbst ernähren. Laut dem kürzlich publizierten Greenpeace-Bericht «Plant – Das Ernährungssystem der Zukunft» könnten in diesem Szenario rund zwei Drittel unserer Lebensmittel aus heimischer Produktion stammen, statt wie heute nur etwa die Hälfte.
Veganer und Fleischlobby vereint?
Kurz gesagt: Wer Grasland Schweiz sagt und es ernst meint, landet nicht bei Fleisch und Milch, sondern bei deutlich weniger Tieren, mehr Pflanzen auf dem Teller und einer Landwirtschaft, die tatsächlich zum Standort passt. Ausgerechnet das Lieblingsargument der Agrarlobby führt also ziemlich direkt in Richtung pflanzenbasierte Ernährung.
Ups.

Zur Person:
Mirjam Walser (39) schreibt auf Nau.ch regelmässig zu Veganismus, Ernährung und gesellschaftlichem Wandel. Als Gründerin der Vegan Business School unterstützt sie Menschen dabei, vegane Unternehmen aufzubauen.
Damit steht fest: Die radikalste vegane Lobby der Schweiz ist nicht etwa Greenpeace. Es sind all jene, die das Grasland Schweiz so leidenschaftlich bewerben. Sie wissen es wohl nur noch nicht.
Zum Abschluss
Mit dieser erfreulichen Schlussfolgerung, dass selbst die Agrarlobby insgeheim zur veganen Botschafterin wird, verabschiede ich mich von meiner engagierten Leserschaft. Dies ist vorerst meine letzte Vegan Kolumne auf Nau.ch. Eines aber ist klar: Der Einsatz für eine tierfreundlichere Ernährung geht weiter – nur in anderer Form.








