Fabian Ruch: Eigene Unzulänglichkeiten akzeptieren, Momente schätzen

Fabian Ruch
Fabian Ruch

Bern,

«Midlife-Crisis? Ach was! Als Mitt-Vierziger geht das Leben erst richtig los», schreibt Fabian Ruch. Es ist auch eine Frage der Haltung.

Kolumnist Fabian Ruch im Eisbad.
Kolumnist Fabian Ruch im Eisbad. - zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Journalist Fabian Ruch schreibt auf Nau.ch regelmässig Kolumnen.
  • Der 48-jährige Berner schreibt über das Leben im Midlife-Crisis-Alter.

Meine zweite Kolumne an dieser Stelle im Februar hat mir sehr viel Feedback und Kommentare eingebracht. Der Titel lautete: «Bei uns gibt es zu viele Jammeris – Dabei leben wir im Paradies!»

Und was soll ich schreiben: Im Grunde genommen haben 99 Prozent der Reaktionen diese Aussage zu 100 Prozent bestätigt.

Neid, Häme, Kritik, Frust – und das alles anonym: Damit muss man heute umgehen können, wenn man seine Meinung äussert, einen persönlichen Text schreibt, es vielleicht sogar wagt, nicht zu jammern, sondern trotz schwieriger Weltlage versucht, dem Leben positive Seiten abzugewinnen. Auf Reisen geht, lebt, Träume nicht verschiebt.

Arbeiten, um zu leben

In Brasilien gibt es ein Sprichwort: In São Paulo leben die Menschen, um zu arbeiten – in Rio de Janeiro arbeiten die Menschen, um zu leben.

Rio de Janeiro ist meine Lieblingsstadt. Und mir ist vollkommen bewusst, dass es in Rio de Janeiro Millionen von Menschen gibt, die leider keinen schönen Alltag haben, die Gewalt, Armut, Drogen erleben. Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Mütter, die kein Geld haben. Väter, die im Gefängnis sitzen.

Fabian Ruch
Fabian Ruch liebt Rio und Brasilien. - zvg

In der Schweiz, diesem Paradies, geht es den allermeisten Menschen deutlich besser als in den allermeisten anderen Ländern.

Wir leben selbst an schwierigen Tagen ein Leben, für das Milliarden Menschen sofort tauschen würden. Und doch schätzen das viele zu wenig. Jammern ist einfacher.

Das war meine Botschaft, die sich leider sofort bestätigte.

Das heisst selbstverständlich nicht, dass ich alles richtig mache, keine Probleme habe, keine Krisensituationen und Schicksalsschläge erlebe, vom Glück geküsst bin und nicht weiss, was Sorgen sind – wie es geübte Ferndiagnostiker schrieben. Im Gegenteil!

Es geht ums Bewusstsein

Was unbestritten ist: Ich bin 48 und damit mitten im Midlife-Crisis-Alter. Was war? Was ist? Was kommt eigentlich noch?

Ich scheitere jeden Tag kläglich dabei, den Spagat zwischen Familie, Job, Freizeit, Sport, Schlaf so zu bewerkstelligen, wie ich es mir vorstelle. Oder wie es ideal wäre. Aber was heisst schon scheitern? Und was ist ideal?

Mir geht es auch ums Bewusstsein und darum, nicht im Hamsterrad gefangen zu sein. Das ist mein Ansporn, so versuche ich zu leben. Das ist kompliziert genug, zumal ich leider keineswegs perfekt bin.

Ich habe einen Kollegen, er ist noch ein paar Jahre älter, der vorlebt, wie gesundes und wohl auch gutes Leben geht. Er steigt jeden Morgen um 5 Uhr ins Eisbad (knapp 1 Grad kalt), er meditiert täglich, schläft genug, ernährt sich vorbildlich, raucht nicht, trinkt kaum Alkohol, optimiert sein Leben.

Andreas Lanz
Andreas Lanz im Eiswasser. - zvg

Chapeau! Er ist in gewissen Bereichen ein Vorbild für mich, selbst wenn ich das niemals so diszipliniert hinbekommen würde.

Aber: Ich wüsste auch dank ihm immerhin, wie es ginge. Er ist eine Inspiration. Also versuche ich Schritt für Schritt, ein wenig von seinem Denken und seiner Lebensweise mitzunehmen. Und im Rahmen eines Podcasts stieg ich immerhin schon einmal ins Eisbad – es war eine wunderbare Erfahrung, zumal ich innere Widerstände überwinden konnte.

Jetzt findet das Leben statt!

Geht es am Ende nicht auch darum, in diesem immer schneller drehenden Irrsinn halbwegs die Übersicht zu behalten? Die eigenen Unzulänglichkeiten erkennen – und akzeptieren.

Wer das schafft, hat schon viel gewonnen. Und findet vielleicht auch einen Weg, Träume nicht aufzuschieben.

Dabei geht es nicht um die monatelange Weltreise oder um die Ferienwohnung in den Bergen – sondern darum, nicht der Vergangenheit nachzutrauern oder auf die Zukunft zu hoffen, sondern in der Gegenwart zu leben. Jetzt. Genau heute findet das Leben statt. Den Moment geniessen. Mehr in der Realität leben, weniger in der virtuellen Welt.

Denn wer weiss schon, was in zwei Jahren sein wird? Ob man den Job wegen KI verliert, krank wird, seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann?

Mit 48 und generell im Mittelalter erkennt man mehr, was einem wichtig ist – und wem es gelingt, sein Leben konsequenter danach auszurichten, dem geht es besser.

Verboten: Vergleiche!

Besonders wichtig: Keine Vergleiche. Es gibt immer jemanden, der ein grösseres Haus, einen schöneren Garten, ein stärkeres Auto, mehr Lohn, Haare, Vermögen hat. Na und?

Gönnen Sie es dem Nachbarn, wenn er sich einen Traum erfüllt und ein Cabriolet kauft oder nach Las Vegas reist.

Bist du mit deinem eigenen Leben zufrieden?

Freuen Sie sich mit der Nachbarin, die etwas wagt und sich selbständig macht als Yoga-Lehrerin, weil sie nach 15 Jahren genug vom langweiligen Bürojob hat.

Wer nichts wagt, kann auch nichts verändern. Und bleibt neidvoll, hämisch, kritisch, frustriert.

Je älter wir werden, desto vorsichtiger agieren die meisten. Und verharren oft in einer ungemütlichen Spirale, aus der es kaum noch ein Entkommen gibt. Das ist schade. Die Zeit kommt nicht zurück.

Dabei bietet es sich gerade im mittleren Alter und mit einer gewissen Erfahrung an, nicht desillusioniert zum Wutbürger zu werden – und in der Unzufriedenheit anonym enttäuschte Kommentare im Internet zu verfassen.

Zum Autor

Fabian Ruch (48) ist selbständig im Bereich Kommunikation. Er arbeitet als Journalist, hat das Frauen-Sportmagazin «Sportlerin» gegründet und einen Fussball-Podcast (Anderi Liga 2.0). Er schreibt auf Nau.ch über Tücken, Herausforderungen und Chancen im Midlife-Leben. Und darüber, wie man die Balance zwischen Arbeit und Alltag, Familie und Freizeit behält und auch mal verliert – als Sportjunkie und Selbständiger, Spielernatur und Suchtreisender.

Kommentare

User #5855 (nicht angemeldet)

Manche sind in ihrem Leben so festgefahren, aus welchen Gründen auch immer, da lässt sich (vermeintlich) nichts ändern. Die gehen dann ihrem Umfeld mit Frust und Unzufriedenheit auf die Nerven.

User #1226 (nicht angemeldet)

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