Achtung Verwechslung: Geklonte Autos
Vom Billig-Plagiat zum Tech-Vorbild: Wie Chinas E-Autobauer und cleveres Plattform-Sharing Europas Traditionsmarken herausfordern.

Wer ein modernes Elektroauto in der Schweiz kauft, bezahlt oft erstaunlich viel Geld nur für das Markenlogo. Unter dem individuellen Blechkleid teilen sich zahlreiche Fahrzeuge längst identische Plattformen und baugleiche Batteriemodule.

Vor zwei Jahrzehnten galten chinesische Autos noch als plumpe Kopien europäischer Vorbilder. Heute entstehen automobile Entwürfe im Reich der Mitte unter der Führung abgeworbener europäischer Spitzendesigner.
Moderne Skateboard-Architekturen ermöglichen Herstellern den schnellen Bau neuer Modelle bei minimalen Entwicklungskosten. Der globale Automarkt erlebt dadurch eine noch nie dagewesene Welle an hochgerüsteten Auto-Zwillingen.
Vom plumpen Plagiat zur eigenen Formsprache
Frühe Modelle wie der berüchtigte Shuanghuan CEO kopierten das Heck des bayerischen BMW X5 beinahe detailgetreu. Solche Billig-Klone scheiterten damals jedoch krachend an europäischen Crashtest-Normen und katastrophaler Verarbeitungsqualität.

Chinesische Grosskonzerne wie BYD oder Geely investierten daraufhin Milliarden in eigene, globale Entwicklungszentren. Sie warben gezielt profilierte Chefdesigner von Traditionsmarken wie Audi, Bentley und Mercedes-Benz ab.
Aktuelle Modelle wie die Elektrolimousine BYD Seal glänzen heute mit einem herausragenden cw-Wert von 0.219. Aus einst belächelten Raubkopien sind eigenständige, hochmoderne Technologieträger für den anspruchsvollen Weltmarkt geworden.
Gleiche Plattform, unterschiedliche Welten
Viele angebliche Design-Zwillinge basieren heute auf völlig legalen Kooperationen und strategischem Plattform-Sharing. So teilt sich der kompakte Smart #1 seine modulare SEA-Elektroplattform mit dem Zeekr X und dem Volvo EX30.
Schweizer Konsumenten erhalten somit dieselbe 66-Kilowattstunden-Batterie und ähnliche E-Motoren in drei unterschiedlich verpackten Fahrzeugen. Während der Volvo auf kühlen skandinavischen Minimalismus setzt, inszeniert der Smart ein farbenfrohes, verspieltes Infotainment.
Die rein elektrische WLTP-Reichweite von rund 400 Kilometern bleibt bei allen drei Schwestermodellen nahezu deckungsgleich. Aufmerksame Autokäufer werden deshalb genau abwägen, wie viel monetären Aufpreis ihnen ein traditionsreiches Markenemblem wert ist.
Serienausstattung gegen Passstrassen-Dynamik
Im direkten Vergleich mit europäischen Bestsellern wie dem VW ID.4 punkten chinesische Kontrahenten bei der Serienausstattung. Leistungsstarke Prozessoren, reaktionsschnelle Sprachassistenten und hochauflösende 360-Grad-Kameras gehören dort bereits zur Basisausstattung.
Europäische Referenzmodelle überzeugen hingegen nach wie vor bei der Fahrwerksabstimmung und der Stabilität bei hohen Geschwindigkeiten. Auf kurvigen Schweizer Passstrassen offenbaren manche Fernost-Stromer noch eine synthetische Lenkung und spürbare Wankbewegungen.
Zusätzlich stellt der unberechenbare Wertverlust neuer asiatischer Fabrikate auf dem hiesigen Occasionsmarkt ein kalkulatorisches Risiko dar. Ein flächendeckendes Schweizer Garagennetz sowie eine verlässliche Ersatzteilversorgung garantieren den europäischen Herstellern weiterhin einen handfesten Marktvorteil.
Rollentausch auf dem globalen Parkett
Das frühere Phänomen des dreisten Design-Diebstahls hat sich in einen weltweiten Wettbewerb um Innovationsführerschaft verwandelt. Europäische Traditionskonzerne kaufen mittlerweile sogar Software und Batterieplattformen direkt bei chinesischen Herstellern ein.
Volkswagen kooperiert intensiv mit dem chinesischen Start-up Xpeng zur gemeinsamen Entwicklung neuer E-Architekturen. Stellantis sicherte sich für Milliardenbeträge strategische Anteile am chinesischen Elektroauto-Pionier Leapmotor.
So sind chinesische Entwicklungen längst auch zum Überlebensfaktor für europäische Konzerne geworden. Für so manchen Hersteller aus Fernost hat sich das Konzept «Fake it till you make it» also voll ausgezahlt.







