Mehreren Tausend Jahre Schifffahrt in einem Artikel: Von den keltischen Einbäumen über die Genfer Galeeren bis zu prächtighaen Salondampfern. Unsere Highlights.
Ausflug Schweiz Schiff Schiffe
Der Dampfer «Rigi» steht seit seiner Eröffnung 1959 im Verkehrshauses der Schweiz in Luzern. - Verkehrshaus der Schweiz

Das Wichtigste in Kürze

  • Einbäume beweisen: Seit mehr als 5000 Jahren gibt es Schifffahrt in der Schweiz.
  • Seeschlachten und Galeeren: So bewegt waren unsere Seen im Mittelalter.
  • Dampfschiffe revolutionierten den Gütertransport und begeistern bis heute Touristen.

Ob als Handelswege oder zum Vergnügen: Unsere Gewässer werden seit prähistorischer Zeit beschifft. Wir haben für euch in den Geschichtsbüchern gestöbert und beantworten Fragen, die ihr vielleicht gar nie hattet.

Gab es auf dem Genfersee tatsächlich Galeeren? Wie bewegt man eigentlich ein Schiff ohne Motor flussaufwärts? Und fahren heute immer noch Dampfschiffe in der Schweiz?

Dazu stellen wir euch den ältesten noch erhaltenen Dampfer der Schweiz vor und berichten von einer faszinierenden Ausstellung.

Ausflug Schweiz Schifffahrt
Dieses gelbe Prachtstück ist ein Zwei-Mann-U-Boot und eine Schweizer Erfindung. Zu bewundern im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern. - Verkehrshaus der Schweiz

Wie alles begann: von Einbäumen und Kelten

Die ältesten Boots-Überreste, die je in der Schweiz gefunden wurden, gehören zu einem Einbaum aus dem Neuenburgersee: Sie beweisen, dass in der Schweiz seit mindestens 5000 Jahren Schifffahrt betrieben wird.

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In den Zentralschweizer Seen und dem Zürichsee wurden noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts Einbäume für die Fischerei genutzt; Fischer schätzten am Einbaum, dass ihre Netze nicht an Ecken und Kanten hängenbleiben. - pixabay

Die nächste Entwicklung auf Schweizer Gewässern waren dann die Plankenboote aus der keltisch-römischen Zeit. Auf diesen flachen Booten, die über ein Segel verfügten, konnte man schwere und unhandliche Ladungen transportieren.

Aus Scherbenfunden weiss man, dass die Römer Waren von Marseille zum Bodensee transportierten, und dafür Rhone, Juragewässer und Aare nutzten. Die 40 Kilogramm schweren Amphoren mit Ochsenkarren zu transportieren, wäre ungleich mühsamer gewesen.

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In Bevaix am Neuenburgersee wurde 1970 das Wrack einer keltisch-römischen Barke geborgen, deren Holz auf das Jahr 182 nach Christus datiert werden konnte. Das Bild zeigt einen Nachbau dieser Barke. - Keystone

Kriegsschiffe in Genf und in Zürich

Die Schweizer Gewässer wurden aber nicht nur für den Handel genutzt, auf ihnen fanden auch Auseinandersetzungen statt. So zum Beispiel im 15. Jahrhundert im alten Zürichkrieg zwischen Zürich und den Eidgenossen, in welchem ihre Seeüberlegenheit den Zürchern entscheidende Vorteile brachte.

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Obwohl es auf diesem Bild vor Segeln strotzt, waren in Seeschlachten damals hauptsächlich die Ruderer für den Antrieb zuständig. - Wikipedia

Unterstützung bekamen die Zürcher vom damals habsburgischen Rapperswil. Die Habsburger hatten nämlich aus Bregenz am Bodensee zwei wendige Ruderkriegsschiffe liefern lassen. Diese «Jagdschiffe» machten den Eidgenossen auf dem See das Leben schwer.

Auf dem Genfersee patrouillierten bis etwa 1730 sogar waschechte Galeeren. Die von 1211 bis 1536 am Genferseebecken herrschenden Savoyer hatten damals Schiffszimmersleute aus Genua angeworben. Und diese bauten nach Art der grossen Genuesischen Meerschiffe kleine Galeeren für den See. Die Genfer übernahmen diese Art des Schiffbaus dann auch für Lastschiffe, woraus die mediterran anmutenden Genfersee-Barken hervorgingen.

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Einem Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose verdanken wir diesen Nachbau einer Mittelmeer-Galeere aus den späten 1990ern, die heute auf dem Genfersee kursiert. Weil man früher mehr auf Tradition als auf Pläne setzte, war keine «Bauanleitung» für eine Genfersee-Galeere vorhanden; also hielt man sich an einen Plansatz für eine Mittelmeer-Galeere aus dem 17. Jahrhundert aus dem Pariser Marinemuseum. Auch die motorisierte Schiffsschraube entspricht nicht ganz den Originalplänen, die für den Antrieb neben Segeln rund 100 Ruderer vorgesehen hatte; trotzdem gibt sie einen Eindruck davon, wie die Schiffe auf dem Genfersee damals ausgesehen haben. Beruhigendes Detail: Die Galeerenruder wurden auf dem Genfersee in den allermeisten Fällen von angeheuerten Zivilisten oder Soldaten bedient; Galeerenstrafen waren äusserst selten. - Keystone

Die Sache mit dem Antrieb

Nicht nur Galeeren und Kriegsschiffe mussten lange Zeit mit Muskelkraft bewegt werden. Wollte man nämlich ein Schiff flussaufwärts oder bei Windflaute auf einem See bewegen, gab es nur eins: kräftig ziehen, rudern oder stacheln.

Der Fachbegriff für das Ziehen eines Schiffes heisst «Treideln». Zum Einsatz kamen dabei Menschen oder Tiere, meist Pferde.

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Ein Treidler am Finowkanal in Brandenburg. In der Schweiz weiss man von Treidelzügen mit über 30 Pferden. Bei widriger Strömung konnte das wegen der starken Kräfte auf dem Seil schnell gefährlich werden. - Wikipedia

Eine besondere Herausforderung war es dabei, entlang von Flüssen und Seen durchgehende Treidelwege anzulegen. Nicht selten kam es hier zu Streitigkeiten mit Landbesitzern, weil die Treidler Trittschäden verursachten. Waren die Gewässer an den umstrittenen Stellen seicht genug, konnte man auch aufs Stacheln ausweichen.

Alles wird anders, die Dampfkraft kommt

1808 fuhr der erste Raddampfer auf dem Hudson River, 1823 begann das Dampfzeitalter dann auch in der Schweiz. Dank der «Guillaume Tell» dauerte die Reise Genf-Lausanne neu statt einem Tag noch viereinhalb Stunden, unabhängig von Wind und Wetter.

Ähnliches leistete ab 1837 das erste vollständig in der Schweiz gebaute Dampfschiff, die «Stadt Luzern» auf dem Vierwaldstättersee. Sie verkürzte die für die Nord-Süd-Verbindung wichtige Reise von Luzern nach Flüelen von neun auf zweieinhalb Stunden. Damit stand sie in direkter Konkurrenz zu den Nauen-Schiffern, die bisher den Waren- und Menschentransport auf dem Vierwaldstättersee erledigten.

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Der Glattdeck-Raddampfer «Rigi» trat 1848 seinen Dienst für die Urner «Post-Dampfschifffahrts-Gesellschaft» an und gibt einen Eindruck davon, wie die ersten Dampfer in der Schweiz aussahen. Es gab keinen Aufbau und die Fahrgäste nahmen unter Deck Platz. - Verkehrshaus der Schweiz

Speziell in Uri erregte das Schiff Unmut, sodass aufgebrachte Urner das Dampfschiff wiederholt mit Steinen bewarfen und die Fahrgäste beschimpften. Jährliche Abgaben beruhigten dann die Lage am See, und bald befuhren auch Dampfschiffe der «Urner Post-Dampfschifffahrts-Gesellschaft den See».

Das führte wiederum zu einer gehörigen Konkurrenzsituation mit immer tieferen Billetpreisen. Bis schliesslich die beiden Gesellschaften 1869 zu einem neuen Unternehmen fusionierten, aus dem die heutige «Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees» erwuchs.

Eisenbahn und Tourismus

Kaum hatte das Dampfschiff auf den Schweizer Seen Fuss gefasst, begann auch schon das Eisenbahnzeitalter. Zunächst ergänzten sich die beiden Transportmittel, und die Dampfschiffe transportierten Passagiere und Waren, welche die Züge an die Seen brachte.

Doch je vollständiger das Eisenbahnnetz wurde, umso weniger wurden die Dampfer für den Transit benötigt. Die Binnenschifffahrt ging aber nicht unter, sondern profitierte von einem aufblühenden Wirtschaftszweig: dem Tourismus.

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Mit den Umständen veränderten sich auch die Ansprüche an die Schiffe auf den Schweizer Seen. Der Salon-Dampfer «Schiller» wurde 1906 durch Gebrüder Sulzer, Winterthur, erbaut und unterscheidet sich nicht nur äusserlich deutlich vom DS «Rigi». Berühmt ist der Erstklass-Salon: Edle Materialien wie Eben- und Zitronenholz und reizvolle Meerjungfrauen- und Tiermotive zeugen hier vom bemerkenswerten Kunsthandwerk der Belle Époque. - Keystone

Ein Paradebeispiel für den Wandel durch den Tourismus ist der Vierwaldstättersee. 1871 wurde hier mit der Rigi-Bahn die erste Zahnradbahn Europas eröffnet. Und 1889 am Pilatus die bis heute steilste Zahnradbahn der Welt gebaut.

Das brachte genügend Fahrgäste an den Vierwaldstättersee, um den Personen- und Gütertransit zu ersetzen, den die Gotthardbahn den Schiffern nahm.

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Auch Zugfähren verkehrten in der Schweiz. Während die Verbindungen auf dem Thuner-, Zürcher- und Vierwaldstättersee noch im 19. Jahrhundert durch reguläre Zugverbindungen ersetzt wurden, verkehrte die Fähre Romanshorn-Friedrichshafen am Bodensee bis 1976. Seitdem wird sie als Autofähre weiterbetrieben. Eine andere wichtige Autofähre ist die Verbindung Meilen-Horgen auf dem Zürichsee, die zu Stosszeiten im 7-Minuten-Takt verkehrt und Pendlern einen grossen Umweg erspart sowie viel zusätzlichen Verkehr von den Seestrassen fernhält. - Verkehrshaus der Schweiz

Der Dieselmotor

Wieder war es der Genfersee, wo die nächste Revolution ihren Anfang nahm. 1905 fuhr hier das Güterschiff «Venoge» als erstes Schweizer Schiff mit einem Dieselmotor

Weil der Dieselmotor kleiner, wirtschaftlicher und weniger aufwendig im Betrieb war, hatte er alle Vorteile auf seiner Seite. Und so wurden auf den Schweizer Seen nach und nach Dampfer aus dem Verkehr genommen und durch dieselbetriebene Schiffe ersetzt.

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Im Verkehrshaus in Luzern steht der originale Maschinenraum des DS «Pilatus», das von Sulzer hergestellt wurde und 1895 bis 1966 auf dem Vierwaldstättersee verkehrte; an ihr können kleine und grosse Besucherinnen und Besucher nachvollziehen, wie die Maschine den im Kessel erzeugten Dampf in mechanischen Vortrieb verwandelte. - Verkehrshaus der Schweiz

In den 1970er Jahren kam es wegen der geplanten Stilllegung des «DS Wilhelm Tell» zu einer grossen Protestaktion. Nach jahrelangem Hin und Her und beispiellosem Einsatz der Dampferfreunde korrigierte die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees schliesslich ihren eingeschlagenen Kurs.

So kommt es, dass bis zum heutigen Tag eine Flotte von fünf Dampfschiffen auf dem Vierwaldstättersee verkehrt. Sie stehen sinnbildlich für den allmählichen Wandel des Schiffbetriebs auf unseren Binnengewässern von einer Nutz- zu einer Vergnügungsflotte.

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Definitiv nicht in die Kategorie «Vergnügungsschifffahrt» gehört der Gütertransport auf dem Rhein, der die Schweiz via Rotterdam direkt mit dem Meer verbindet. Rund 8 % der Schweizer Importe und Exporte, in der Hauptsache Rohöl und Steine, liefen 2020 über den Rhein. Geringer Treibstoffverbrauch und Personalbedarf kombiniert mit den grossen Transportkapazitäten (ein durchschnittliches Rheinschiff befördert rund 2500 Tonnen Material, also das, was etwa 80 30-Tönner auf der Strasse transportieren) machen die Rheinschifffahrt gleichzeitig kostengünstig und umweltfreundlich. - Keystone

Schifffahrtsgeschichte erleben

Die DS Rigi, das älteste erhaltene Dampfschiff der Schweiz, gehörte von Anfang an zu den Hauptattraktionen des Verkehrshauses in Luzern. Es erlebte die grossen Nord-Süd-Warenströme genauso wie die erste Blütezeit des Tourismus und zwei Weltkriege. Wer sich im Verkehrshaus mit seiner Geschichte auseinandersetzt, lernt viel über die Welt- und die Luzerner Regionalgeschichte.

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Lässig sind die kleinen Boote, die in einem Kanal um die Rigi fahren, und die (SUVA-konforme) Strickleiter, mit der man ins Innere des Dampfers gelangt. - Verkehrshaus der Schweiz

Im Verkehrshaus kann man aber nicht nur Originale bestaunen, auch lehrreiche Modelle gehören seither zu seinen grossen Stärken. So findet sich in der Halle Schifffahrt ein ausgeklügeltes Modell, das einleuchtend erklärt, wie eine Schiffsschleuse funktioniert.

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Die Themeninsel «Fähren in der Schweiz» widmet sich ganz der Fährenschifffahrt auf unseren Gewässern. Original-Steuerhaus inklusive. - Vekehrshaus der Schweiz

Spektakulär ist der Besuch des Nautiramas, einer rund 20-minütigen Reise durch die Schifffahrts- und Tourismusgeschichte der Zentralschweiz: Sie führt durch den Salon eines Raddampfers, zeigt ein mittelalterliches Schiffsunglück und illustriert, wie Industrialisierung und Dampfschifffahrt die Region veränderten. Mit Licht, Ton und einer eindrucksvollen Kulisse, so als wärt ihr selber mit dabei.

Seid ihr neugierig geworden? Hier findet ihr alles über die Schifffahrtsausstellung im Verkehrshaus in Luzern.

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