Lara Gut-Behrami im Karriere-Rückblick: Früh geglänzt, spät gekrönt
Lara Gut-Behrami (35) hat am Mittwoch einen Schlussstrich unter ihre grosse Karriere gezogen. Eine Laufbahn mit mehr Höhen und Tiefen als viele andere.

Das Wichtigste in Kürze
- Als 16-Jährige stand Lara Gut-Behrami erstmals auf dem Weltcup-Podest.
- Es folgte eine Karriere mit vielen Höhen, aber auch vielen Rückschlägen.
- Erst spät konnte sich die Tessinerin vergolden – im wahrsten Sinn des Wortes.
Fast 20 Jahre lang war Lara Gut-Behrami im alpinen Ski-Weltcup unterwegs. Am Mittwoch hat die heute 35-Jährige einen Schlussstrich unter ihre grosse Karriere gezogen. Nach der schweren Verletzung im Vorjahr verzichtet die Tessinerin auf ein Comeback.
Sie beendet ihre Karriere im Ski-Weltcup als Olympiasiegerin, Doppelweltmeisterin, zweifache Gesamtweltcupsiegerin. Mit 48 Weltcupsiegen und 101 Podestplätzen. Grund genug, eine ganz aussergewöhnliche Laufbahn Revue passieren zu lassen.
Die Erfolge von Lara Gut-Behrami im Überblick
Olympia: 1x Gold, 2x Bronze
WM: 2x Gold, 4x Silber, 3x Bronze
Weltcup-Gesamtsiege: 2015/16 & 2023/24
Super-G-Weltcup: 2013/14, 2015/16, 2020/21, 2022/23, 2023/24, 2024/25
Riesenslalom-Weltcup: 2023/24
Weltcup-Siege: 48
Steiler Aufstieg in jungen Jahren
Eine Laufbahn, die schon spektakulär beginnen sollte: Knapp einen Monat nach ihrem Weltcup-Debüt fährt die damals 16-Jährige bei ihrer Abfahrts-Premiere in St. Moritz sensationell auf das Podest und verpasst den Sieg nur durch einen Sturz vor dem Ziel.

Es ist der Startschuss für einen steilen Aufstieg: Zehn Monate später folgt im Dezember 2008 an gleicher Stelle im Super-G Der erste Weltcupsieg.
Ziemlich genau ein Jahr nach dem Premieren-Podest der nächste Erfolg: In Val d'Isère lässt Lara Gut-Behrami – damals noch Lara Gut – WM-Silber in der Abfahrt und der Super-Kombination folgen.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Tessinerin noch keine 18 Jahre alt. Der Stern am Weltcup-Himmel geht gerade erst auf. Doch was folgt, sind schmerzvolle Rückschläge.
Verletzungspech, Trainer-Zoff, Material-Sorgen
Im September 2009, kurz vor dem Saisonbeginn, stürzt Lara Gut-Behrami im Riesen-Training schwer. Die Diagnose: Eine Hüft-Luxation rechts – Die Olympia-Saison ist vorbei, noch bevor sie begonnen hat.

Der Weg zum Comeback ist steinig – und geprägt von Ärger abseits der Piste: Gut-Behrami überwirft sich mit Nationaltrainer Mauro Pini, kritisiert ihren Ex-Privatcoach öffentlich. Obendrein verstösst sie gegen die Kleiderordnung. Swiss-Ski zieht Konsequenzen, sperrt die Tessinerin für zwei Rennen, erst Ende Dezember 2010 gibt es die Versöhnung.
Lara Gut-Behrami meldet sich eindrucksvoll zurück, startet das Jahr 2011 mit ihrem zweiten Weltcupsieg im Zauchensee-Super-G. An der WM in Garmisch-Partenkirchen geht sie mit zwei vierten Plätzen knapp leer aus.

Der folgende Winter verläuft nach einem Markenwechsel von Atomic zu Rossignol enttäuschend. Auch das volle Programm mit allen fünf Disziplinen hilft nicht. Nach der Saison 2011/12 verzichtet Gut-Behrami auf den Slalom – die richtige Entscheidung: Im Dezember 2012 gewinnt sie ihre erste Abfahrt, an der WM in Schladming holt sie Super-G-Silber.
Durchbruch und Olympia-Premiere
Zum Saisonauftakt im Oktober 2013 gewinnt Lara Gut-Behrami erstmals einen Riesenslalom und beendet eine elfjährige Schweizer Riesen-Durststrecke. Im gleichen Winter ist sie erstmals auch für die Olympischen Winterspiele nominiert.

Doch im Vorfeld der Wettkämpfe in Sotschi sorgt die Tessinerin für Schlagzeilen: Sie übt scharfe Kritik an der Olympia-Vergabe nach Russland. Gut-Behrami kritisiert die Menschenrechtslage und die Instrumentalisierung des Sports.
Bei den Winterspielen selbst feiert Gut-Behrami ihre Premiere: Hinter den Ex-aequo-Siegerinnen Dominique Gisin und Tina Maze wird die Tessinerin Dritte. Bronze ist die erste Olympia-Medaille für die damals 22-Jährige.

Nach einem mageren Winter 2014/15 zieht Gut-Behrami dann im Sommer 2015 die Konsequenzen: Sie verlässt ihren Ausrüster Rossignol und wechselt zu Head – ein Wechsel, der grosse Erfolge bringen sollte.
Mit neuem Material nach ganz oben
Mit Head-Skiern an den Füssen schwingt sich Lara Gut-Behrami in die Weltspitze auf. Mit Siegen im Riesenslalom, in der Abfahrt und sogar der Super-Kombi übernimmt sie die Weltcup-Gesamtführung.
Was folgt, ist ein packendes Duell mit Lindsey Vonn, das Anfang März in Soldeu dramatisch endet: Die US-Amerikanerin erleidet einen komplexen Schienbeinkopfbruch, ihre Saison ist gelaufen.

Knappe zwei Wochen später, kurz vor dem Saisonfinal, geht Gut-Behrami im Gesamtweltcup wieder in Führung. Konkurrentinnen gibt es keine mehr – am 13. März 2016 steht Lara Gut-Behrami erstmals als Gesamtweltcup-Siegerin fest.
Verletzungspech, die Zweite
Im folgenden Winter ist Gut-Behrami erneut im Gesamtweltcup in ein Duell mit einer US-Amerikanerin verwickelt: Sie kämpft mit Mikaela Shiffrin, als das Pech ausgerechnet an der Heim-WM in St. Moritz im Februar 2017 zuschlägt.
Beim Einfahren für den Kombinations-Slalom stürzt Gut-Behrami schwer. Die Schock-Diagnose: Kreuzbandriss, Meniskusverletzung – das linke Knie ist ein Totalschaden, die Saison vorbei. Vier Kristallkugel-Chancen und die WM-Träume sind auf einen Schlag dahin.

Der Weg zurück an die Weltspitze ist langwierig: Zwar steht Gut-Behrami im Dezember 2017 erstmals wieder auf dem Podest und gewinnt Ende Januar sogar «ihren» Super-G in Cortina. Eine Medaille bei den Winterspielen in Pyeongchang bleibt ihr aber verwehrt.
Die späte Krönung einer grossen Karriere
Es dauert bis Februar 2020, bis Gut-Behrami wieder zu ihrer Spitzenform findet. Dann aber ist sie kaum noch zu stoppen: Im Winter 2020/21 schwingt sie sich zur Höchstform auf, feiert unter anderem vier Super-G-Siege in Folge.

Erstmals vergolden kann sich die Tessinerin am 11. Februar 2021 bei der WM auf «ihrer» Tofana in Cortina – im Super-G holt sie ihren ersten Weltmeistertitel. Sie lässt Abfahrts-Bronze und Gold im Riesenslalom folgen und ist mit acht Medaillen die erfolgreichste Schweizerin bei Weltmeisterschaften.

Genau ein Jahr nach der ersten WM-Goldenen erreicht Gut-Behrami den Zenit: Im Super-G krönt sie sich an den Winterspielen in Beijing zur Olympiasiegerin. Im Riesenslalom holt sie zudem die Bronze-Medaille. Nach all den Höhen und Tiefen ist Lara Gut-Behrami ganz oben.
Zweite grosse Kristallkugel und eine besondere Marke
Nach dem Olympia-Hoch lässt Gut-Behrami 2024 noch einen Super-Winter folgen: Sie gewinnt nicht nur zum zweiten Mal den Gesamtweltcup, sondern neben der Super-G-Wertung auch erstmals Riesen-Kristall.

In der Folge-Saison erreicht die Tessinerin zudem noch eine Bestmarke, die es zuvor nur bei den Männern gab: Sie gewinnt beim Weltcup-Saisonfinale in Sun Valley nicht nur ihre sechste Super-G-Kristallkugel. Sie triumphiert dort auch im Riesenslalom und gewinnt als erste Frau zehn Weltcup-Rennen in drei verschiedenen Disziplinen.

Die letzte Bestmarke ihrer Karriere stellt Gut-Behrami im Oktober 2025 beim Riesenslalom in Sölden auf: Als Dritte feiert sie Podestplatz Nummer 101 ihrer Karriere und zieht damit mit der Schweizer Rekordhalterin Vreni Schneider gleich.
Rücktritts-Pläne und Verletzungspech, die Dritte
Schon vor dem Saisonstart 2025/26 hatte Gut-Behrami angekündigt, ihre Karriere nach den Winterspielen 2026 beenden zu wollen. Dann aber der Schock: Beim Super-G-Training in Colorado stürzt die Tessinerin schwer.
Die Diagnose: Kreuzbandriss und Innenbandriss im schon einmal so schwer verletzten linken Knie. Die Saison ist vorbei, der Traum vom Olympia-Abschied auf «ihrer» Tofana in Cortina d'Ampezzo geplatzt.

Anfang August 2026 beendet die 35-Jährige dann die Spekulationen: Sie verkündet ihren Rücktritt vom Spitzensport, nimmt Abschied vom Ski-Weltcup. Mit einer ganz, ganz grossen Karriere im Gepäck.
















