Der VAR würde dem Schwingen die Seele rauben!
Sie ist nicht so alt wie die Eidgenossenschaft, flammt aber zuletzt immer wieder auf: Die Diskussion um die Einführung des Video-Schiedsrichters im Schwingen.

Das Wichtigste in Kürze
- Der Zürcher Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Autor von zwei Büchern.
- Heute schreibt er über die mögliche Einführung des Video-Schiedsrichters im Schwingen.
- Und weshalb dies ein komplett falscher Schritt wäre.
Im Sägemehl gilt ein uraltes Gesetz: Der Bessere (oder der Bösere) gewinnt. Oder wenigstens jener, den die Kampfrichter dafür halten. Dies ist nicht immer logisch. Nicht immer gerecht. Aber es ist menschlich.
Und genau deshalb ist Schwingen das geblieben, was der Fussball vielerorts nicht mehr ist: Ein Sport mit Seele.
Nun wird seit dem ESAF 2025 in Mollis wieder laut über den Videobeweis diskutiert. Vier umstrittene Szenen, mehrere vermeintliche Fehlentscheide, empörte Experten, mediale Entrüstungsstürme – und schon steht der Sägemehl-VAR wieder auf dem Wunschzettel.
Als ob man mit ein paar Bildschirmen und einem Offiziellen im Container plötzlich Gerechtigkeit installieren könnte.

Man kann das nachvollziehen. Nöldi Forrer fordert seit Jahren technische Unterstützung für die Kampfrichter. Auch andere Stimmen wollen Fernsehbilder, Kontrolle, Absicherung, Fehlervermeidung. Der Reflex ist verständlich. Aber er ist falsch. Allein deshalb, weil sogar an einem Eidgenössischen längst nicht alle Duelle von Fernsehkameras eingefangen werden.
Fabian Staudenmann weiss, wovon er spricht. Am ESAF 2025 wurde ihm im siebten Gang gegen Domenic Schneider statt einer 10,00 nur eine 9,75 geschrieben – mit grosser Sicherheit kostete ihn dieser Fehler den Schlussgang. Also genau jener Stoff, aus dem VAR-Befürworter ihre Heilslehre basteln.
Und was entgegnet Staudenmann? Kein Hadern. Kein Nachkarten. Kein digitales Tribunal. Er sagt: «Emotionen sind das Wichtigste im Sport.» Und er hat recht.
Ein Videoschiedsrichter, sagt er, würde vielleicht den einen oder anderen Fehlentscheid weniger produzieren – aber nicht keine. Die Grauzonen bleiben. Die Diskussionen verschwinden nicht, sie verlagern sich nur. Statt am Sägemehlrand wird dann vor Monitoren gestritten. Romantik ersetzt durch Regieplatz.
Christian Stucki, König von 2019, formuliert es noch klarer: «Ein VAR würde den Schwingsport kaputt machen.»
Exakt das ist der Punkt.

Das ist Entfremdung
Wer wissen will, wie sich diese schöne Idee in der Realität anfühlt, muss nur in den Schweizer Fussball schauen. Dort sitzt ein Gremium in einem Hinterzimmer in Volketswil – weit weg vom Geschehen auf dem Rasen, weit weg von den Emotionen im Stadion – und seziert mit Stoppuhr, Massstab und kreativer Grenzenlosigkeit jede Spielsituation.
Im sterilen Raum wird dann entschieden, was Tausende im Stadion nicht verstehen können, weil ihnen das bewegte Bild fehlt. Ein Tor wird bejubelt – und zwei Minuten später gelöscht. Ein Penalty wird aus dem Nichts geboren. Ein Spiel kippt, weil jemand mit digitalem Lineal eine Schuhspitze entdeckt hat.
Das ist nicht Fortschritt. Das ist Entfremdung.
Natürlich: Bei Torlinien oder klarem Abseits kann Technik helfen. Zentimeter sind Zentimeter. Schwarz ist schwarz. Weiss ist weiss.
Schwingen lebt nicht von Millimetern
Aber Schwingen lebt nicht von Millimetern. Es lebt vom Ermessensspielraum. Vom Augenmass. Vom gesunden Menschenverstand. Vom Bauchgefühl der Kampfrichter. Wer dort den VAR installiert, öffnet die Tür zu endlosen Diskussionen über Haltegriffe, Nachdrücken, Bodenberührungen und Interpretationen. Schaut man lange genug hin, findet man immer etwas.
Dann entscheidet nicht mehr der Schwung, sondern der Bildschirm.

Und noch etwas: Was würde dies mit den Kampfrichtern machen? Ihre Aufgabe ist es, Verantwortung zu übernehmen. Sofort. Vor Ort. Mitten im Lärm. Wer ihnen permanent einen digitalen Oberlehrer ins Ohr setzt, macht sie nicht besser – sondern kleiner.
Keine Fehler kopieren
Der Schwingsport ist gross geworden, weil er sich dem Zeitgeist oft verweigert hat. Weil nicht alles optimiert, professionalisiert und technokratisiert wurde. Weil das Miteinander über allem steht.
Im Fussball hat man mit dem VAR versucht, die Wahrheit zu perfektionieren – und dabei oft nur das Vertrauen beschädigt.
Das Schwingen sollte diesen Fehler nicht kopieren.
Fehlentscheide gehören zum Sport wie blaue Flecken zum Schlussgang. Sie schmerzen. Sie regen auf. Sie sorgen für Diskussionen am Stammtisch und für Geschichten, die Jahre später noch erzählt werden.
Wer dies alles abschaffen will, bekommt vielleicht etwas mehr Korrektheit. Aber sicher weniger Herz. Und Schwingen ohne Herz ist nur noch Ringen im Sägemehl.
Zum Autor
Der Zürcher Journalist und Buchautor Thomas Renggli ist Schwing-Experte und Verfasser der Bestseller «Schwingen, die Bösen – ein Schweizer Phänomen» und «Brienzer, Kommerz und Halligalli».








