Vor WM 2026: Nati-Trainer Murat Yakin im grossen Nau-Interview
Murat Yakin und die Schweizer Nati reisen mit grossen Ambitionen an die WM 2026. Im Interview mit Nau.ch spricht der Nati-Coach über die Endrunde.
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Das Wichtigste in Kürze
- An der WM 2026 trifft die Nati in der Gruppenphase auf Katar, Bosnien und Kanada.
- Auf den Co-Gastgeber freut sich Nati-Coach Murat Yakin am meisten, wie er verrät.
Die WM 2026 steht vor der Tür – und die Schweizer Nati reist in der Gruppe B als Favorit in die USA.
Noch vor der Kaderbekanntgabe hat sich Nau.ch-Chefreporter Mischi Wettstein zum grossen Interview mit Nati-Trainer Murat Yakin getroffen. Im ersten Teil spricht «Muri» ausführlich über die Ausgangslage, seine Ziele – und sein Team.

Mischi Wettstein: Murat Yakin, wir starten defensiv: Den Gruppensieg darf man von der Nati an der WM 2026 erwarten?
Murat Yakin: Es ist sicher ein Ziel von uns. Wir treten in jedem Spiel an, um zu gewinnen. Wir haben eine gute Truppe und wissen, wie ein Turnier funktioniert. Es hängt aber immer auch davon ab, ob alle Spieler fit an Bord sind. Wir haben eine souveräne Qualifikation gespielt, entsprechend sind die Erwartungen an uns gestiegen.

Wettstein: Welcher Gegner ist für dich die grössere Knacknuss: Kanada oder Bosnien? Ohne respektlos zu sein: Über Katar brauchen wir in dieser Frage nicht zu sprechen.
Yakin: In die ersten beiden Partien gehen wir als Favorit. Im Startspiel wollen wir die ersten drei Punkte holen, aber es muss natürlich immer zuerst gespielt werden.
Gegen Bosnien haben wir noch nie gespielt, die haben ganz interessante Spieler. Wenn jemand Italien und Wales schlagen kann, dann kann er an einem guten Tag auch jeden anderen Gegner bezwingen.
Begegnungen gegen Teams von anderen Kontinenten sind oft schwer einzuschätzen. Aber es ist gut möglich, dass wir in der Partie mit Kanada um den Gruppensieg spielen werden.
Murat Yakin: «Freue mich auf das Spiel in Kanada»
Wettstein: Auf welches Team freust du dich am meisten?
Yakin: Auf die Partie in Kanada! Die Art und Weise, wie sie spielen, kennen wir noch von Katar. Sie spielen mit ihren hochathletischen Spielern einen intensiven Fussball. Das kommt uns vielleicht entgegen, wenn ein Team aktiv ist und mitspielen will.
Mit Teams, die hinten reinstehen, hatten wir auch mal Mühe. Aber auch dafür werden wir mit unseren Optionen in der Offensive Lösungen finden und dominant auftreten. Das Spiel gegen Kanada in Vancouver in diesem super Stadion wird sicher eine grosse Herausforderung.

Wettstein: Mit welchem Ziel fliegst du an diese WM?
Yakin: Wir haben unser Motto kommuniziert: Wir wollen die beste WM spielen, welche ein Schweizer Team bisher gespielt hat. Dabei geht es nicht nur um die Resultate, sondern auch um die Art und Weise, wie wir auftreten wollen. Dem wollen wir gerecht werden.
Nach der nicht einfachen Qualifikation wollen wir auch unseren Spielstil weiterentwickeln. In den ersten drei Spielen wollen wir zeigen, warum wir es verdient haben, dabei zu sein. Und an dieser WM eine neue Story schreiben.

Wettstein: Was machst du am 19. Juli?
Yakin: (lacht) Ich hoffe, ich sitze nicht vor dem TV. Aber man darf ja von vielem träumen. Wir wissen, dass wir an der EM sehr weit hätten kommen können, wir waren nahe am Halbfinal. Jetzt haben wir fast das gleiche Team, gespickt mit einigen guten jungen Spielern, die dazu gekommen sind. Die jungen Spieler von 2024 sind zudem gereift.
Wettstein: Dann dürfen wir davon ausgehen, dass du bis zum Final packen wirst?
Yakin: (lacht) Das ist jetzt sehr hochgegriffen. Aber man soll sich immer hohe Ziele setzen. Und ich weiss auch, dass meine Jungs sich hohe Ziele setzen. Aber zuerst wollen wir die Gruppenphase gut überstehen und uns in die Position bringen, dass der weitere Verlauf gut gelingt.

Wettstein: Ab wann ist die WM für dich ein Erfolg?
Yakin: Die Erfahrung aus den letzten beiden Turnieren, die ich erlebt habe, zeigt: Wir haben unsere Spieler so weit gebracht, dass wir an einem Turnier nicht nur dabei sein wollen, sondern gute Resultate holen und eine gute Spielweise zeigen können.
Wann ist es ein Erfolg? Wenn wir am Schluss als Team aufgetreten sind und alles gegeben haben. In der K.O.-Runde ist vieles möglich, das haben wir auch an der EM gesehen.
«Glaube, dass sich Gegner an uns orientieren sollen»
Wettstein: Etwas konkreter gefragt: Wäre der Nati-Trainer mit dem Viertelfinal zufrieden?
Yakin: Wir nehmen Schritt für Schritt, so weit will ich noch nicht denken. Es stehen jetzt erst einmal zwei Test- und drei Gruppenspiele auf dem Programm. Wir nehmen Spiel für Spiel, aber wir werden auf jeden Gegner gut vorbereitet sein.
Unser Scouting-Team und die Analysten leisten eine tolle Arbeit, wir können nicht überrascht werden. Ich glaube eher, dass sich die Gegner an uns orientieren sollen.
Wettstein: Eine klassische Frage vor einem Turnier: Wer sind deine Titelfavoriten?
Yakin: Es gibt die üblichen Favoriten: Frankreich könnte gefühlt vier Teams an die WM schicken. Für mich ist auch Argentinien immer ein Thema, sie haben eine ganze Fussballnation im Rücken. Spanien ist mein dritter Favorit.

Wettstein: Und wer könnte das grosse Überraschungsteam werden, ausser der Schweizer Nati?
Yakin: Der Fussball in Afrika hat sich sehr gut entwickelt, das hat man beim Afrika-Cup gesehen beim Final Marokko gegen Senegal. Wenn man sieht, bei welchen Clubs diese Spieler unter Vertrag stehen: Man muss sicher mit Marokko rechnen.
Wettstein: Was traust du unserem Nachbar Deutschland zu?
Yakin: Es hängt davon ab, ob sie ohne Nebengeräusche an ein Turnier gehen können. Das haben wir zuletzt besser gemacht, wir haben nur auf den Fussball geschaut und nicht bei politischen Diskussionen mitgemacht. Das verbraucht sehr viel Energie und kann ablenken.

Wettstein: In Deutschland wird viel über die Goalie-Thematik diskutiert – das kann der Nati nicht passieren: Du kannst aus dem Vollen schöpfen.
Yakin: Wie gesagt, wir haben eine super Truppe. Auch im Tor konnten wir uns nie beschweren: Gregor Kobel hat eine souveräne Quali gespielt und sich die Rolle des Stammgoalies absolut verdient.
Mit Yvon Mvogo haben wir eine super Nummer 2, die nie ein schlechtes Spiel gezeigt hat, wenn es ihn brauchte. Ihm fehlt vielleicht ein wenig die Turniererfahrung, aber er spielt eine überragende Saison bei Lorient.
Droht an der WM 2026 ein Lagerkoller?
Wettstein: Eine WM kann lange dauern. Was machst du, wenn der Lagerkoller aufkommt?
Yakin: Wir wissen ja, welche Mission wir anstreben. Am Schluss ist es für jeden ein Highlight und eine einmalige Gelegenheit, so etwas zu erleben. Darauf haben wir auch bei der Hotelsuche geachtet, es sollte nicht einfach ein «Bunker» sein.
Man braucht neben der täglich intensiven Arbeit auch Auslauf und die Nähe zur Stadt, damit man auch mal im Hafen von San Diego einen Kaffee trinken kann. Für die einen hat es einen Golfplatz, andere können relaxen, dazu hat es eine Pickleball-Anlage beim Hotel.
Wettstein: Dürfen die Spieler nach einem Sieg auch mal bei McDonald's vorbei?
Yakin: Da sind wir schon Profis genug. Wir haben Ernährungsspezialisten im Staff, die das kontrollieren. Wir verbieten es nicht. Nach einem Spiel auch mal geniessen, liegt durchaus drin.
Wettstein: Wie wichtig ist die Harmonie im Kader? Wie kannst du Spieler bei Laune halten, die wenig oder gar keine Einsätze haben?
Yakin: Wichtig ist, dass jeder seine Rolle von Anfang an kennt. Dann gibt es auch keine Missverständnisse. Damit sind wir immer am besten gefahren. Es braucht im Vorfeld viel Feingefühl und Kommunikation.
Das ist das Schöne bei dieser Truppe: Wir müssen nicht künstlich einen Spirit erzeugen. Es braucht keine Extra-Teamevents, die Mannschaft harmoniert. Wir können uns absolut auf den Fussball konzentrieren. Meine Türe steht aber für alle immer offen, wenn etwas ist.
Wettstein: Was müsste passieren, damit du einen Spieler nach Hause schickst?
Yakin: Grundsätzlich ist es wichtig, Probleme vorher zu antizipieren, damit es gar nicht so weit kommt. An so einen Punkt sind wir nie gekommen, mein Staff und ich haben ein gutes Gespür und sind gut vorbereitet.

Wettstein: Gibt es während der WM eine fixe Nachtruhe?
Yakin: Ich erwarte von den Spielern eine gewisse Eigenverantwortung und Professionalität. Wenn sie nicht bei der Nati sind, sind sie ja auch für sich selber verantwortlich. Ich bin nicht der Typ, der an den Hotelzimmern klopft und kontrolliert, ob alle im Bett liegen und das Licht gelöscht ist.
«Das Grundgerüst steht»
Wettstein: Wir müssen auch noch über das Nati-Kader sprechen. Ich behaupte: Die Spiele gegen Deutschland und Norwegen haben grundsätzlich keine neuen Erkenntnisse gebracht. Einige haben auch die Chance verpasst, sich aufzudrängen. Wie siehst du das?
Yakin: Im Gegenteil: Ich habe aus beiden Spielen wertvolle Erkenntnisse gezogen! Wir konnten das Wechselkontingent voll ausschöpfen und dadurch einige Spieler zusätzlich – und vor allem länger als fünf Minuten – beobachten.
Nach 20-30 Minuten sieht man mehr, zudem haben wir gegen Deutschland das System angepasst. Dort wurde uns von einem stärkeren Gegner bei einzelnen taktischen Elementen auch mal ein bisschen die Grenzen aufgezeigt.

Darum waren beide Tests für mich enorm wichtig. Nach anderthalb Jahren kam die Niederlage für uns vielleicht auch zum richtigen Zeitpunkt. Wir konnten nach der Partie zwei, drei gute Gespräche führen. Mir fehlte die Intensität gegen den Ball ein wenig, das war gegen Norwegen wieder besser.
Wettstein: Aber der Stamm ist ja klar, oder?
Yakin: Ja, das Grundgerüst steht. Wer zuletzt dabei war, hat eine grosse Chance auf das WM-Kader. Zeki Amdouni haben wir nach seiner Verletzung eingeladen und konnten mit ihm ein leichtes Training absolvieren. Jetzt hat er bei Burnley sein Comeback gegeben. Er ist auf einem guten Weg, das Timing stimmt.

Wettstein: Reicht es ihm noch ins WM-Kader?
Yakin: Wenn er medizinisch so weit ist und bei Burnley im Kader steht, kann er es schaffen.
«Traue Manzambi auch Real Madrid zu»
Wettstein: Johan Manzambi spielt bei Freiburg eine überragende Saison. Gehört er bereits in die Startelf?
Yakin: In erster Linie bin ich glücklich, dass wir auch dank Johan Manzambi mehrere Optionen zur Auswahl haben. In einem Turnier brauchst du starke Spieler, die du aus der zweiten Reihe bringen kannst. Das ist enorm wichtig, dass wir nicht nur die Stammelf haben.

Wettstein: Zurück zu Manzambi: Er kann ja mehrere Positionen spielen: Wo würde er der Nati am meisten bringen?
Yakin: Wir haben viele zentrale Mittelfeldspieler. Als ich Johan bei Freiburg zum ersten Mal sah, hat er gegen Leverkusen nach zwei Minuten einfach mal Granit Xhaka auf den Boden geschickt – als wäre nichts gewesen! Im Trainings-Camp in den USA habe ich gedacht: Es ist ja gut, bringt er diese defensiven Fähigkeiten mit.
Aber was er noch viel mehr mitbringt, sind seine offensiven Fähigkeiten. Damit hat er uns damals enorm überzeugt. Und wir brauchen ja nicht noch mehr Spieler in der Defensive oder in der Zentrale. Er arbeitet nach vorne und nach hinten enorm diszipliniert.
Offensiv ist er unberechenbar, darum wird er bei mir, solange ich im Zentrum diese Auswahl haben, der polyvalente Spieler sein. Er ist noch jung, aber er hat in kurzer Zeit schon zehn Länderspiele gemacht. Das ist erfreulich!

Wettstein: Zuletzt kam das Gerücht auf, dass Manzambi sogar bei Real Madrid auf dem Radar sei. Was sagt der Nati-Trainer dazu? Oder ist das vermessen?
Yakin: Also wenn ich es einem Spieler zutraue, dann ihm. Er ist so unbekümmert, so frisch. Ich habe ihn zudem als sehr bodenständig kennengelernt.
Wettstein: Wir haben schon über das Luxusproblem in der Zentrale gesprochen, das betrifft auch Denis Zakaria. Wie schwierig ist es, für ihn den richtigen Platz zu finden? Er ist ja auch polyvalent einsetzbar.
Yakin: Für gute Spieler finde ich immer irgendwo einen Platz. Da muss man sich auch ein bisschen anpassen, auch beim System – ohne das Grundgerüst stark zu verändern. Die Spieler müssen sich wohlfühlen, damit sie uns bei unserem Spielstil helfen können. Die Verbindungen zu den Spielern müssen funktionieren in unseren flexiblen Systemen.

Zwischen diesen können wir auch während des Spiels umschalten. Mit Denis haben wir einen Spieler, der bei Monaco Leader und Captain ist. Ich habe eine Idee und eine Vorstellung. Wichtig ist, dass der Spieler mit dieser Idee umgehen kann und sie annimmt.
«Ich will keine grossen Experimente machen»
Wettstein: Wie gut stehen eigentlich die Startelf-Aktien von Ardon Jashari? Er hat ja mit Granit Xhaka einen «Götti» im Team.
Yakin: Er ist jederzeit eine Option. Granit bildet seit Jahren mit Remo Freuler ein Duo, das sich blind versteht. Ardon ist auf einem guten Weg.
Wettstein: Gibt es noch Spieler, die im letzten Moment noch auf den WM-Zug aufspringen könnten? Ich hätte mit Jan Kronig und Michael Heule sonst zwei Namen bereit, die eine super Saison hinter sich haben.
Yakin: Sagen wir es so: Wenn ich nicht muss und die Spieler gesund sind, will ich keine grossen Experimente mehr machen. Das heisst nicht, dass ich es den Spielern nicht zutrauen würde oder, dass sie nicht ins Team passen würden.

Aber mit der USA-Tour, der Quali und den März-Terminen haben wir im letzten Jahr den Grundstein gelegt und wollen daraus eine Selektion machen. Wir haben aber sicher noch ein paar Spieler auf dem Radar, auch interessante Akteure aus der Schweiz.
Wettstein: Es wird also nicht wieder ein erstes grosses Kader geben, bei dem dann zwölf Spieler wieder nach Hause geschickt werden?
Yakin: Nein, dazu haben wir die Zeit nicht – zudem war 2024 die Konstellation anders. Wir hatten mit Breel Embolo und Denis Zakaria zwei Verletzte, dazu einige Angeschlagene. Zudem war Noah Okafor noch mit Milan in Australien unterwegs.
Damals war die Planung extrem unsicher. Ohne die zwölf Spieler, die dann wieder nach Hause mussten, wären wir zeitweise nur acht Spieler gewesen. Darum wollten wir auch für sie anständige Trainings gestalten. Dieses Jahr werden wir den Kader klarer definieren, wenn die Spieler gesund sind. Dazu gibt es eine Pikettliste.
Wettstein: Welches ist eigentlich Dein Lieblingssystem?
Yakin: (schmunzelt) Dasjenige, das zum Erfolg führt: Wir wollen flexibel sein!
Nach der sportlichen Auslegeordnung im ersten Teil geht es morgen mit dem zweiten Teil weiter. Dabei wird es in der Themenwahl mit Murat Yakin eher «locker flockig».

















