Thomas Bickel: «Frage ist, ob Nati noch genügend Hunger hat?»
Thomas Bickel war Teil der Schweizer WM-Mannschaft von 1994. Für das «Tagblatt» spricht er über die WM in Nordamerika.

Thomas Bickel (62), Leiter Scouting beim FC Zürich, war 1994 einer der Schweizer Helden, die sich nach 28 Jahren erstmals wieder für eine WM qualifizierten. 32 Jahre nach der ersten WM in den USA blickt er für das «Tagblatt» auf das kommende Turnier in Nordamerika.
Redaktion: WM in den USA, was löst das bei Ihnen aus?
Thomas Bickel: Dass es lange her ist (lacht). Wir lösten eine Euphorie aus. Wir gewannen 1993 im Hardturm das letzte Qualifikationsspiel mit 4:0 gegen Estland, ein tolles Spiel, ein tolles Ambiente.
Das Dessert war nachher die WM 1994 – und die war schlussendlich erfolgreich. Gerne erinnere ich mich da an die Partie gegen Rumänien…
Redaktion: … der unvergessene 4:1-Sieg im zweiten Gruppenspiel.
Bickel: Dann folgte ein 0:2 gegen Kolumbien. Trotzdem erreichten wir den Achtelfinal, wo wir auf Spanien trafen. Dort hatte ich nach etwa zehn Minuten beim Stand von 0:0 eine grosse Chance, das wäre das 1:0 gewesen. Es kamen danach viele auf mich zu und sagten: «Gopfertelli, wenn du dort das 1:0 schiesst …»
Redaktion: Die Schweiz verlor jedoch 0:3, das Turnier war vorbei.
Bickel: 0:3 war zu hoch, wir waren nahe dran. Der letzte Wille und der Hunger, noch weiter zukommen, hat ein wenig gefehlt. Es wäre mehr möglich gewesen, weil wir wirklich eine sehr gute Mannschaft hatten.

Redaktion: Im Vorfeld der WM sorgte damals der heutige Nati-Coach Murat Yakin für Wirbel …
Bickel: Muri?
Redaktion: Im Training verletzte Yakin Stürmer Adrian Knup am Knöchel, darum spielte Knup im Eröffnungsspiel gegen die USA dann auch nicht. Indirekt hatte Yakin, der nicht ins Turnier-Kader genommen wurde, Einfluss auf Ihre persönliche WM, oder? Sie hätten sonst im ersten Spiel kaum neben Chapuisat im Sturm gespielt.
Bickel: Ich weiss, dass Atze angeschlagen war, aber der Grund dafür war mir entfallen.
Redaktion: Damals war eine WM-Qualifikation etwas Besonderes. Heute ist für die Schweiz eine Weltmeisterschaft Business as usual. Seit 2006 ist es das 6. Turnier in Folge.
Bickel: Dass das normal ist, sagen Sie! Nochmals zurück zur WM 94. Die hat schon etwas ausgelöst, das unterschätzt man immer. Erstens war es eine tolle Mannschaft mit unterschiedlichen Typen.
Wir hatten mit Alain Sutter einen Langhaarigen, mit Georges Bregy einen Strategen und mit Roy Hodgson einen Trainer, der es geschafft hat, uns zu einem echten Team zu formen.

Zweitens hat unser Auftritt Sponsoren angezogen. Man hat gemerkt, dass man viel investieren muss, vor allem im Nachwuchs. Erst dadurch wurden die regelmässigen Qualifikationen für die Turniere möglich, aber …
Redaktion: Ja, bitte.
Bickel: Man muss schon sehen: Heute nehmen 48 Mannschaften teil. Zu meiner Zeit war die Qualifikation um einiges schwieriger. Jetzt musste man tatsächlich fast erwarten, dass sich die Schweiz qualifiziert. Dennoch ist die Entwicklung, was die Nati betrifft, sehr positiv.
Redaktion: Gab’s 1994 auch Lagerkoller?
Bickel: Jein. Nachdem man sich nach Jahrzehnten wieder für eine WM qualifiziert hatte, wollten die Verantwortlichen wollten keine Fehler machen. Bei der Organisation war man übervorsichtig. Als wir in Amerika angekommen sind, hiess es: Viel zu gefährlich, ihr dürft nicht raus, ja nicht, das ist unmöglich.
Die Reiserei ist auch nicht zu unterschätzen. Durch das hat es sich in die Länge gezogen, wir waren ja zuerst noch in Kanada, dann in Detroit. Hotel, Zimmer, trainieren, essen, Zimmer. Es war kein Koller, aber man hatte keine Abwechslung, man durfte nichts, was einem gutgetan hätte. Es gab keine Ausflüge, kein Internet, keine sozialen Medien.
Persönlich
Thomas Bickel, geboren am 6.10.1963 in Aarberg BE, spielte unter anderem für den FCZ (1985 bis 1988), GC (1988 bis 1995) und in Japan für Vissel Kobe (1995 bis 1997). Für die Nati erzielte der Mittelfeldspieler in 52 Spielen 5 Tore. Mit GC feierte er zwei Meistertitel und zwei Cupsiege. Nach dem Karrieren-Ende (wegen Rückenproblemen) stieg Bickel in die Gastronomie ein, führte über zehn Jahre die Bar Schmuklerski im Kreis 4. Seit 2013 ist er wieder beim FC Zürich. Er fungierte unter anderem vier Jahre als Sportchef und ist zurzeit Leiter Scouting. Bickel ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 14, 23 und 25 Jahren.
Redaktion: Wie sehen Sie die heutige Mannschaft?
Bickel: Sie ist erfahren und im Gegensatz zu uns bei der WM 1994 ist das nicht ihr erstes Turnier. Die meisten kennen sich. Man sieht auch bei Muri, worauf er als Coach Wert legt beim Aufgebot. Natürlich kann man über das Kader diskutieren.
Muri will das beste Gerüst, die beste Mannschaft haben, nicht die besten Einzelspieler. Die elf besten Spieler sind noch lange nicht die beste Mannschaft, das gilt auch für den Klubfussball. Muri hat aus meiner Sicht jedenfalls eine klare Linie und einen klaren Plan.

Und dass er seine Arbeit gut macht, sieht man unter anderem an der erfolgreichen Qualifikation. Mir macht die Mannschaft Spass. Die Frage ist, ob sie noch genügend Hunger nach Erfolg hat. Die Stützen waren schon ein paar Mal an einem solchen Turnier, ich denke da etwa an Xhaka oder Akanji.
Es ist eine interessante Mannschaft mit der nötigen Qualität. Der überwiegende Teil im Kader ist in der Lage, auf einem hohen Niveau spielen zu können. Man ist breit genug aufgestellt, kennt sich und fühlt sich miteinander verbunden.
Redaktion: Was kann die Schweizer Nati erreichen?
Bickel: Sie zählt nicht gerade zu den Favoriten, ist aber sicher ein Geheimtipp. Sie kann in einem Spiel jede Mannschaft schlagen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.








