Früher sagte Beckenbauer einfach: «Geht's raus und spielt's Fussball.» Nun heisst es ballferne Zehner oder asymmetrische Verteidiger. Ist der Fussball an sich oder nur sein Vokabular komplexer geworden?
Nürnbergs Trainer Robert Klauss hatte mit der Erläuterung seines Matchplans für Aufmerksamkeit gesorgt. Foto: Daniel Karmann/dpa
Nürnbergs Trainer Robert Klauss hatte mit der Erläuterung seines Matchplans für Aufmerksamkeit gesorgt. Foto: Daniel Karmann/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Fussball klang mal so einfach.

«Geht's raus und spielt's Fussball», lauteten die letzten Worte von Franz Beckenbauer, ehe der langjährige Teamchef die Nationalmannschaft auf den Rasen schickte. So lapidar die Anweisung klang, so genial war sie.

In den 80ern und Anfang der 90er brach Beckenbauer mit seinem Befehl so kurz vor dem Anstoss Spielpläne auf das Wesentliche herunter und baute so auch Druck bei den Spielern ab. Könnte man sich eine Weisheit der früheren Fussball-Lichtgestalt vorstellen, in der Begriffe wie Umschaltspiel oder Matchplan vorkommen?

Andere Zeiten, anderes Vokabular. Der Fussball als Spiel ist an sich immer noch allgemeinverständlich. Die branchenüblichen Begriffe sind es für den Fan nicht immer. Mitte Februar sorgte zum Beispiel Nürnbergs Trainer Robert Klauss für Aufmerksamkeit, als er nach dem 1:2 gegen St. Pauli von einem Journalisten gefragt wurde, weshalb sein Matchplan lange Zeit nicht erkennbar gewesen sei.

«Fällt mir jetzt schwer, die Frage zu beantworten, weil ich den Matchplan erkannt habe», antwortete Klauss und erläuterte: «Wir sind in einem 4-2-2-2 auf Pressinglinie eins angelaufen, wir wollten nach Ballgewinn über den ballfernen Zehner umschalten. Wir sind im Ballbesitz in eine Dreierkette abgekippt mit dem asymmetrischen Linksverteidiger und dem breitziehenden linken Zehner, so dass wir in ein 3-4-3 respektive 3-1-5-1, je nach dem wo sich Dove (Nikola Dovedan) aufgehalten hat, abgekippt sind.»

Klauss würde solche Erläuterungen nicht mehr wiederholen, «weil ich diese Aufmerksamkeit nicht brauche», wie er einräumte. Schämen müsse er sich aber für seine Aussagen sicher nicht. «Es gibt immer eine adressatengerechte Sprache», erklärte Klauss. «Ich habe in dem Moment aber keine Spieler vor mir sitzen gehabt, sondern Journalisten und interessierte Zuhörer. Da darf man sich als Trainer auch mit Fachsprache ausdrücken.»

Autor und Journalist Tobias Escher teilt diese Einschätzung. In ihrer ursprünglichen Funktion seien Fachbegriffe nötig, «um komplexe Sachverhalte herunterzubrechen. Für den Laien klingt es zunächst nicht einfacher, aber wenn ich von einem abkippenden Sechser spreche, dann erspare ich mir viel Arbeit und Zeit, weil ich nicht erklären muss, dass der Spieler im zentralen Mittelfeld sich nach hinten in den Raum der letzten Aufbaulinie fallen lässt», sagte der Mitbegründer des Taktikblogs «spielverlagerung.de».

Klauss habe auf der Pressekonferenz ausserdem zu einem bestimmten Publikum gesprochen. «Er redet mit Spielern anders als mit Trainerkollegen. Es ist ja die grosse Kunst, schwere Zusammenhänge so herunterzubrechen, dass sie jeder versteht», erläuterte Escher der Deutschen Presse-Agentur. «Du musst als Fussball-Trainer vielleicht hochtrabende Gedanken an elf plus x Individuen anpassen und für jeden einzelnen die richtige Ansprache finden.»

Fussball und Sprache entwickeln sich weiter. «Wenn man über Dinge tiefergehend nachdenkt, braucht man irgendwann neue Wörter, um das zu beschreiben, was man sieht», sagte Escher. «Die Trainerteams haben sich ja in den vergangenen 10, 20 Jahren auch weiterentwickelt. Früher stand da nur ein Trainer und vielleicht noch Co-Trainer, mittlerweile hat man für jeden Bereich einen Experten, und diese Experten bringen neue Facetten und auch Begriffe in die Debatte ein, die dabei weiterhelfen, um miteinander über die neuen Phänomene sprechen zu können.»

Vor allem in der Branche Profifussball muss man Entwicklungen mitbekommen, Trends und Moden am Besten sogar vorgeben. Lerne man nicht dazu, sagte Nürnbergs Sportvorstand Dieter Hecking den «Nürnberger Nachrichten» mit Blick auf den Fall Klauss, dann «droht man abgehängt zu werden.» In der Trainerausbildung werde heutzutage eben «anders über Fussball gesprochen, das ist so.»

Fussball und Fachsprache - es ist eben auch eine Generationenfrage. «Vielleicht macht man sich manchmal die Illusion und meint, dass früher alles einfacher war und heute alles unnötig kompliziert ist», meinte Escher und sprach zum Beispiel von der «falschen Neun», über die schon in den 30ern das Fachmagazin «Kicker» geschrieben habe. «Aber vieles ist immer noch so alt wie der Fussball selbst.»

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