Ralph Krueger: «Trotz Parkinson-Diagnose nie in ein Loch gefallen»

Thomas Renggli
Thomas Renggli

Bern,

Ex-Naticoach Ralph Krueger (67) erklärt die National League zur ausgeglichensten Liga Europas. Zudem spricht er über den Umgang mit seiner Parkinson-Diagnose.

Ralph Krueger
Ex-Nati-Coach Ralph Krueger. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Ralph Krueger spricht im grossen Interview über den Saisonstart in der National League.
  • Der Ex-Nati-Coach sieht mehrere Favoriten auf den Titel.
  • Zudem spricht der 67-Jährige über seine Parkinson-Diagnose – und schwärmt von der Heim-WM 2026.

Davos im Spätsommer. Ralph Krueger ist nach einem längeren Aufenthalt in Kanada wieder in seiner Wahlheimat angekommen. Zum Start der neuen Saison spricht der Ex-Nati-Coach über die National League. Und auch über seine Parkinson-Erkrankung.

Redaktion: Ralph Krueger: Wie schwierig ist es, diese National League vorauszusagen?

Ralph Krueger: Extrem schwierig. Du kannst zehn Leute nehmen und sie bitten, eine Prognose aufzustellen – und du bekommst vermutlich zehn verschiedene Meinungen. Bei der Abstufung zwischen den Top 6 und den restlichen Teams einigt man sich vielleicht noch relativ schnell.

Aber wer wirklich heraussticht, ist schwierig zu sagen. Ich glaube, wir haben innerhalb der Kerngruppe des Schweizer Eishockeys die ausgeglichenste Liga Europas. Mit Abstand. Wir reden teilweise nur über Prozentpunkte, die den Unterschied ausmachen. Ein paar Prozent entscheiden darüber, ob du im Playoff bist oder gegen den Abstieg spielst.

Ralph Krueger
Illustrer Kreis: Ralph Krueger (2. von rechts) steigt in die Ruhmeshalle des Welteishockeys auf. - Nau.ch

Redaktion: Was sind die entscheidenden Kleinigkeiten?

Krueger: Coaching, Ausländer und die Gesundheit der Spieler. Dazu kommt das Momentum. Es gibt so viele Faktoren, die entscheiden, wo du landest. Deshalb kann man vor einer Saison kaum eine genaue Rangliste voraussagen.

Redaktion: Die ZSC Lions gehen mit Claude Julien als neuem Trainer in die Saison. Was erwarten Sie von ihm?

Krueger: Claude ist ein absoluter Topprofi. Wir waren mit dem Team Canada an den Winterspielen in Sotschi zusammen. Er setzt auf eine minutiöse Organisation und kann hervorragend mit Spielern umgehen. Sein Eishockeywissen ist enorm. Aber er muss unsere Eishockeywelt kennenlernen. Wir sind nicht die NHL. Das ist eine andere Dynamik.

Claude Julien
Claude Julien trainiert seit dieser Saison den ZSC. - keystone

Redaktion: Wie gross ist der Druck, wenn man eine Mannschaft wie die ZSC Lions übernimmt?

Krueger: Wenn du eine solche Mannschaft übernimmst, sind die Erwartungen gross. Aber ich glaube nicht, dass ihn dieser Druck besonders beschäftigt. Er wird sich auf seine Gruppe konzentrieren und systematisch neue Dinge einbringen. Man muss ihm Zeit geben. Es dauert zwei oder drei Monate, bis ein Trainer das richtige Potenzial einer Mannschaft wirklich erkennt. Wenn sich so viel verändert, braucht es Geduld.

Redaktion: Der ZSC gehört immer zum Kreis der Titelanwärter. Wer sind seine grössten Konkurrenten?

Krueger: Fribourg wird wieder eine Rolle im Kampf um den Titel spielen. Auch Zug gehört für mich klar in die Spitzengruppe.

Redaktion: Und der SC Bern?

Krueger: Beim SC Bern ist es schwierig, aus der Distanz eine faire Diagnose zu stellen. Ich kenne einige Schlüsselspieler nicht gut genug. Aber die Berner haben mit ihrem Headcoach Serge Aubin einen Mann, der definitiv zu den Toptrainern Europas gehört.

Er hat lange für meinen ältesten Eishockeyfreund Peter John Lee in Berlin gearbeitet. Ich bin überzeugt, dass Serge das Potenzial in Bern ausschöpfen kann. Er hat viel Selbstvertrauen und wird mit dem Druck umgehen können. Er ist ein Vollprofi.

SCB
Der SCB im Startspiel gegen den ZSC. - keystone

Redaktion: Fribourg-Gottéron geht erstmals als Schweizer Meister in eine Saison. Was trauen Sie dem Team zu?

Krueger: Fribourg ist auf dem Papier sehr stark. Der Klub ist sehr gut geführt und breit aufgestellt und wird definitiv wieder ein Faktor sein. Aber auch dort gibt es Veränderungen. Spieler gehen, neue kommen. Mit Attilio Biasca hat ein Schlüsselspieler den Verein verlassen. Die Frage ist immer: Wie funktioniert die neue Konstellation? Wie ist die Dynamik in der Kabine? Das Gleiche gilt für Davos oder Zürich.

Redaktion: Auch der EV Zug gehört für Sie zur oberen Gruppe.

Krueger: Sicher. Und bei Zug beginnt natürlich vieles bei Torhüter Leo Genoni. Ich finde es toll, dass er noch einige Jahre spielen will. Er ist eine grosse Persönlichkeit.

Und jeder Schweizer Torhüter, den wir auf diesem Niveau behalten können, ist für die Nationalmannschaft wichtig. Es wäre ein Horror für den Verband, wenn nur noch ausländische Goalies in der Liga spielen würden. Leo ist der Leader – in Zug und in der Nationalmannschaft. Wenn du einen Leo Genoni in der Mannschaft hast, dann spielst du immer vorne mit.

Redaktion: Und dann gibt es Klubs wie Rapperswil-Jona.

Krueger: Das sind quasi die romantischen Klubs. Sie kämpfen um jeden Meter auf dem Eis und um jeden Franken im Budget und haben eigentlich nur eine Chance, wenn sie in jedem Bereich an ihre Grenzen gehen. Diese Vereine müssen wie eine Familie funktionieren – ein starkes Team auf und neben dem Eis bauen. Und genau das tut der Liga gut.

Die Lakers zeigen immer wieder, dass es möglich ist, mit bescheideneren Voraussetzungen in der oberen Hälfte mitzuspielen und die Playoffs zu erreichen. Wenn sie dann dort überraschen, ist dies jedes Mal etwas ganz Besonderes.

Bist du froh, hat die National League wieder losgelegt?

Redaktion: Ein grosses Thema ist der Nachwuchs…

Krueger: ... weil dort die Entwicklung beginnt. Ich habe es immer gesagt und sage es wieder: Niemand im Schweizer Eishockey darf den Blick auf den Nachwuchs verlieren. In den 1990er Jahren konnte die Schweiz dort sehr viel verbessern.

Wir haben begonnen, viel mehr gegen die grossen Nationen im Juniorenbereich zu spielen. Dadurch hatten die Spieler eine andere Einstellung. Wenn du als Junior immer wieder gegen die Besten spielst, hast du später nicht mehr diese riesige Ehrfurcht vor ihnen.

Redaktion: Was hat sich seither am stärksten verändert?

Krueger: Als ich Ende der 1990er Jahre kam, waren wir im Aufbruch. Wir wollten eine kompetitive, grössere Nation werden, waren aber noch nicht dort. Es dauerte bis zur WM 2003 in Finnland, bis wir den Durchbruch nachhaltig geschafft hatten und sagen konnten: Wir gehören solide zu den Top acht.

Heute ist die Erwartungshaltung eine ganz andere. Die Schweiz gehört nicht nur zur oberen Hälfte. Sie kann bei jedem Turnier Weltmeister werden.

Redaktion: Ein Problem des Schweizer Eishockeys sehen viele bei der Swiss League.

Krueger: Der Druck von unten ist in jeder Liga wichtig. Ich durfte dies im englischen Fussball erleben. Die starke Championship ist ein Grund, weshalb die Premier League so erfolgreich ist. Ich bin ein riesiger Fan von Auf- und Abstieg. Das gehört für mich zur romantischen Seite des europäischen Sports.

Aber natürlich muss die zweite Liga stark sein. Wenn dort das Fundament fehlt, kann man nicht einfach die Durchlässigkeit erhöhen.

Ralph Krueger
Ralph Krueger: «Der Druck von unten ist in jeder Liga wichtig. Ich durfte dies im englischen Fussball erleben.» - Nau.ch

Redaktion: Sie haben die WM 2026 in Zürich und Fribourg nochmals aus einer besonderen Perspektive erlebt.

Krueger: Als ich vor einigen Wochen aus Kanada in die Schweiz zurückgereist bin, war ich an einem Abend in Zürich – und plötzlich kamen all diese Erinnerungen an die WM im Mai wieder hoch – auch wie nahe ich bei den Fans war. Ich bin vorher noch nie mit dem Tram gefahren.

Während der WM bin ich vielleicht 50 Mal mit dem ÖV zum Spiel gefahren – und hatte dort wunderbare Erlebnisse und Begegnungen. Was wir 17 Tage lang erleben durften, war absolute Weltklasse.

Ralph Krueger
Die Eisgenossen werden an der Heim-WM erst im Final von Finnland gestoppt. - keystone

Nicht nur, weil wir wieder im Final waren und Silber gewonnen haben. Das Eishockeyfest war schier unglaublich. Und dieser Eindruck zieht sich durch alle Regionen der Schweiz. Das war nicht nur für Zürich und Fribourg ein Gewinn. Es war ein Gewinn für die gesamte Schweizer Eishockeyszene.

Redaktion: Während dieser WM haben Sie auch Ihre Parkinson-Erkrankung öffentlich gemacht. Wie haben Sie die Reaktionen erlebt?

Krueger: Sehr warm. Mehrmals am Tag kam jemand auf mich zu. Leute erzählten mir, dass ihr Vater oder Grossvater Parkinson hatte oder sie selbst betroffen waren. Ich fand das überhaupt nicht unangenehm. Ich bin nicht Parkinson. Es ist ein Teil von mir.

Wie wenn jemand einen Knochen gebrochen hat – dann spricht man darüber. Und wichtig ist: Ich habe keine lebensbegrenzende Diagnose. Also sag ich mir: Mach weiter und mach das Beste aus deinem Leben.

Ralph Krueger
Ralph Krueger spricht auch über seine Parkinson-Krankheit. - Sabine Rock

Redaktion: Hat Ihnen Ihre Sportmentalität dabei geholfen?

Krueger: Hundertprozentig. Ich rede seit Ewigkeiten über den Mindset, den wir in schwierigen Situationen brauchen. Und dann stehst du vor einer Aufgabe, die natürlich ganz anders ist als eine Niederlage im Sport. Deine Worte tragen plötzlich mehr Bedeutung und Gewicht.

Du hast eine Verantwortung, auch anderen ein Vorbild zu sein. Was ich sagen kann: Ich bin nie in ein Loch gefallen. Ich habe immer gesagt: Was kann ich aus diesem Tag machen? Was sind meine Möglichkeiten? Und ich darf festhalten: Bis jetzt geht es gut.

Redaktion: Themawechsel. Was erwarten Sie von Marc Lüthi als Verbandspräsident?

Krueger: Marc hält alle Trümpfe in den Händen, um das Schweizer Eishockey auf das nächste Level zu führen. Das Wichtigste wird zunächst sein, Harmonie zwischen den verschiedenen Ebenen herzustellen. Ich habe immer wieder erlebt, dass verschiedene Kräfte in unterschiedliche Richtungen gezogen haben.

Marc kennt alle diese Kräfte. Ich bin überzeugt, dass er einen gemeinsamen Plan schaffen kann. Es muss nicht sein, dass sich alle permanent umarmen und zusammen in die Ferien reisen. Aber alle müssen an einem Plan beteiligt sein. Denn die nächste Stufe wird uns nicht geschenkt. Wir müssen sie verdienen – zuerst, um unsere Position zu halten, und dann, um weiter zu wachsen.

Marc Lüthi
Der neue Schweizer Hockey-Boss Marc Lüthi. - keystone

Redaktion: Wann wird die Schweiz endlich Weltmeister? Fünf Silbermedaillen sind doch genug.

Krueger: «Genug» ist das falsche Wort. Man sollte eine Silbermedaille immer nehmen. Fünfmal Silber ist eine Bestätigung dafür, welch grossartige Entwicklung das Schweizer Eishockey in den vergangenen 25 Jahren durchlaufen hat – und dass der Titel immer möglich ist.

Redaktion: Weshalb nicht gleich 2027 in Deutschland?

Krueger: Natürlich hängt viel davon ab, wie viele NHL-Spieler kommen. Wenn wir wieder eine grosse Zahl Nordamerika-Profis im Team haben, können wir bis zum Ende dabei sein. Fünf Silbermedaillen sagen vor allem eines: Niemand wäre mehr überrascht, wenn die Schweiz beim nächsten Turnier Weltmeister wird.

Kommentare

Weiterlesen

Ralph Krueger
12 Interaktionen
Ex-Nati-Coach
Ex-Eishockey-Naticoach
2 Interaktionen
SC Bern-Spieler
Kärcher AG
5 Interaktionen
40 Leute im Einsatz

MEHR AUS STADT BERN

bakery
20 Interaktionen
Nicht Öko?
Thomas Knutti Laborfleisch
12 Interaktionen
«Wäre verheerend»
SC Bern HC Davos
1 Interaktionen
SCL unterliegt Lions
Eventhalle Bern
2 Interaktionen
Platz für 1500 Leute