«Es gab Tage, an denen ich es gehasst habe, ins Training zu fahren»
Der ehemalige Schweizer Eishockeytorhüter Jonas Hiller spricht im Interview unter anderem über seine Zeit in Calgary und wieso er für eine Ausländerreduktion in der National League plädiert.

Kein Schweizer Torhüter hat annähernd so viele NHL-Partien bestritten wie Jonas Hiller mit seinen 404 Einsätzen. Der Appenzeller spricht über seine Zeit in Calgary unter Bob Hartley, über schnelle Autos – und erklärt, wieso er nach wie vor für eine Ausländerreduktion in der National League plädiert.
SLAPSHOT: Jonas Hiller, wie lebt es sich als Hockeyrentner?
Jonas Hiller: Ich vermisse mein Leben als Profi nicht. Die Torhüterausrüstung habe ich seit dem Rücktritt kein einziges Mal mehr getragen.
SLAPSHOT: Wie kommt das?
Hiller: Ich glaube, dass es frustrierend wäre. Logischerweise werde ich nie mehr das Niveau von einst erreichen. Und ich bin zu sehr Perfektionist, als dass mich das nicht ärgern würde. Da lasse ich es lieber ganz bleiben.
SLAPSHOT: Mit Biel hätten Sie eigentlich 2020 als Tabellenfünfter die Playoffs geschafft. Dann kam Corona und mit der Saison war auch Ihre Karriere zu Ende. Haderten Sie mit dieser Art des Abschieds?
Hiller: Ich hätte mir zwei schönere letzte Wochen der Karriere vorstellen können. Aber im Grossen und Ganzen ist das bei einer Laufbahn von fast zwei Jahrzehnten für mich ehrlich gesagt, nicht so entscheidend. So habe ich immerhin das letzte Spiel meiner Karriere gewinnen können. Das können nicht viele von sich behaupten (lacht).
SLAPSHOT: Dachten Sie nicht darüber nach, doch noch ein Jahr anzuhängen?
Hiller: Ich merkte, dass es mit der Motivation, meinen Körper (fast) täglich an das Leistungslimit zu treiben, immer schwieriger wurde. Wenn es die Option gäbe, erst im Februar in die Saison einzusteigen und nur Playoffs zu spielen, hätte ich noch lange weitergemacht.
Aber mir ist auch klar, dass es das Sommertraining, die Vorbereitung und die Qualifikation braucht, um in den Playoffs die besten Leistungen abrufen zu können. Dazu kam dann noch, dass die darauffolgende «Covid-Saison» ohne Zuschauer stattgefunden hat. Das wäre nichts für mich gewesen. Ich war erleichtert, dass kein Sommertraining mehr auf mich wartet.
Und ich Dinge tun konnte, die vorher tabu waren, Skifahren etwa.
SLAPSHOT: Es ist schwierig, in der Privatwirtschaft auch nur annähernd so viel zu verdienen, wie man das als Top-Spieler tut. War das keine Überlegung?
Hiller: Mehr Geld bedeutet nicht mehr Glück, diese Gleichung geht nicht auf. Ich stellte mir die Sinnfrage: Ist es das wert? Und habe die Konsequenzen gezogen.

SLAPSHOT: Apropos Geld: Sie waren an einer Firma beteiligt, die Kites entwickelte und produzierte. Sie existiert heute nicht mehr. Was ist geschehen?
Hiller: Ich habe in dieser Geschichte viel Lehrgeld bezahlt. Eigentlich hätte ich viel früher hinwerfen müssen, aber ich kann ziemlich stur sein und glaubte an das Produkt und die Leute. Leider ist es nicht aufgegangen. Es gibt in diesem Markt grosse Player, gegen die man als kleines Unternehmen nur schwer ankommt.
SLAPSHOT: Eishockey hat Ihr Leben so lange geprägt, kann man da wirklich über Nacht von 100 auf 0 runterschalten?
Hiller: Wenn sich dein Alltag so lange um die gleichen Dinge dreht, hast du das irgendwann gesehen. Bei mir war es jedenfalls so. Ich mag Eishockey immer noch, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich gehe mit den Nachwuchsgoalies des SC Bern alle zwei Wochen aufs Eis. Ich bin Präsident der Spielergewerkschaft Sihpu.
Aber es gibt einfach auch viele andere Dinge, die mir wichtig sind. Ich geniesse es, dass meine Tage nicht mehr fremdbestimmt sind. Dass ich mich gegenüber niemandem rechtfertigen muss, wie ich sie nutze. Das ist ein enormes Privileg.
SLAPSHOT: Sie waren ein Autonarr mit einer respektablen Sammlung und nutzten in Biel freie Tage manchmal, um auf deutschen Rennstrecken herumzubrettern.
Hiller: Ach, die meisten habe ich verkauft. Den Porsche habe ich gegen einen Camper eingetauscht. Auch da: Sichtweisen und Prioritäten verändern sich. Während der Karriere waren die Autos eher ein Ausgleich.
Ich habe gerne nach dem Training ein bisschen in der Garage an einem Oldtimer herumgeschraubt. Der Job eines Torhüters ist per se sehr reaktiv. Da tat etwas kreative Arbeit gut.
SLAPSHOT: Einst besassen Sie auch ein Rennpferd …
Hiller: Eine noch sicherere Art, Geld aus dem Fenster zu werfen als eine Kite-Firma zu besitzen. Na ja, man lernt dazu.
SLAPSHOT: Geblieben ist Ihr Flair für den Wassersport.
Hiller: Richtig. Ich verbringe viel Zeit auf dem Wasser. Vor allem das Fliegen über das Wasser mit einem Hydrofoil fasziniert mich extrem. Am liebsten Stand-Up paddle downwind foilen. Wahrscheinlich würde es den Rahmen sprengen, das hier zu erklären. Aber wer eine Erklärung braucht, kann sich an mich wenden (lacht).
SLAPSHOT: Sieht man Sie dort einmal im Weltcup?
Hiller: Es gibt viele verschiedene Sportarten und Alterskategorien. Heute würde ich sagen: Wieso nicht? Das ist schon ein Aspekt, den ich aus dem Athletendasein vermisse: Den Körper pushen. Intensiv auf ein Ziel hinarbeiten. Den inneren Schweinehund überwinden.
SLAPSHOT: Haben Sie es darum so weit gebracht? Weil Sie ein Meister darin waren, sich zu pushen?
Hiller: Ich hatte das Glück, dass ich sehr gute, fordernde Trainer hatte. Marcel Kull in Davos und später Francois Allaire. Ohne Allaire wäre ich nicht so schnell in der NHL gelandet, vielleicht sogar nie, ich verdanke ihm viel.
Er organisierte ja jahrelang im Sommer ein Camp in Verbier. Und er hatte das Ohr der Klubverantwortlichen in Anaheim.
SLAPSHOT: Anaheim passte zu Ihnen, Sie schienen im kalifornischen Lebensentwurf voll aufzugehen.
Hiller: Ja, Anaheim war eine wunderbare Zeit, wahrscheinlich die schönste meiner Karriere. Es war eine krasse Umstellung: Von Davos mit gefühlt einem Lichtsignal im ganzen Dorf zu achtspurigen Autobahnen. Den California-Lifestyle konnte ich jedoch nur 2012 während dem NHL-Lockout voll ausleben.
Da war dann am Vormittag Training und am Nachmittag Beachvolleyball am Strand. Manchmal sind wir zum Kitesurfen nach Mexiko gefahren. Ansonsten war ich ja wegen des Eishockeys da, was für mich immer oberste Priorität hatte. Die Lockerheit der Menschen hat mir gefallen, ich habe davon eine gute Portion mitgenommen.
SLAPSHOT: Nach sieben Jahren in Anaheim zogen Sie 2014 nach Calgary weiter. Und gerieten dort mit dem ehemaligen ZSC-Trainer Bob Hartley aneinander.
Hiller: Begonnen hat das Abenteuer Calgary sehr gut. In der ersten Saison hatten wir alle Erwartungen übertroffen. Leider kamen dann in der zweiten Saison die Dinge an die Oberfläche, die auch in der ersten Saison vorhanden waren, aber dank des Erfolges nur unterschwellig auftraten.
Man weiss vorher ja selten, was einen erwartet. Wie das Teamgefüge aussieht. Ich habe in Calgary nie richtig ins Team gefunden. Die jungen Spieler hatten sehr viele Freiheiten, die haben sich Sachen erlauben können, die für mich als Rookie völlig tabu gewesen wären.
Wenn also diese Spieler am Vorabend im Ausgang waren und dann null Backchecking betrieben, dann ist das suboptimal. Aber bei Niederlagen war der Torhüter Schuld. Mental macht das schon etwas mit dir.
Du spielst nicht mehr, um möglichst gut zu sein. Sondern nur noch, um keine Fehler zu begehen, die dem Coach einen Grund liefern könnten, dich in der nächsten Partie nicht mehr einzusetzen. Es gab in Calgary Tage, an denen ich es gehasst habe, ins Training zu fahren.
SLAPSHOT: Gab es keine Möglichkeit, den Klub zu wechseln?
Hiller: Mein Agent Alain Roy hat es versucht, es hätte auch Möglichkeiten gegeben. Leider war Calgary am Schluss mit dem ausgehandelten Deal doch nicht mehr einverstanden und ich musste die restliche Saison in Calgary absitzen. Da wurde es noch schwieriger mich zu motivieren oder aufs Eishockey zu freuen.
SLAPSHOT: Also war der Wechsel nach Biel 2016 eine Erlösung?
Hiller: Schon. Ich brauchte einen Tapetenwechsel und eine neue Herausforderung. In Biel hat vieles gepasst. Es war aber auch da nicht immer einfach mit gleich zwei Trainerwechseln in den ersten 18 Monaten. Mit der Verpflichtung von Antti Törmänen trat dann die erhoffte Konstanz an der Bande ein und er hatte definitiv einen riesigen Anteil daran, dass wir uns in Biel von einem Abstiegskandidaten zu einem Top-Team entwickelt haben.
Sein Umgang mit den Spielern war so respektvoll, er war immer offen für Feedbacks und strahlte gleichzeitig diese natürliche Autorität aus. Als Spieler kannst du dir keinen besseren Coach wünschen. Ja, es hat nicht zu einem Titel gereicht, aber wir dürfen auf die Entwicklung sehr stolz sein.
SLAPSHOT: Heute führen Sie die Spielergewerkschaft Sihpu. Man hat den Eindruck, dass es um diese zuletzt ziemlich ruhig geworden ist.
Hiller: Das täuscht, wir sind sehr aktiv und haben mit Christian Ziörjen einen Geschäftsführer eingestellt. Aber wir bewegen uns halt schon eher hinter den Kulissen. Mir ist es wichtig, dass die Spieler eine Stimme haben, die gehört wird. Es gibt viel Verbesserungspotenzial im Schweizer Eishockey.
SLAPSHOT: Wie viele Mitglieder hat die Gewerkschaft?
Hiller: Man ist automatisch Mitglied, der Jahresbeitrag beläuft sich auf knapp 130 Franken. Selbstverständlich kann man austreten, aber bis jetzt gab es noch keine entsprechenden Anträge. Die Mitgliederbeiträge werden über die Mannschaftskassen finanziert.
SLAPSHOT: Diese füllen sich ja unter anderem durch Bussgelder. Was war der höchste Betrag, den Sie je zahlen mussten?
Hiller: Intern kommt mir nichts in den Sinn. Aber in die Liga wurde ich für die Schwalbe in den Playoffs gegen Davos 2018 mit 2500 Franken gebüsst, glaube ich. Rückblickend war das eine sehr peinliche Aktion, ich habe mich geschämt. Aber im Leben macht man manchmal Fehler.
SLAPSHOT: Ihre Positionen sind klar: Sie sind für eine Reduktion der National League auf zwölf Teams. Und Sie sehen die 2022 vorgenommene Aufstockung auf sechs spielberechtigte Ausländer kritisch.
Hiller: Wahrscheinlich werden wir eine Reduktion auf zwölf Teams nicht mehr erleben. Das ist eben genau Teil des Problems: Dass jeder nur an sich denkt und nicht ans Wohl des Schweizer Eishockeys. Man wird diese Mehrheit leider nicht mehr finden. Was die Ausländer angeht:
Es gab Klubs, die das Kontingent sogar gerne auf zehn Spieler aufgestockt hätten. Dagegen haben wir uns gewehrt. Aber ja, ich finde auch sechs zu viel. Vier war eine gute Zahl. Schon nur deshalb, weil sie garantiert, dass immer mindestens ein Schweizer auf dem Eis steht.
Heute sehen wir Powerplay-Formationen, in denen fünf Ausländer eingesetzt werden. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das in der Nationalmannschaft rächt. Vier wären auch für die Schweizer Goalies besser.
SLAPSHOT: Sorgen Sie sich um den Torhüternachwuchs?
Hiller: Ich stelle fest, dass der Mut oftmals fehlt, auf junge Goalies zu setzen. Man muss ihnen eine Chance geben und darf nicht erwarten, dass es fertige Spieler mit schön abgerundeten Persönlichkeiten sind.
Arno Del Curto hat das in Davos immer wieder gemacht. Wer tut es denn heute noch? Man scheut die Risiken. Und wenn es doch einmal geschieht, schwebt immer das Damoklesschwert der Verpflichtung eines ausländischen Goalies über den Spielern.
Das sind schwierige Voraussetzungen, um sich zu entwickeln. Wie soll da jemand das Gefühl haben, dass auf ihn gebaut wird? Man wird nicht mental abgehärtet geboren. Sondern man eignet sich das an. Das braucht Zeit, man muss Erfahrungen sammeln. Auch negative. Ohne gleich ausgetauscht zu werden.
SLAPSHOT: Welche Themen stehen bei der Sihpu sonst auf der Agenda?
Hiller: Aktuell ist vor allem die hohe körperliche Belastung mit vielen Spielen innert kurzer Zeit ein grosses Thema. Die vielen Back-to-Back-Partien innert 24 Stunden sind ein Problem. Und es stellen sich grundsätzliche Fragen.
Zum Beispiel ob es wirklich richtig ist, dass bei Spieldaten der Champions Hockey League keine anderen Partien stattfinden können. Ob es alle Nationalmannschaftspausen braucht. Für uns geht es darum, Wege zu finden, wie man die Belastung und somit auch Verletzungen reduzieren kann.
SLAPSHOT: Wünschen Sie sich einen Gesamtarbeitsvertrag nach NHL-Vorbild?
Hiller: Meiner Meinung nach wäre das die beste Variante. Leider hiess es bisher immer: Das geht nicht, es ist zu kompliziert. Was ein sehr schwaches Argument ist.
Es wäre beispielsweise gut, wenn es für die jungen Spieler «Entry Level»-Verträge nach NHL-Vorbild gäbe. Heute ist es ein bisschen Wildwest. Zudem könnte so ein Finacial-Fairplay eingeführt werden, ohne dass das Kartellgesetz angepasst werden müsste.
Jonas Hiller
Geboren: 12. Februar 1982 Grösse: 187 cm
Gewicht: 87 kg
Klubs: EHC Biel, Calgary Flames (NHL), Anaheim Ducks (NHL), Portland Pirates (AHL), HC Davos, HC La Chauxde-Fonds, Lausanne HC, EHC Lenzerheide-Valbella, SC Herisau
Grösste Erfolge: 404 NHL-Spiele, 3x Schweizer Meister mit Davos (2002, 2004, 2007)
SLAPSHOT: Im Februar stehen in Milano Cortina die Olympischen Spiele auf dem Programm. Sie bestritten die Turniere in Vancouver 2010, Sotschi 2014 und Pyeongchang 2018. Welche Erinnerungen bleiben?
Hiller: Für mich waren das absolute Höhepunkte der Karriere. Vor allem Vancouver. Olympisches Eishockey in Kanada – besser geht es nicht. Das olympische Dorf hat schon ein spezielles Flair. Ich schätzte es, mich mit anderen Athleten austauschen zu können, zum Beispiel mit Dario Cologna.
Sotschi war speziell, weil es mich an eine Art Disneyland erinnerte. Die Realität ausserhalb des Olympiakomplexes war eine völlig andere.
Ich habe mich dann mal auf eine Erkundungstour aus dem behüteten Zentrum heraus begeben. Und war dann doch froh, dass ich das am Nachmittag und nicht am Abend gemacht habe. Ohne Tageslicht wäre das unheimlich gewesen.












