Nati-Star Rubin beim BSV: «War nie Plan, scho jetzt zurückzukommen»

Sébastian Lavoyer
Sébastian Lavoyer

Bern,

Nach acht Jahren Bundesliga ist Lenny Rubin zurück in der Schweiz. Der Nationalspieler spricht über Rückschläge und eine schwierige Phase seiner Karriere.

Lenny Rubin ist «nicht nach Bern gekommen, um gegen den Abstieg zu spielen».
Lenny Rubin ist «nicht nach Bern gekommen, um gegen den Abstieg zu spielen». - Daniel Zaugg

Bis zur Unterschrift war da noch diese Resthoffnung. Vielleicht würde doch noch ein Bundesligist anrufen. Vielleicht könnte Lenny Rubin seine Karriere im Ausland fortsetzen, wie er es geplant hatte.

Dann setzte der 30-Jährige am 22. August seine Unterschrift unter einen Vertrag mit dem BSV Bern – und aus einer Zwischenlösung wurde plötzlich ein voraussichtlich einjähriger Abstecher in die Heimat.

Wenige Tage später sitzt Rubin auf den leeren Rängen der Mobiliar Arena in Gümligen. Rund 1500 Sitzplätze gibt es hier, insgesamt finden bis zu 2400 Menschen Platz. Jetzt ist es ruhig. Ab und zu huscht ein anderer Spieler vorbei.

Sportchef Guido Frei unterbricht das Gespräch irgendwann kurz, sagt Hallo und lässt uns dann in Ruhe weiterreden. Denn Lenny Rubin hat einiges zu sagen.

Anfangs noch zögerlich, aber je länger das Gespräch dauert, desto offener wird er. Eines wird rasch klar: Die vergangenen Wochen haben an ihm gezehrt.

Rubin
Nach acht Jahren Bundesliga ist Lenny Rubin zurück in der Schweiz - Daniel Zaugg

Für den BSV ist seine Verpflichtung eine Erfolgsgeschichte: Rubin hat acht Jahre Bundesliga-Erfahrung, mehr als 1000 Tore in Deutschland erzielt, über 100 Länderspiele gemacht. Ein Königstransfer. Für Rubin selbst ist die Geschichte ein bisschen komplizierter.

Der bewusste Abschied

Im Februar teilte Rubin dem TVB Stuttgart mit, dass er seinen Vertrag nicht verlängern wolle. Einen neuen Verein hatte er nicht. Ein Risiko, das er bewusst eingegangen ist. Er habe sich neu orientieren müssen.

Mit gewissen Entscheidungen des Vereins habe er sich nicht identifizieren können. Genauer will er nicht werden. Rubin vertraute auf sein Renommee, seine gezeigten Leistungen in der vermutlich besten Handball-Liga der Welt.

Mehrmals hatte er interessante Gespräche. Zwei- oder dreimal stand er nach eigener Aussage kurz vor der Unterschrift. Jedes Mal scheiterten die Verhandlungen, teils kurz vor der Unterschrift.

Nach seinem letzten Spiel in Stuttgart Anfang Juni verabschiedete er sich in die Ferien. Zuerst Sardinien, dann der Besuch bei der Familie in Thun. Ein bisschen nervös war er schon vor der Auszeit, aber noch glaubte er an eine Zukunft im Ausland.

Er hält sich fit, beginnt Ende Juli mit dem BSV zu trainieren, weil er noch immer keinen Verein hat. Auch mit seinem Stammverein Wacker Thun führte Rubin zuvor Gespräche.

Dort habe sich jedoch rasch gezeigt, dass seine Vorstellungen nicht vollständig erfüllt werden konnten. Dabei sei es nicht in erster Linie ums Geld gegangen.

«Mir war wichtig, weiterhin professionell Handball zu spielen und Handball als meinen Beruf zu sehen.» Beim BSV fand er dafür die besseren Rahmenbedingungen.

Rubin
So offen Rubin seine Verletzlichkeit zeigt, so hoch bleiben seine Ziele. - Daniel Zaugg

So begann er die Vorbereitung in Bern – ohne Vertrag, aber im Kopf weiter auf dem Sprung. Aus einigen Tagen wurden mehrere Wochen. Dann musste er sich entscheiden.

«Solange ich nicht unterschrieben hatte, blieb immer noch eine kleine Hoffnung.» Mit der Unterschrift war es plötzlich definitiv. Lenny Rubin macht einen, wenn nicht zwei Schritte zurück in seiner Karriere.

«Es war nie der Plan, schon mit 30 in die Schweiz zurückzukehren. Ich hatte mir das eher mit 34 oder 35 vorgestellt», sagt er ohne Umschweife. Das sei keine Kritik am BSV oder am Schweizer Handball, betont Rubin.

In Bern finde er professionelle Bedingungen und eine junge Mannschaft mit Potenzial. Trotzdem bleibt die Enttäuschung: Der Traum vom Ausland endete vorerst nicht freiwillig.

Eine schwierige Unterschrift

Kaum ist der Vertrag bekannt, wird Rubin von den BSV-Fans und in der Presse als Transfer des Sommers gefeiert. Nun könne der BSV alles gewinnen, heisst es. Er soll die jungen Spieler führen und die Mannschaft auf ein neues Niveau heben.

Druck kennt er aus der Bundesliga. Jetzt aber trifft die Erwartung von aussen auf eine Enttäuschung, die noch frisch ist. Rubin sagt: «Ich hatte viele schwierige Phasen in meiner Karriere. Aber mental gehört diese Situation zu den schwierigsten, die ich bisher erlebt habe.»

Rubin sagt das ohne Pathos und Selbstmitleid. Er weicht der Verantwortung nicht aus, verbirgt aber auch nicht, was dieser Sommer mit ihm gemacht hat.

Die Füsse auf der Rückenlehne der Sitzreihe vor ihm, hinter sich die leeren Ränge, sitzt er da, als laste das Erlebte noch immer auf seinen Schultern.

Verfolgst du die Karriere von Lenny Rubin?

Die Schwere ist leise – aber deutlich spürbar. Beim Saisonauftakt Ende August gegen St. Otmar St. Gallen fehlt ihm die Wettkampfpraxis.

Seit Anfang Juni hat er kein Spiel bestritten, der Vertrag ist erst wenige Tage alt, die Automatismen mit den Teamkollegen greifen noch nicht. Der BSV verliert 30:34. Danach findet der BSV langsam in die Saison, wobei Rubin das dritte Spiel krank verpasst.

«Nicht für das Mittelfeld hier»

So offen Rubin seine Verletzlichkeit zeigt, so hoch bleiben seine Ziele. Er will die jungen Spieler besser machen, mit dem BSV die Playoffs erreichen. Rubin zeigt sich kämpferisch: «Ich bin nicht nach Bern gekommen, um gegen den Abstieg oder irgendwo im Mittelfeld zu spielen.»

Kadetten Schaffhausen und den HC Kriens-Luzern sieht er vorne. Rang 3 dahinter muss möglich sein. Und in den Playoffs ist sowieso alles drin. Träumen ist erlaubt, das zeigt auch Rubins Geschichte: Mit Wacker Thun gewann er 2017 den Cup und 2018 die Meisterschaft, bevor er in die Bundesliga wechselte.

Aber Rubin ist ein anderer Mensch als damals, kein grosses Talent, sondern ein gestandener Profi, der jetzt gerade einen Karriereknick erlebt. Das spürt er jeden Tag.

Gerade auch an Spieltagen. In Stuttgart und Wetzlar spielte er vor mehreren Tausend Menschen. In der Schweiz sind Kulisse und Aufmerksamkeit deutlich kleiner.

Der Kopf ist und bleibt entscheidend

Entscheidend ist für ihn der Kopf. In Wetzlar arbeitete er mit einer Mentaltrainerin, auch in Stuttgart beschäftigte er sich intensiv damit. Im Handball werde darüber noch immer zu wenig gesprochen.

Auf höchstem Niveau seien alle fit und technisch stark. «Wenn bei mir der Kopf stimmt, spiele ich gut, wenn nicht, wirkt sich das direkt auf meine Leistung aus.» Momentan arbeitet Rubin mit keinem Mentalcoach zusammen.

Doch er denkt intensiv darüber nach, das zu ändern. Eine neutrale Sicht könne ihm helfen, ist er überzeugt.

Halt findet er derweil bei seiner Familie und besonders bei seinem Vater Martin, dem früheren Nationalspieler und langjährigen Trainer (zuletzt beim BSV).

Rubin
Vorerst will Rubin noch mehrere Jahre auf höchstem Niveau spielen. - Daniel Zaugg

Einen Ausgleich zum Handball bietet ihm sein Sportmanagement-Studium. Bevor er voll auf den Sport setzte, absolvierte Lenny Rubin eine Lehre als Gärtner.

Das Studium ist auch eine Vorbereitung auf seine Zeit nach der Profikarriere. Nicht weil das Ende kurz bevorstünde, sondern weil er dem Handball verbunden bleiben will.

Vorerst will er noch mehrere Jahre auf höchstem Niveau spielen. Sagts, bedankt sich für das angenehme Gespräch und verabschiedet sich ins Training. Er will endlich richtig in die Saison finden.

Eine Saison, die so nicht in seinem Karriereplan vorgesehen war. Aber so ist es nun mal. Jetzt will er das Beste draus machen.

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