Wie bei jedem Fussball-Turnier beginnt auch bei dieser EM in der K.o.-Phase die Zeit der möglichen Elfmeterschiessen. Den Showdown zwischen Schützen und Torwart erfand einst ein gelernter Friseur in Oberbayern - und lässt auch heute noch die Weltstars zittern.
Erfinder des Elfmeterschiessens: Karl Wald. Foto: Matthias Schrader/dpa
Erfinder des Elfmeterschiessens: Karl Wald. Foto: Matthias Schrader/dpa - dpa-infocom GmbH

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei Strafstössen haben sich die Spieler dieser Fussball-EM bislang eher nicht mit Ruhm bekleckert - gleich sechs Kicker patzten bei insgesamt 14 Versuchen vom Punkt.

Mit Beginn der K.o.-Phase könnten Elfmeterschiessen nun über Sieg und Niederlage entscheiden. Die Idee für diesen ultimativen Showdown stammt aus Deutschland, genauer gesagt aus Penzberg in Oberbayern. Dort erfand der gelernte Friseur und Amateur-Schiedsrichter Karl Wald in den 1960er Jahren das Elfmeterschiessen. Er sorgte also dafür, dass es nach 120 Minuten zu dieser ganz speziellen Nervenschlacht zwischen Schütze und Torhüter kommt - und manchmal selbst Weltstars dem Druck nicht standhalten.

Jahrzehntelang hatten nach Verlängerungen der Münzwurf oder Los darüber entschieden, welches Team eine Runde weiter kommt. «Das ist sportlicher Betrug, das ist glatter Blödsinn», fand Wald damals.

«Ritt auf der Kanonenkugel»

Also liess er bei Freundschaftsspielen die Fussballer heimlich nach dem von ihm erdachten Format antreten, mit je fünf Elfmeterschützen pro Team. «Das war für ihn schon ein Ritt auf der Kanonenkugel, nicht ganz ungefährlich», erinnerte sich Karl Walds Enkel Thorsten Schacht. Sein Grossvater habe «ganz schön Muffensausen» gehabt, erwischt zu werden und die Lizenz zu verlieren. Den Fans, die sich bei den Elfern damals teils noch im Strafraum drängten, und den Spielern aber gefiel es - und irgendwann stimmte auch der Bayerische Fussball-Verband zu.

Der DFB, die UEFA und die FIFA übernahmen die Idee, die sich laut Wald «gut bewährt» habe. Seit 1970 werden Fussballspiele ohne Sieger nach Verlängerung durch ein Elfmeterschiessen entschieden.

Mit Genugtuung verfolgte Wald, der 1916 in Frankfurt am Main geboren wurde und Anfang der 40er Jahre zu seiner Frau nach Penzberg zog, bis zu seinem Tod am 26. Juli 2011 die legendären Elfmeterschiessen der Fussball-Historie: Uli Hoeness' Schuss in den Nachthimmel von Belgrad und den EM-Coup 1976 der CSSR nach Antonin Panenkas Lupfer; die deutschen Siege im WM-Halbfinale 1990 und EM-Halbfinale 1996 jeweils gegen England - kommt es nun in Wembley wieder zum Drama vom Punkt?

Den Fussball mitgeprägt

«Ich hatte immer das Gefühl, dass ich Recht hatte», sagte Wald selbst einmal. Josef Siegert, ein langjähriger Freund, erzählte vor ein paar Jahren, dass Wald vor dem Fernseher regelmässig das Gefühl hatte, «mitgewirkt und den Fussball geprägt» zu haben. Bei Versammlungen seines FC Penzberg gab er seine Geschichte immer wieder zum Besten.

Während überall auf der Welt vom Elfmeterpunkt grosse Siege gefeiert und schlimme Niederlagen kassiert wurden, stand Karl Wald bei sich daheim in Penzberg etwa 50 Kilometer südlich von München nicht mehr im Rampenlicht. Insgesamt pfiff er mehr als 1000 Fussballspiele. Weil Wald bei der Gründung der Bundesliga 1963 mit 47 Jahren schon zu alt war, kam er nur noch zu einem Einsatz als Linienrichter. Seine fussballerische Revolution aber gedieh eh auf den Amateurplätzen.

Vor fast genau zehn Jahren starb Wald im Alter von 95 Jahren. Seit 2014 heisst die Strasse hin zum Penzberger Stadion «Karl-Wald-Strasse».

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