Schlagabtausch: Wohnraum oder Grünraum in Zürich?
Heute im Schlagabtausch: Grüne gegen die Mitte. Gemeinderätin Sibylle Kauer fordert Gemeinderat Thomas Bühler heraus.

Eine gute Streitkultur und harte Debatten mit unterschiedlichen Standpunkten – davon lebt die Politik. Deshalb werfen sich im «Tagblatt» alle zwei Wochen zwei Stadtzürcher Politikerinnen oder Politiker in einem Schlagabtausch den Ball zu. Heute fordert Grüne-Gemeinderätin Sibylle Kauer, Die Mitte-Gemeinderat Thomas Bühler heraus.
Sibylle Kauer: Immer mehr Haushalte haben in der Stadt kein Auto. Aber die Mitte will an der Anzahl Parkplätze festhalten und bekämpft einen Abbau, der den nötigen Platz schafft für bessere Velo- und Fusswege. Warum?
Thomas Bühler: Fast die Hälfte der Haushalte besitzt weiterhin ein Auto. Zürich muss für alle funktionieren, so auch für das Gewerbe und Menschen mit eingeschränkter Mobilität, die auf das Auto angewiesen sind. Wie stellt ihr sicher, dass das lokale Gewerbe unter eurer Verkehrspolitik nicht leidet?

Kauer: Das lokale Gewerbe ist uns wichtig, deshalb fördern wir günstige Gewerberäume. Damit kleinere Betriebe, die für lebendige Quartiere essenziell sind, nicht verschwinden. Preisgünstige Wohnungen sind euch doch auch wichtig, warum möchtet ihr den vorgeschlagenen Pflichtanteil in der Bau- und Zonenordnung (BZO) bei Mehrausnützungen reduzieren?
Bühler: Weil wir mehr günstigen Wohnraum wollen – nicht weniger. Zu hohe Pflichtanteile können Bauprojekte verhindern.
Lieber mehr Wohnungen zu tragbaren Preisen als weniger Wohnungen aufgrund höherer Auflagen. Ist euch Ideologie wichtiger als mehr Wohnungen?
Kauer: Wir sind überzeugt, dass der freie Markt von sich aus keine preisgünstigen Wohnungen schafft, das sehen wir klar beim heutigen Wohnungsangebot. Deshalb wird auch viel zu oft leergekündigt und totalsaniert. Seid ihr einverstanden, dass Umbauten im Bestand ohne Leerkündigungen gefördert werden müssen?
Bühler: Leerkündigungen sind zu vermeiden. Aber wer notwendige Sanierungen erschwert, gefährdet den Erhalt und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Warum seid ihr gegen das Stadionprojekt in Zürich, obschon damit verbunden fast 800 neue Wohnungen, teils subventioniert, entstehen?

Kauer: Das Stadionprojekt ist ein Renditeprojekt, die Wohnungen in den Hochhäusern werden teuer, und es gibt aus unserer Sicht viel zu wenig preisgünstigen Wohnraum und Grünraum, da wäre mehr möglich gewesen. Gerade der Grünraum ist für das Stadtklima bei Hitze zentral. Warum wollt ihr diesen reduzieren mit einer kleineren Grünflächenziffer in der BZO?
Bühler: Wir befürworten hitzemindernde Massnahmen. Ein Grünanteil von bis zu 60 Prozent pro Grundstück geht jedoch zulasten des dringend benötigten Wohnraums und verursacht zusätzliche Bürokratie und Kosten.
Apropos Kosten: Wo würdet ihr konkret Ausgaben kürzen, damit die Verschuldung und die Stadtfinanzen sich nicht noch weiter verschlechtern?
Kauer: Wir investieren jetzt in wichtigen Wohnraum und Fernwärme. Dadurch wachsen die Schulden, später gibt das dann höhere Einnahmen.
Beim Grünraum hingegen ist es wichtig, dass alle sich beteiligen. Die Marina können wir aber gerne einsparen. Warum wollt ihr einen teuren Bootshafen für wenige mit Steuergeldern bauen?
Bühler: Die Aufwertung mit Restaurant und Parkanlage stärkt Standort, Aufenthaltsqualität sowie Breiten- und Jugendsport. Ihr lehnt diese einmalige Investition ab, unterstützt aber das 365-Franken-VBZ-Abo im Giesskannenprinzip mit jährlich 140 Millionen Franken. Wo bleibt da der soziale Ausgleich, und kann sich Zürich das leisten?
Kauer: Ein starker öffentlicher Verkehr für alle ist uns wichtig. Ihr sagt, dass euch Bäume und Hitzemassnahmen wichtig sind.
Aber unseren Vorstoss für eine stadtverträgliche und platzsparende Planung neuer Tramlinien, die Bäume und Vorgärten schont, habt ihr abgelehnt. Das ist doch offensichtlich ein Widerspruch?
Bühler: Wir lehnen Baumschutz nicht ab, nur unnötige Zusatzvorgaben. Bäume sollen, wo möglich, erhalten bleiben. Doch der dringend nötige Ausbau des ÖV darf nicht blockiert werden.
Platz ist begrenzt, es braucht Kompromisse. Sind euch ein paar Bäume wichtiger als eine zukunftsfähige ÖV-Infrastruktur für 30’000 Menschen in Zürich-Affoltern?
Kauer: Wir sind nicht für Tram oder Bäume, nicht für Grünraum oder Wohnungen. Wir wissen, dass Tram und Bäume, dass Wohnungen mit Grünraum möglich sind.
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Dieser Artikel wurde zuvor im «Tagblatt der Stadt Zürich» veröffentlicht.












