Jelena Filipovic: «Bern soll ein Wohlfühlzentrum für alle sein»

Peter Widmer
Peter Widmer

Bern,

Am Donnerstag wird Jelena Filipovic (33) zur obersten Stadtbernerin 2026. Im Interview gibt die Grüne Einblick in ihr bevorstehendes Präsidialjahr.

BärnerBär Jelena Filipovic Bern
2026 ist die 33-jährige Jelena Filipovic oberste Stadtbernerin. - Jannic Reber

BärnerBär: Jelena Filipovic, Sie waren schwer erreichbar und signalisierten, dass sich in der ersten Dezemberhälfte nur noch knapp ein Gesprächstermin finden lasse.

Sie sind Kommunikations- und Kampagnenleiterin bei den Grünen Schweiz, Co-Präsidentin beim VCS und 2026 Präsidentin des Berner Stadtparlaments. Wie werden Sie das alles zeitlich stemmen können?

Jelena Filipovic: Durch gute Organisation. In meinem Team bei den Grünen Schweiz haben wir vereinbart, dass ich 2026 etwas mehr Zeit zur Verfügung habe, um mich dem Amt als Stadtratspräsidentin widmen zu können.

Mich treibt die Freude daran an, dass ich mit diesen Ämtern Klimaschutz und Gleichstellung vorantreiben kann. Deshalb nehme ich es auch in Kauf, in diesem Jahr noch etwas weniger Freizeit zu haben.

BärnerBär: Mattea Meyer, die Co-Präsidentin der SP Schweiz, musste eine Auszeit nehmen und blieb der Wintersession 2025 des Nationalrates fern. Befürchten Sie nicht, dass Ihnen das Gleiche widerfährt?

Filipovic: Befürchtungen habe ich zwar nicht, aber die Ernsthaftigkeit ist mir bewusst; es ist wichtig, auf seinen Körper zu hören.

Seit meinen Klimastreik-Zeiten bin ich auch an vielen Orten und oft gleichzeitig unterwegs, aber stets im Wissen, sich auch zurücknehmen zu können. Ich habe ein gut funktionierendes Netzwerk von Familie, Freunden und Freundinnen, die mir Warnsignale geben, wofür ich sehr dankbar bin.

So habe ich auch das Jahr meines Stadtratspräsidiums mit meinem beruflichen und privaten Umfeld sorgfältig besprochen.

BärnerBär Stadtpräsidentin Jelena Filipovic
Jelena Filipovic freut sich, dass sie mit ihren Ämtern Klimaschutz und Gleichstellung vorantreiben kann. - Jannic Reber

Es ist aber auch klar: Wir müssen zukünftig unsere Gesellschaft anders organisieren, um den massiven Druck gerade auf Frauen zu verkleinern. Ich denke dabei beispielsweise an Arbeitszeitverkürzung oder bedingungsloses Grundeinkommen.

BärnerBär: In einem Interview sagten Sie, Politik sei in Ihrem Elternhaus nie ein Thema gewesen. Was hat Sie politisiert?

Filipovic: Das Patriarchat und die Erkenntnis, dass man als Frau in unserer Gesellschaft Hürden überwinden muss, die männliche Kollegen nicht haben. Das empfand ich als ungerecht. Ich wusste, dass ich politisch tätig werden musste, um etwas zu bewegen.

Während meines Studiums in Bern war ich dann sehr aktiv im feministischen Streikkollektiv, wo ich viele beeindruckende Frauen kennenlernen durfte, auch von der Unibewegung. Meine Hauptanliegen fokussieren sich auf Gleichstellungsthemen und Klimaschutz.

BärnerBär: Warum politisieren Sie beim Grünen Bündnis in Bern?

Filipovic: Weil diese Partei die beiden genannten Themen, die mir sehr wichtig sind, verbindet. Das Grüne Bündnis bringt den Klimaschutz voran und baut gleichzeitig die soziale Infrastruktur aus. Ja, wir wollen, dass Bern ein Wohlfühlzentrum für alle ist.

BärnerBär: Vor sechs Jahren stellten Sie in einem Selbstporträt auf der Webseite der Grünen Schweiz ernüchtert fest, dass «weder das politische System der Schweiz noch die Stimmberechtigten für einen raschen Klimawandel und progressive Lösungen bereit» seien.

Sie wünschten sich «mehr Mut von meinen älteren Mitmenschen für alternative Herangehensweisen, neue Ideen und selbstbewusstere Positionen». Was hat sich aus Ihrer Sicht seither geändert?

Filipovic: Es ist lustig, eigene ältere Statements zitiert zu bekommen! Ich stelle überrascht fest, dass ich heute noch genauso denke.

Ich wünsche mir immer noch – oder mehr denn je – mehr Mut. Damals mussten wir noch verstärkt Bildungsarbeit betreiben. Aber heute kennen wir alle Fakten und dennoch bewegt sich fast nichts.

Wenn man vor grossen Herausforderungen steht, braucht es Mut, etwas anders zu machen als bisher. Man verfällt in alte Muster, den Status quo kennt man; dafür habe ich sogar ein gewisses Verständnis.

Vor allzu einschneidenden und raschen Veränderungen schrecken wir zurück – der Mensch funktioniert so. Aber die Klimakrise ist da, es wird schwierig, das bisherige Leben aufrechterhalten zu können.

BärnerBär: Haben Sie Beispiele?

Filipovic: Die Städte leiden zunehmend unter der Hitze. Ich sehe es bei uns in Bern: Wenn ich an meinen Wohnort im Westen der Stadt zurückkehre, ist die Temperatur um drei Grad tiefer als in der Innenstadt. Entsiegelungsmassnahmen müssen viel rascher vorangetrieben werden.

Wobei ich feststellen darf, dass das Tempo im vermeintlich «langsamen Bern» recht gut funktioniert, auf nationaler Ebene hat es aber noch gewaltig Luft nach oben.

BärnerBär: Im 2026 leiten Sie als Stadtratspräsidentin den Stadtrat. Wie haben Sie sich auf diese Aufgabe vorbereitet?

Filipovic: 2025 hatte ich als 1. Vizestadtratspräsidentin einen regen Austausch mit meinen Vorgängerinnen, aber auch mit dem amtierenden Präsidenten Tom Berger.

Es war spannend, ausserhalb des Parlamentsbetriebs im Ratsbüro tätig zu sein und andere Aufgaben wahrnehmen zu können. Das gab mir einen anderen Blickwinkel.

BärnerBär: Welche Ziele haben Sie sich als Sitzungsleiterin gesetzt?

Filipovic: Im globalen Zeitalter von Autokraten, wo die Macht und die Lautstärke des Grösseren gelten, fände ich es schön, wenn wir im Stadtrat eine Diskussionskultur pflegen könnten, die auf Empathie und Zuhören basiert.

Jelena Filipovic BärnerBär
Eine Diskussionskultur bei den Stadtratssitzungen pflegen, die auf Empathie und Zuhören basiert, ist eines der Ziele von Jelena Filipovic. - Jannic Reber

Das Parlament soll ein Ort sein, wo sich alle wohlfühlen können und respektiert werden.

BärnerBär: Wie setzen Sie diese Ziele um?

Filipovic: Dafür eignen sich Veranstaltungen, Ausflüge, wo sich Parlamentarierinnen und Parlamentarier über die Parteigrenzen hinweg informell und privat austauschen und kennenlernen können.

BärnerBär: Sie werden sich nun ein Jahr lang inhaltlich zurücknehmen müssen. Wie schwer fällt Ihnen das?

Filipovic: Ich befürchtete bereits 2025 während des 1. Vizepräsidiums, wo man sich bereits einen Schritt zurücknehmen muss, dass es mir vielleicht Mühe bereiten würde. Es fiel mir aber gar nicht so schwer.

Vielmehr sehe ich es nun für mich ein Jahr lang als neue Herausforderung, dass ich durch die Sitzungsleitung sicherstellen kann, dass die Diskussionen fruchtbar sind und der Ratsbetrieb funktioniert.

BärnerBär: Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger Tom Berger (FDP)?

Filipovic: (Überlegt lange) Ich werde versuchen, etwas gelassener an die Diskussionen heranzutreten und sich wegen einzelner inhaltlicher Voten nicht zu nerven, was sicher hie und da nicht leichtfallen wird …

Verfolgst du die Berner Politik?

Aber ich will vor allem der Diskussion den Raum geben im Parlament, dafür sind wir gewählt.

BärnerBär: Wo halten Sie sich in Bern am liebsten auf?

Filipovic: Ich fühle mich im Tscharnergut mit seinem Dorfcharakter sehr wohl, unter Menschen, die sich kennen. Die Reitschule bevorzuge ich für den Ausgang, ein Bier trinke ich am liebsten im Café Kairo in der Lorraine.

BärnerBär: Wie sehen Sie Ihre politische Zukunft?

Filipovic: Bei mir ging politisch alles sehr schnell: Nach dem Klimastreik 2021 kandidierte ich für den Stadtrat und wurde zu meinem eigenen Erstaunen auf den ersten Nachrutschplatz gewählt.

Persönlich

Jelena Filipovic wurde 1992 geboren und wuchs in Serbien auf. 1998 kam die Familie in die Schweiz. An der Universität Zürich schloss Jelena Filipovic den Bachelor in Politikwissenschaft und Ethnologie ab und an der Universität Bern absolvierte sie den Master in Schweizer Politik und Vergleichender Politik.

Während des Masterstudiums in Bern war sie Praktikantin beim Verkehrsclub Schweiz VCS. Von 2020 bis März 2025 arbeitete sie als politische Sekretärin beim Grünen Bündnis Bern.

Seit April 2025 ist Jelena Filipovic Bereichsleiterin Kommunikation und Kampagnen bei den Grünen Schweiz und seit 2024 amtiert sie als Co-Präsidentin des VCS. Im Berner Stadtparlament politisiert sie seit 2021 für das Grüne Bündnis Bern.

Jelena Filipovic ist ledig und wohnt im Tscharnergut in Bern-Bümpliz.

Ich könnte mir irgendwann einen Nationalratssitz vorstellen. Ja, das würde mich reizen, auch auf Bundesebene zu versuchen, mit mehr Mut voranzugehen.

BärnerBär: Welchen Wunsch haben Sie in Ihrem Präsidialjahr an die Mitglieder des Stadtrates?

Filipovic: Ich wünsche, dass wir gemeinsam mehr Freude an der Sache hätten, auch wenn der politische Gegenwind auf nationaler und internationaler Ebene rau weht.

Kommentare

User #2716 (nicht angemeldet)

Bin selber Berner und vermeide die Stadt Bern wegen solchen Politiker...

User #4098 (nicht angemeldet)

Bern ist ja heute schon ein Ponyhof der glückseligen Beamten. Wie kann man sonst auf die Idee kommen eine Erbschaftssteuer anzunehmen. Pfui!

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