Kanton Bern bricht wegen Lohngleichheit Software-Beschaffung ab

Matthias Bärlocher
Matthias Bärlocher

Bern,

Anbieter müssen die Lohngleichheit von Mann und Frau nachweisen können. Nun bricht der Kanton Bern deswegen die Beschaffung von Adobe-Software ab.

Adobe Hauptquartier
Ein Gebäude des Adobe-Hauptquartiers in San José, Kalifornien. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Photoshop, Cloud-Speicher, KI: Der Kanton Bern braucht neue Lizenzen für Adobe-Software.
  • Doch das Beschaffungsprojekt muss abgebrochen werden.
  • Erstmals gelangt die fehlende Lohngleichheit als Ausschlusskriterium zur Anwendung.

Heisst es in der Verwaltung des Kantons Bern bald: Zurück zu Zeichnungen von Hand, geklebten Collagen, selbstgemachten Fotos und mühseliger Routinearbeit? Statt Multimedia-Bearbeitung, Photoshop, Bilddatenbank «Adobe Stocks», Cloud-Speicher und künstlicher Intelligenz. Denn vorläufig kann das kantonale Amt für Informatik und Organisation (KAIO) keine neuen Lizenzen für entsprechende Software von Adobe beschaffen.

Schuld daran ist indirekt die Devise «gleicher Lohn für gleiche Arbeit». Die Selbstverständlichkeit scheint etwas Probleme zu machen. Dabei hätte man im Juni mit neuen Lizenzen für Photoshop, InDesign, Acrobat und «Creative Cloud» starten wollen. Im Beschaffungsprojekt eingeschlossen wären auch Lizenzen für den KI-Assistenten «Articulate 360», mit dem man webbasierte Trainings erstellen kann.

Lohnungleichheit als Ausschlusskriterium

Das KAIO musste die Beschaffung abbrechen: Zwei Anbieter hatten sich beworben, doch beide fielen durch. Der eine bot die Lizenzen für Bildungsinstitutionen nur für ein Jahr an, dabei waren drei Jahre gefordert. Geht nicht, sagt der Kanton Bern.

Thomas Fischer KAIO
Thomas Fischer ist Vorsitzender der Beschaffungskonferenz des Kantons Bern und Leiter des Rechtsdiensts des Amts für Informatik und Organisation (KAIO). - Screenshot bfh.ch

Noch viel weniger ging, dass der zweite Anbieter auch auf Nachfrage keinen Nachweis erbringen konnte: Nämlich dafür, dass die Bestimmungen über die Gleichbehandlung von Frau und Mann in Bezug auf Lohngleichheit eingehalten werden.

Eine Premiere für dieses Ausschlusskriterium, bestätigt auf Anfrage Thomas Fischer, Leiter des Fachbereichs Recht beim KAIO: «Das war in der Beschaffungspraxis unseres Amtes das erste Mal.»

Lohngleichheit: Grosse Fortschritte

Doch ist dieser einmalige Vorgang in Sachen Lohngleichheit nun ein gutes oder eher ein bedenkliches Zeichen? Entweder wurde bislang zu wenig genau hingeschaut, oder die an Ausschreibungen interessierten Unternehmen sind generell sehr auf Lohngleichheit bedacht.

Ursula Zybach
Die Berner SP-Nationalrätin Ursula Zybach spricht von einem Armutszeugnis. - keystone

Bei den Vorkämpferinnen für die Lohngleichheit fallen die Reaktionen jedenfalls sehr gemischt aus. Ernüchtert reagiert die Berner SP-Nationalrätin Ursula Zybach, denn Lohngleichheit sei doch nichts mehr als selbstverständlich: «Es ist ein Armutszeugnis, dass es im Dienstleistungsbereich im Jahr 2026 immer noch Firmen gibt, welche die entsprechenden Nachweise nicht erbringen können.»

Das Thema Lohngleichheit war in den letzten Jahren vor allem im öffentlichen Sektor intensiv im Fokus, sagt SP-Grossrätin Andrea Rüfenacht: «Die Resultate lassen sich sehen, hier wurden sehr grosse Fortschritte erzielt.» Auch sie sieht aber Handlungsbedarf.

Um den Aufwand im Beschaffungswesen zu beschränken, werden die Vorgaben zur Lohngleichheit nur stichprobenmässig überprüft. Sie sei überzeugt, dass bei den Stichproben genau hingeschaut werde, sagt Rüfenacht. Das Beispiel des Abbruchs der Beschaffung zeige das jetzt. «Nur ist dies eben zu selten der Fall.»

Andrea Rüfenacht
SP-Grossrätin Andrea Rüfenacht setzt sich für Lohngleichheit ein. - Screenshot spbe.ch

SP-Rüfenacht: «Mehr Stichproben»

«Es ist notwendig, dass deutlich mehr Stichproben durchgeführt werden als bisher», fordert die SP-Grossrätin deshalb. Dabei lohne es sich sicher, auf diejenigen Firmen zu fokussieren, die auf eine Selbstdeklaration verzichteten.

Nicht verzichten müssen hingegen die kantonalen Ämter, bernischen Gemeinden und Bildungseinrichtungen: Sie kommen schon noch zu ihrer Adobe-Software und ihrem KI-Assistenten. Nun komme das für solche Fälle gesetzlich vorgesehene Vorgehen zum Zug, erklärt Thomas Fischer vom KAIO: «Wir werden die Lizenzen freihändig beschaffen.»

Kommentare

User #5716 (nicht angemeldet)

Bitte auch bei Microsoft, Google, Apple, HP, Meta und Alphabet die Lohngleichheitskriterien prüfen und entsprechend handeln.

User #8553 (nicht angemeldet)

wer beim arbeiten mal ernsthaft auf adobe angewiesen war, weis das die bude ein absoluter saftladen ist.. speziell im enterprise segment, word zeit das die untergehen und platz für innovation schaffen

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