Ursula Zybach (SP): «Gute Ernährung ist mehr als eine Prozentzahl»
Bald stimmt die Schweiz über die Ernährungsinitiative ab. Die Berner SP-Nationalrätin Ursula Zybach spricht sich für ein Nein aus. Ein Gastbeitrag.

Wenn ich Zwetschgen für eine Wähe vorbereite, denke ich nicht zuerst an unsere Ernährungspolitik, sondern freue mich auf die gesunden Früchte, ihren feinen Geschmack und darauf, dass jetzt Zwetschgensaison ist. Und doch steckt in einer so einfachen Wähe erstaunlich viel Landwirtschafts- und Ernährungspolitik.
Woher kommen unsere Lebensmittel? Wie wurden sie produziert? Was sind sie uns wert? Und wie sorgen wir dafür, dass auch in Zukunft genügend gute, saisongerechte Lebensmittel auf unseren Tellern landen?
Als Lebensmittelingenieurin beschäftigen mich diese Fragen schon lange. Für mich ist klar: Es steht nicht sehr gut um unsere aktuelle Ernährung. Wir essen zu viel Fleisch, zu viel Fett und Zucker.
Die Folge ist eine massive Zunahme von Übergewicht und nicht übertragbaren Krankheiten in der Bevölkerung, die unser Gesundheitssystem zusätzlich belasten.

Entsprechend sind die Schweizerischen Ernährungsempfehlungen von 2024 sehr klar: Mehr pflanzliche Lebensmittel, insbesondere Gemüse und Früchte, Vollkornprodukte und Wasser als Hauptgetränk. Sie berücksichtigen zudem die Umweltauswirkungen der Lebensmittelwahl, welche ressourcenschonender sein sollte.
Genau da setzt die Ernährungsinitiative an, über welche wir am 27. September abstimmen werden. Viele ihrer Anliegen kann ich nachvollziehen und unterstützen. Trotzdem werde ich sie ablehnen.
Der entscheidende Grund ist ihr starres Ziel: Innert zehn Jahren sollen mindestens 70 Prozent der in der Schweiz konsumierten Lebensmittel im Inland produziert werden. Heute liegt der Netto-Selbstversorgungsgrad bei rund 46 Prozent.
Wie anspruchsvoll eine derart hohe Selbstversorgung ist, zeigt ein Blick zurück. Während des Zweiten Weltkriegs wurden mit dem Plan Wahlen enorme Anstrengungen unternommen.
Die Ackerfläche wurde massiv ausgeweitet, selbst in Parks, auf Sportplätzen und sogar vor dem Bundeshaus wurden Kartoffeln angebaut. Trotzdem erreichte die Schweiz gegen Kriegsende einen Selbstversorgungsgrad von nur leicht mehr als 70 Prozent und blieb auf Importe angewiesen.
Historische und heutige Berechnungen lassen sich zwar nicht direkt vergleichen. Die Dimension zeigt dennoch, wie anspruchsvoll das Ziel ist.
In der Initiative steckt ein wichtiger Ansatz: Wenn wir mehr pflanzliche Lebensmittel direkt für Menschen produzieren, können wir mit unseren knappen Ackerflächen die Bevölkerung effizienter ernähren.
Das unterstütze ich. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung ist sinnvoll – für Gesundheit, Biodiversität und Umweltressourcen.
Aber die Schweiz besteht nicht nur aus Ackerland. Gerade in den Berggebieten haben wir viel Grünland, auf dem kein Getreide und kein Gemüse wachsen kann.
Kühe, Schafe und Ziegen können dieses Gras dagegen in Lebensmittel umwandeln. Auch das gehört zu einer nachhaltigen Schweizer Landwirtschaft.
Und noch etwas stört mich an der Diskussion über Selbstversorgung: Wir sprechen viel darüber, wie viel wir produzieren – und zu wenig darüber, was danach mit diesen Lebensmitteln geschieht.
Lebensmittelverschwendung im Detailhandel, der Gastronomie und in den Privathaushalten ist ein offensichtliches Problem. Lebensmittel unter grossem Einsatz von Boden, Wasser, Energie und Arbeit herzustellen und sie anschliessend achtlos wegzuwerfen, macht keinen Sinn.

Ernährungssicherheit bedeutet deshalb mehr als eine möglichst hohe Prozentzahl in der Selbstversorgung. Wir brauchen eine vielfältige und nachhaltige Landwirtschaft, mehr Biodiversität, mehr pflanzliche Lebensmittel, hohe Qualitätsstandards, weniger Verschwendung und weiterhin einen verlässlichen Handel mit ausländischen Lebensmittelproduzenten.
Die Ernährungsinitiative greift wichtige Umweltziele unserer Landwirtschaftspolitik von 2008 auf. Aber ihre Forderung – 70 Prozent Selbstversorgung innert zehn Jahren – überzeugt mich nicht. Darum sage ich am 27. September Nein zur Ernährungsinitiative.
Vielleicht beginnt eine bessere Ernährungspolitik tatsächlich bei etwas ganz Alltäglichem: Bei der Wertschätzung für die Zwetschgen auf der Wähe, für das Gemüse auf dem lokalen Markt – und für all die Arbeit, die dahintersteckt!
Zur Autorin
Ursula Zybach (*1967) ist seit 2023 Berner Nationalrätin für die SP.








