Chronologie der Schweizer Atomdebatte
Die Atomkraft spaltet seit Jahrzehnten die Bevölkerung in der Schweiz, spätestens aber seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Nun will der Bundesrat den Bau neuer AKW hierzulande wieder erlauben, der Ständerat will ihn zumindest nicht verbieten. Die wichtigsten Ereignisse rund um die Schweizer Atomdebatte im Überblick:

1. September 1969: Beznau I, das erste Atomkraftwerk der Schweiz, wird in Betrieb genommen. 1971 folgt Beznau II, 1972 Mühleberg, 1979 Gösgen und 1984 Leibstadt.
1. April 1975: Die Anti-Atom-Bewegung, die sich ab Ende der 1960er-Jahre formierte, erreicht ihren ersten Höhepunkt: In Kaiseraugst kommt es zur elfwöchigen Besetzung des Baugeländes für das geplante Atomkraftwerk.
18. Februar 1979: Eine erste Anti-Atom-Initiative wird an der Urne relativ knapp mit 51,2 Prozent Nein verworfen.
23. September 1984: Die Atominitiative II (keine weiteren AKW) und die Energie-Initiative werden vom Volk mit 55 beziehungsweise 54 Prozent Nein verworfen.
26. April 1986: Atomkatastrophe von Tschernobyl (UdSSR/Ukraine)
1988: Angesichts des massiven Widerstands beerdigt der Bund die AKW-Projekte Graben und Kaiseraugst.
23. September 1990: In der eidgenössischen Abstimmung wird die Moratoriumsinitiative für einen zehnjährigen AKW-Baustopp angenommen, die Atom-Ausstiegsinitiative wird verworfen.
22. Oktober 1998: Der Bundesrat spricht sich grundsätzlich für einen «geordneten Rückzug aus der Kernenergie» aus.
2000: Das Ende des zehnjährigen AKW-Moratoriums und das Inkrafttreten des CO2-Gesetzes (Senkung des Treibhausgas-Ausstosses bis 2010 um zehn Prozent) geben den Atomkraft-Befürwortern neuen Auftrieb.
18. Mai 2003: Die Atominitiativen «Strom ohne Atom» (für einen Atomausstieg) und «Moratorium Plus» (für ein weiteres zehnjähriges AKW-Moratorium) werden klar verworfen.
1. Februar 2005: Das Kernenergiegesetz tritt in Kraft. Es hält die Option Kernenergie offen und unterstellt neue AKWs dem fakultativen Referendum.
21. Februar 2007: Der Bundesrat beschliesst, die bestehenden Kernkraftwerke zu ersetzen oder durch Neubauten zu ergänzen.
Juni/Oktober 2008: Die Energie-Konzerne Alpiq, Axpo und BKW reichen beim Bund Gesuche für die geplanten Ersatz-AKW in Mühleberg BE, Beznau AG und Gösgen SO ein.
11. März 2011: Ein Erdbeben mit Tsunami in Japan beschädigt das Atomkraftwerk Fukushima, es kommt zu grossräumigen Verstrahlungen.
14. März 2011: Als Sofortreaktion auf die Ereignisse in Japan sistiert das Umweltdepartement Uvek die drei Rahmenbewilligungsverfahren für den Ersatz von Kernkraftwerken in der Schweiz.
25. Mai 2011: Der Bundesrat spricht sich für einen längerfristigen Atomausstieg aus. Die bestehenden Atomkraftwerke sollen «am Ende ihrer sicherheitstechnischen Betriebsdauer» stillgelegt und nicht ersetzt werden. Das Parlament billigt prinzipiell die Ausstiegspläne.
16. November 2012: Die Grünen reichen ihre Atomausstiegsinitiative ein, die für die AKW maximale Laufzeiten von 45 Jahren fordert.
4. September 2013: In einem ersten Massnahmenpaket zuhanden des Parlaments («Energiestrategie 2050») konkretisiert der Bundesrat, wie er den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie bewerkstelligen will.
30. Oktober 2013: Die BKW AG kündigt an, das seit 1972 in Betrieb stehende AKW Mühleberg 2019 vom Netz zu nehmen, weil sich eine Nachrüstung finanziell nicht mehr lohnt.
8. Dezember 2014: Der Nationalrat beschliesst, das Verbot neuer AKWs im Gesetz zu verankern. Die Laufzeit der ältesten Meiler soll auf sechzig Jahre beschränkt werden.
23. September 2015: Auch der Ständerat will keine neuen Atomkraftwerke mehr bauen. Von Laufzeitbeschränkungen und strengeren Auflagen will er aber nichts wissen.
2. März 2016: Nach den Wahlen 2015 stösst der Nationalrat seine früheren Entscheide um und schliesst sich dem Ständerat an.
19. September 2016: Das Parlament verabschiedet das erste Massnahmenpaket zur Energiestrategie 2050, mit dem der Bau neuer AKW verboten und die Förderung erneuerbarer Energien verstärkt wird.
27. November 2016: Das Volk lehnt mit der Atomausstiegsinitiative der Grünen ein fixes Ablaufdatum für die Kernkraftwerke ab.
21. Mai 2017: Das Schweizer Stimmvolk sagt mit 58 Prozent Ja zum revidierten Energiegesetz. Somit ist der Ausstieg aus der Atomenergie sechs Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima beschlossen.
1. Januar 2019: Die Totalrevision der Notfallschutzverordnung (NFSV) im Falle eines AKW-Unfalls tritt in Kraft.
19. Dezember 2019: Das AKW Mühleberg geht nach 47 Jahren vom Netz. Die Stilllegung erfolgt aus wirtschaftlichen Gründen.
28. August 2022: Das AKW-Bauverbot soll in der Schweiz aufgehoben werden: Dies fordern Bürgerliche mit einer Initiative «Jederzeit Strom», die auch unter dem Motto «Blackout stoppen» steht.
5. Dezember 2024: Der Strombetreiber Axpo kündigt die Abschaltung der Atomkraftwerke Beznau 1 und 2 auf 2033 und 2032 an.
20. Dezember 2024: Der Bundesrat schickt einen Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative in die Vernehmlassung. Er schlägt vor, das Rahmenbewilligungsverbot für Kernkraftwerke im Gesetz ersatzlos zu streichen.
9. Januar 2025: Die Strombranche fordert den Ausbau von Wasser- und Windkraft und ein Stromabkommen mit der EU. Beides ist laut dem Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) nötig für die Versorgungssicherheit in der Schweiz.
16. Januar 2025: Die Kernenergie steht nach einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) angesichts der steigenden Nachfrage nach Elektrizität vor einem weltweiten Comeback. Das Interesse an der Kernenergie sei so gross wie seit der Ölkrise in den 1970er Jahren nicht mehr. Mehr als 40 Länder strebten nach einem Ausbau der Kernenergie, teilte die IEA in Paris mit.
5. Februar 2025: 15 Anwohnerinnen und Anwohner des AKW Leibstadt im Aargau haben beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde gegen das Atomkraftwerk und das Uvek eingereicht. Für den Langzeitbetrieb des AKW Leibstadt verlangen sie nach wie vor eine Umweltprüfung und demokratische Mitsprache.
20. Juni 2025: Der erste Rückbau eines Atomkraftwerks in der Schweiz hat die Halbzeitmarke erreicht. Auch nach der Hälfte der elfjährigen nuklearen Phase des Rückbaus des Atomkraftwerks Mühleberg BE kommen die Arbeiten planmässig voran.
11. März 2026: Der Ständerat nimmt den indirekten Gegenvorschlag zur Initiative «Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen)» an. Er will den Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz grundsätzlich wieder zulassen.






