ÖV in Thun BE bedankt sich jetzt für Anstand

«Armutszeugnis» oder «richtig nötig»? Eine Thuner Kampagne für Anstand im Bus sorgt für Diskussionen. Nau.ch hat sich bei Jung und Alt umgehört.

00:00 / 00:00

«Richtig nötig» oder «überbewertet»: Das sagen Thunerinnen und Thuner zur ÖV-Knigge-Kampagne im Bus. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Thuner Busbetrieb dankt für Anstand im ÖV mit einer Knigge-Kampagne.
  • Die Kampagne entfacht Diskussionen über einen Respektverlust im ÖV.
  • Der Thuner Busbetrieb spricht von hauptsächlich positiven Rückmeldungen.
  • Nau.ch hat sich selbst in Thun BE umgehört.

«Merci an alle Gourmets, die ihr Essen zu Hause geniessen.» Oder: «Bravo an alle, die den Nachbarsitz freihalten.»

Mit solchen Botschaften bedankt sich der Busbetrieb STI in Thun BE derzeit bei seinen Passagierinnen und Passagieren. Und zwar ganz bewusst für anständiges Verhalten im ÖV.

Wie Nau.ch weiss, wurde die Knigge-Kampagne erstmals im August 2023 lanciert. Vorausgegangen waren vermehrte Beschwerden von Fahrgästen und Personal über fehlenden Respekt im Alltag.

Seit letztem Herbst sind die Merci-Schilder nun wieder zurück. Aufgrund von vielen positiven Rückmeldungen.

Doch die Aktion kommt nicht bei allen gleich gut an.

Wie findest du die Thuner Knigge-Kampagne?

«Ich persönlich finde es ein Armutszeugnis, dass sowas überhaupt nötig ist. Haben die Leute keinen Anstand mehr?», ärgert sich Nau.ch-Leser Matthieu Berger*.

Tatsächlich scheint der Respekt im öffentlichen Raum abzunehmen. Das legt zumindest eine Nau.ch-Umfrage in Thun nahe.

Thunerin klagt: «Kein Anstand mehr»

Jacqueline (63) etwa findet die Kampagne «richtig nötig». Denn: «Gewisse Leute haben wirklich keinen Anstand mehr. Vor allem die Jungen, aber auch die Älteren, die die Plätze mit ihren Einkäufen besetzen.»

Trotz Kinderwagen macht ihr kaum jemand Platz. Sie hofft deshalb, dass die Knigge-Kampagne gutes Benehmen wieder stärker ins Bewusstsein rückt.

Auch Urs (66) ist überzeugt, dass es nötig ist, die Leute «aufzurütteln». «Viele laufen nur noch mit Stöpseln in den Ohren rum und schauen nicht mehr links und rechts.»

Erst kürzlich habe er im Zug eine schockierende Szene erlebt: Ein Mann mit Parkinson konnte nicht aussteigen, während andere Fahrgäste achtlos an ihm vorbeigingen. Erst ein jüngerer Mann half schliesslich.

Ruedi (80) kann der Aktion ebenfalls etwas abgewinnen. Er findet die Thuner Knigge-Kampagne «witzig». «Mich dünkt das gut, wenn man eine Kampagne macht, die einen gewissen Schalk hat.»

«Laut telefonieren stört»

Weniger überzeugt zeigen sich Malina und Nayla (beide 15). Sie halten die Kampagne für «überbewertet» und glauben nicht, dass viele die Schilder überhaupt beachten.

Trotzdem stören auch sie sich am Verhalten anderer: «Wenn sie laut telefonieren, stört das. Oder wenn sie etwas essen und danach der ganze Bus danach riecht.»

Nicht alle Sujets sind jedoch auf Anhieb verständlich. «Danke an alle, die coole Musik hören, ohne die Playlist zu teilen», versteht Younes (17) nicht sofort.

Grundsätzlich hält er das angesprochene Verhalten zwar für «selbstverständlich», findet es aber trotzdem sinnvoll, daran zu erinnern.

Sein Kollege Jared (17) sieht ein anderes Problem: Besonders ältere, alkoholisierte Personen, die laut Musik hören, stören ihn. «Das ist gegenüber anderen blöd.»

66-Jähriger hat Angst, zusammengeschlagen zu werden

Bleibt die Frage: Soll man andere Fahrgäste darauf ansprechen, wenn einen ihr Verhalten stört?

Für Urs ist das situationsabhängig. «Ich muss natürlich aufpassen», sagt der 66-Jährige.

«Ich bin nicht mehr so stark, dass ich den Jüngeren an Kraft gewachsen bin. Nicht, dass ich noch zusammengeschlagen werde!»

Sprichst du andere im ÖV an, wenn dich etwas stört?

Jacqueline (63) hingegen greift regelmässig ein – etwa wenn Jüngere keinen Platz machen oder die Füsse auf die Sitze legen.

Dann frage ich: «Seid ihr bei euch zu Hause?» Die Antwort falle allerdings ernüchternd aus: «Ja, das mache ich auch bei mir zu Hause.»

Ihr Fazit: An der Erziehung könne man zwar wenig ändern. «Aber ich hoffe, dass diese Kampagne etwas nützt.»

Thuner Busbetrieb: «Selten etwas selbstverständlich»

Ivan Bill, Geschäftsführer der Thuner STI Bus AG, erklärt bei Nau.ch: «Ich möchte vorausschicken, dass wir kein Verhalten einfordern. Mit der Kampagne bedanken wir uns bei allen Menschen, die ein gewünschtes Verhalten an den Tag legen.»

Das betreffe die «überwiegende Mehrheit». Doch: «Leider müssen wir aber feststellen, dass punkto Knigge im ÖV selten etwas Selbstverständliches ist.»

Als Beispiel nennt Bill das Phänomen der «Lautsprecher-Telefonie».

«Für viele ist es selbstverständlich, in einem vollbesetzten Bus nicht über den Lautsprecher ein intimes oder vertrauliches Gespräch zu führen. Dennoch häufen sich die Rückmeldungen zu genau diesem Verhalten enorm», sagt er.

«Sensibilisierung gelungen»

Die Wirkung der Kampagne lasse sich schwer quantifizieren.

Doch: «Aufgrund der vielen positiven Rückmeldungen von Fahrpersonal und Fahrgästen lässt sich festhalten, dass die Sensibilisierung gelungen ist.» Das sei das Hauptziel der Kampagne gewesen.

Und: Die Feedbacks seien «fast ausnahmslos positiv». Gelobt wurden etwa «die frischen Farben und die bewusst mit Witz gewählte Umsetzung».

Der Thuner Busbetrieb habe «so viele Rückmeldungen wie noch zu keiner anderen Kampagne erhalten».

Und was meint die Knigge-Expertin zur Kampagne?

Knigge-Expertin Katrin Künzle
Katrin Künzle ist lizenzierte Knigge-Trainerin. - zVg

«Auf den ersten Blick wirken solche Bilder tatsächlich etwas befremdlich», sagt Katrin Künzle zu Nau.ch.

«Schliesslich wissen wir alle, dass man keinen Sitzplatz mit der Handtasche blockiert. Oder dass man ein Thunfisch-Sandwich nicht im Bus auspackt.»

Doch: «Wer regelmässig mit dem Bus oder Tram unterwegs ist, stellt schnell fest, dass es leider doch nicht so selbstverständlich ist.»

«Nicht aus Absicht, sondern aus Gedankenlosigkeit»

Künzle erklärt das so: «Menschen unterschiedlicher Kulturen, Altersgruppen und Gewohnheiten treffen sich unfreiwillig auf engstem Raum. Oft ist man sich da nicht bewusst, dass das eigene Verhalten Mitreisende stören kann.»

Sie betont: «Häufig geschieht dies nicht aus Absicht, sondern aus Gedankenlosigkeit. Die Rücksichtnahme gerät zunehmend in den Hintergrund.»

Zur Wirkung der Schilder meint die Knigge-Expertin: «Ein einfaches Bild kann ausreichen, um einen kurzen Moment der Reflexion auszulösen.»

Ein Symbol gegen Essen im Bus mache bewusst, dass starke Gerüche in geschlossenen Räumen für andere Fahrgäste störend sein können. «Im besten Fall entscheide ich mich, den Salat mit extra Zwiebeln später zu essen.»

«Vorbildfunktion»: Knigge-Expertin nimmt Erwachsene in die Pflicht

Und die Knigge-Expertin lobt: «Man erhebt mit den Plakaten keinen moralischen Zeigefinger. Die Bilder weisen darauf hin, was nicht erwünscht ist.» Das schaffe Orientierung.

Doch mit einer Kampagne allein sei es noch nicht gemacht. «Vielleicht wäre es sinnvoll, wieder vermehrt Benimm- und Sozialkompetenzstunden in den Schulalltag zu integrieren», rät sie.

Und auch Erwachsene müssten sich ihrer «Vorbildfunktion» gegenüber Kindern und Jugendlichen bewusst sein. «Wenn grundlegende Umgangsformen nicht mehr sichtbar gelebt werden, gehen sie langfristig verloren», warnt Künzle.

* Name von der Redaktion geändert.

Mehr zum Thema:

Kommentare

User #2468 (nicht angemeldet)

Plakate die nicht , auf Anhieb verstanden werden, lösen ev.Diskussionen aus und würden mehr bewirken.

User #4708 (nicht angemeldet)

Es braucht mehr Sicherheitspersonal, die solche Leute auch sanktioniert.

Weiterlesen

STI Busse Thun
9 Interaktionen
Thuner ÖV
Egoismus
549 Interaktionen
Fingernägel und Co.
ÖV
259 Interaktionen
«Drängler nerven»

MEHR AUS OBERLAND

FC Thun
4 Interaktionen
Daten und Orte
Uetendorf
1 Interaktionen
Grünes Licht